Selbstjustiz mangels Strafjustiz?

Vielleicht sollte Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal Verhörräume künftig besser meiden. Mit dem Nazi lief es damals nicht so. Mit dem Hauptmann Kessler auch nicht so. Und nun kippt ihr die Tante um. Woran liegt’s? Wie so oft an einem Handlungstwist, den die Tatort-Reihe so schätzt. An diesem Krimi-Sonntag im Tatort: Lenas Tante allerdings werden die Wendungen auf eine neue Spitze getrieben.

Tod durch Lebensende?

Eigentlich beginnt alles ganz unschuldig: Ein alter Mann stirbt in einem Altersheim. Allerdings nicht eines natürlichen Todes, sondern an einer Überdosis Insulin. Wer hatte nun ein Motiv, den 90-jährigen Herrn Herweg umzubringen? Das fragen sich Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) erstmal recht unmotiviert, aber durchaus beschwingt. Vor allem scheinen in dem exklusiven Altersheim manche Pflegestufen überrollt zu werden

Nachts im Altenheim: Herr Kahane (Rüdiger Vogler) // © SWR/Benoît Linder

…und was hat nun eigentlich Lenas Tante und Ziehmutter, die pensionierte Staatsanwältin Niki (cool: Ursula Werner), damit zu tun? Burschikos ist eine Sache. Voller entschlossener Heimlichkeit hingegen eine ganz andere. Nach und nach wird deutlich: Eigentlich kennt die Lena ihre Tante gar nicht. 

Was handlungsbedingt wichtig ist, im Drehbuch von Stefan Dähnert jedoch kaum schlüssig aufgeklärt wird. Scheint diese Tante doch eine der wichtigsten Personen für Lena Odenthal gewesen zu sein und doch ist von Beginn an enervierte Anspannung zwischen den Zweien in diesem von Tom Lass inszenierten Tatort zu spüren. Dass Lena kein Gespräch mit ihrer resoluten Tante führen kann, ohne beinahe aus der Haut zu fahren macht es nicht weniger irritierend. 

Es muss eine Wende durch Ludwigshafen gehen

Auch ist anfangs nicht klar, woher dieses Misstrauen kommt und im weiteren Verlauf wird nicht allzu deutlich aufgeklärt, warum Lena ihre Tante zu schützen versucht und sie doch immer wieder bevormundet, ohne einfach mal die richtigen Fragen zu stellen. Dass sie damit nicht nur die Ermittlungen behindert, sondern auch ihrer Kollegin Stern das Leben zur Hölle macht — sei’s drum. 

© SWR/Benoît Linder

Dennoch ist dieser Tatort durchaus eine alles in allem spannende und sehr unterhaltsame Geschichte, die sich im Mittelteil einmal um 180 Grad dreht. Während es im ersten Teil eher einer Kritik am deutschen Pflegesystem ähnelt (und dieser Strang fast vollständig abbricht), wird die zweite Hälfte düster- historisch, etwas das sich über einen frühen Reichsbürgerbesuch andeutet. Darüber soll aber an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, da die Zuschauer:innen das in der Tat hart erwischen kann, was bei diesem Thema gut und richtig ist.

Mehr Wodka bitte!

Dass es jedoch über eine pathetische wenn auch ästhetische Kamerafahrt (Michael Merkel) eingeleitet wird, ist ärgerlich und auch unnötig. Ebenso ist es fraglich, warum Klein-Odenthal so gar nichts über den beruflichen Werdegang von Tante Odenthal zu wissen scheint (und sich dennoch konstant fragt: Ist meine Tante Rächerin der Entrechteten und wenn ja wie oft?). Andererseits stehen die Ludwigshafener Tatorte ohnehin nicht explizit für ihre Sinnhaftigkeit. 

Niki Odenthal (Ursula Werner) erzählt Johanna (Lisa Bitter) und Lena (Ulrike Folkerts) von ihrem beruflichen Schwerpunkt // © SWR/Benoît Linder

Wenn mensch dies verdauen kann, dürfen 88 spannende, überraschende und durchaus lehrreiche Minuten erwartet werden. Unbeantwortet bleibt eine Frage aber doch wieder: Geht Lena in Bälde? Seit mehreren Folgen wird angedeutet, dass die Dame sich gegebenenfalls bald verabschiedet (und auch Folkerts Instagram-Account weist immer mal wieder darauf hin). Und falls ja, bekommen wir dann bitte ein mit Wokda-Wein-und-Kippen ermittelndes Duo Stern-und-Tante-Odenthal, das sich regelmäßig Pizza „ausleiht“?!

Arbeitsfoto: Regisseur Tom Lass mit Ursula Werner // © SWR/Benoît Linder

Tatort: Lenas Tante läuft am 22. Januar 2023 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Lenas Tante; Deutschland 2022; Regie: Tom Lass; Buch: Stefan Dähnert; Kamera: Michael Merkel; Musik: Manouk Roussyalian; Darsteller*innen: Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Ursula Werner, Dieter Schaad, Rüdiger Vogler, Maja Zeco, Cristin König, Johannes Dullin, Niklas Kohrt, Peter Espeloer, Annalena Schmidt; Laufzeit ca. 88 Minuten; Eine Produktion des Südwestrundfunks für die ARD

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