Boys, Boys, Boys – für eine gute und erfrischende Zeit

Ein fabelhafter Film über Freundschaft, ein Fest des Anders-Seins und ein großes Symbol gegen Homofeindlichkeit: In „Die glitzernden Garnelen“ dreht sich alles um eine schwule Wasserball-Mannschaft.

Zugegeben: Bevor ich das erste Mal vom Film Die glitzernden Garnelen hörte, war mir nicht bewusst, dass es schwule Wasserball-Mannschaften gibt. Darüber hinaus muss ich ebenso zugeben, mich auch noch nicht dezidiert mit den Gay Games auseinandergesetzt zu haben. Mit deren Wirkung und all dem durchaus, aber nicht unter sportlichen Gesichtspunkten. Insofern habe ich keine Ahnung, welche Sportarten dort so im Detail vertreten sind. Darum geht es in dem sehr sommerlichen französischen Film aus dem Jahr 2019: Die titelgebenden Glitzernden Garnelen sind eine eher schlecht als recht aufspielende schwule, beziehungsweise durch die Rückkehr einer Trans-Spielerin queere, Wasserball-Mannschaft, die von einem heterosexuellen Trainer im Rahmen einer Strafmaßnahme trainiert werden, um sich für die Gay Games in Kroatien zu qualifizieren.

„Ich habe meinen Anus tätowieren lassen“

Matthias Le Goff (Nicolas Gob) ist eigentlich Vize-Schwimmweltmeister und gut im Geschäft, doch dann äußert er sich in einem Live-Interview homophob. Sein Verband entscheidet sich, ihm zur Wiedergutmachung einen besonderen Job zu geben: Er muss die schwule Wasserball-Mannschaft „Die Glitzernden Garnelen“ trainieren und für die Gay Games in Kroatien fit machen – sonst war es das mit seiner Karriere. Matthias aber ist irritiert: Der bunten Truppe scheint jeder sportliche Ehrgeiz zu fehlen, den Garnelen geht es eher darum, gemeinsam Spaß und eine schillernde Zeit zu haben. Doch Team-Kapitän Jean (Alban Lenoir) hat durchaus Interesse am Erfolg, wie auch daran, seinen Freunden einen krönenden Abschluss zu geben, denn Jean trägt ein Geheimnis mit sich rum…

Tja… und nun?! // © Salzgeber

…das klingt nun alles so, als könnten wir es mit einer überkandidelten Tragikomödie zu tun haben, das ist aber nicht der Fall. Zuallererst einmal ist der Film der Regisseure und Autoren Cédric Le Gallo und Maxime Govare ein schönes Stück über Freundschaft und Verbindung, auch bei sehr unterschiedlichen Leben. So haben wir neben dem zwar bedachten, aber nicht überernsten Restaurantbesitzer Jean zum Beispiel dessen jungen Mitarbeiter und Garnelen-Neuzugang Vincent (Félix Martinez), der die schwule Welt gerade erst entdeckt, Alex (David Baïot), der nicht nur seine Beziehung zu Jean wieder herstellen, sondern so gut es geht für alle da sein möchte. Den Familienvater Cédric (Michaël Abiteboul), dem es schwer fällt, Mann, Kinder, Job und Garnelen unter einen Hut zu bringen und zu teils sehr harschen und schreiend komischen Maßnahmen greift, um dies zu schaffen. Die erwähnte Trans-Figur Fred (Romain Brau), die sich nicht nur mit Kostümen und Choreographie, sondern auch Vorbehalten aus dem eigenen Team herumschlagen muss und Xavier (Geoffrey Couët), der flamboyant-schwelgerische Millennial, mit viel Bewusstsein für seine Umgebung. 

In diese sehr bunte Truppe wird also der eher ungeduldige, verbissene und endlos arrogante Matthias hineingeworfen, der sie unter anderem erst einmal „Mongos“ nennt, und wie es kaum anders zu erwarten war, verzweifelt er schnell an ihnen und schreibt sie ab. Wie aber auch zu erwarten, kommt alles ein wenig anders und urplötzlich befinden sich alle im einen Bus auf dem Weg nach Kroatien. Natürlich ist diese Reise bei aller Freundschaft nicht frei von Reibereien, Unsicherheiten und hervorbrechenden Unzufriedenheiten. 

Echtes Training strengt an… // © Salzgeber

„Verschiedenheit ist unsere Stärke“

Dabei hält sich das Verhältnis von teils beißendem Witz (inklusive eines zu Natascha Kampusch; erinnert ihr euch daran? Die meisten Kampusch-Witze waren echte Brüller), bedächtigem Ernst und echter, aber zurückgenommener Tragik in Die glitzernden Garnelen immer die Waage. Ernst und Humor, Tragik und Komik liegen hier wie im echten Leben oft sehr dicht beinander. Diese enge Verbindung im Film zu sehen gefällt wohl nicht allen, entweder es solle gelacht oder gelitten werden. Ausnahmen wie Magnolien aus Stahl oder auch Priscilla – Königin der Wüste bestätigen die Regel. Letzterer sei auch – allein schon wegen des extravaganten Road-Trips – ein Film gewesen, den Co-Regisseur Cédric Le Gallo bei der Entwicklung von Die glitzernden Garnelen als Referenz im Kopf gehabt habe. In der Tat gibt es eine Einstellung, in der das Team im offenen Bus feiert und viele werden sich unweigerlich an Priscilla erinnert fühlen.

Natürlich gibt es auch Momente, in denen es heikel werden könnte: Bei einer Szene, in der „Sous le vent“ von Garou und Céline Dion zum besten gegeben wird, waren wir nicht sicher, ob die Stimmung im Lokal kippen könnte. Ebenso bei zwei, drei anderen Momenten. Daran können wir mal sehen, wie konditioniert wir darauf sind, dass, wenn irgendwo fröhliche schwule, lesbische oder queere Menschen durch die Gegend laufen, sie unweigerlich mittelfristig auf die Fresse bekommen müssen. Da sage uns mal bitte wieder jemand, wie überdramatisch das sei und wir uns einfach nicht so in den Vordergrund drängen sollten. Und hier geht ein abschätziger Seitenblick zur UEFA, mal so aus ganz aktuellem Anlass, oder auch zu einer Marke, die ihrer Queerness im Pride Month so gern Ausdruck verleiht.

Love it! // © Salzgeber

Ebenso arbeitet der Film damit, dass sich im Team Menschen unterschiedlicher Generationen befinden: So wird über effektiven Aktivismus und Wokeness gestritten, war denn früher alles besser oder schlechter? Wer hat wem den Weg bereitet? Ist Engagement heute nur noch geltungssüchtiges Hobby? Eingeordnet wird dies auch, wenn es im Film heißt: Wir können uns nun entscheiden, ob plumpe Streiterei über Nichtigkeiten gesund sind oder doch der Fokus auf das Wesentliche zu richten sei. Übrigens fahren wir gleich an einem Konzentrationslager vorbei, in dem auch Homosexuelle von den Nazis ermordet worden sind. Diese kleine Szene bringt all die beschriebenen Stärken zusammen.

Apropos zusammen: Das Ensemble funktioniert ganz fantastisch, die Rollen sind echt geschrieben und die Darsteller verkörpern diese passend und nachvollziehbar. Dazu stimmt die Chemie zwischen den Männern einfach und diese Freundschaften scheinen möglich. Was sicherlich auch daran liegt, dass Le Gallo selber Teil einer solchen Wasserball-Mannschaft ist (gar der Filmtitel ist von diesen) und er dort die zwischenmenschliche Dynamik und die Möglichkeit von engen Freundschaften trotz sehr unterschiedlicher Leben kennengelernt hat. 

„Überlass das mal Mary Poppers“

Zusammen zwei: Große Beziehungsdramen werden nicht erzählt, auch wenn es die eine oder andere emotionale Enttäuschung gibt. Diese kann unter „Lernprozess“ gepackt werden und ist so charmant erzählt wie der große Rest. Zwar gibt es auch bei den Garnelen die eine oder andere erzählerische Unebenheit, aber diese fallen so marginal aus, dass sie kaum einer Erwähnung wert sind. Der Film ist auch viel zu sympathisch, als dass wir lange Zeit damit verbringen wollten, die kleinen Fehler zu finden. 

Pep-Talk?! // © Salzgeber

Fehlerhaft sind auch die Charaktere und schön ist es, dass, wenn’s drauf ankommt, sie einander dennoch annehmen, so ganz menschlich halt mal. Das ist dann fast wie eine kleine Utopie. Und sicherlich auch einer der Gründe, dass sich der lebensbejahende Film, der während der Corona-Zeit als Video on Demand und derlei erschien und das Anders-Sein so feiert, großer Streaming-Beliebtheit erfreute. In Frankreich sahen ihn zusätzlich gut eine halbe Million Menschen im Kino und Gerüchten zufolge, arbeiten die Co-Regisseure Le Gallo und Govare an einem zweiten Teil, der wohl La revanche des crevettes pailletées heißen soll. 

Nach diesem wunderbaren, lustigen, genau passend dramatischen und ehrlichen (Sommer-)Film voller Herz (und toller Musik) sind wir definitiv an Bord und im Becken für einen zweiten Teil. 

Die glitzernden Garnelen (OT: Les crevettes pailletées); Frankreich 2019; Regie & Drehbuch: Maxime Govare, Cédric Le Gallo; Musik: Frédéric Kooshmanian, Thomas Couzinier; Kamera: Jérôme Alméras; Darsteller*innen: Nicolas Gob, Alban Lenoir, Michaël Abiteboul, David Baïot, Romain Lancry, Geoffrey Couët, Romain Brau, Félix Martinez, Samuel Danesi; Laufzeit: ca. 103 Minuten; FSK: 12; Edition Salzgeber; kofinanziert durch das Programm Creative Europe Media der Europäischen Union; französische Originalfassung, deutsche Untertitel; erhältlich auf DVD, als VoD und Download

Die glitzernden Garnelen lief am 24. Juni um 23:15 Uhr im rbb und bildete den Auftakt der diesjährigen rbb Queer-Reihe.

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