„Ein Jüngstes Gericht des Wahnsinns“

Idole vom Sockel zu stoßen ist seit langer Zeit eine manchmal notwendige, noch häufiger aber hobbymäßig betriebene Beschäftigung. Sie zu beobachten kann unterhaltsam bis aufwühlend sein. Manche Idole spornen sogar dazu an, zu versuchen, sie vom Sockel zu stoßen, etwas das beispielsweise die Serie Hannibal neben vielem anderen so sexy gemacht hat.

Auf einem Sockel steht im ersten Roman Identitti von Mithu Sanyal auch die Professorin für Postcolonial Studies der Uni Düsseldorf Saraswati. Nun hat sie sich nicht ganz allein auf diesen gehievt, sondern wurde natürlich auch von sie bewundernden Student*innen dort platziert und fixiert. Eine davon ist Nivedita, deren Mutter aus Polen und Vater aus Indien stammen, die Saraswati für ihre Klugheit, ihre Schönheit, ihr selbstverständlich alles einnehmendes Auftreten und einiges mehr bewundert, ja sie sich gar irgendwie als Ersatzmutter oder wahlweise Geliebte zu wünschen scheint und den titelgebenden Blog betreibt, in dem sie primär Zwiegespräche mit der Göttin Kali (eine Zeichnung Kalis von Raja Ravi Rama ziert auch das mal wieder wunderbare Cover des im Hanser Verlag erschienen Romans) wiedergibt.

Nicht PoC sondern spießer-weiß

Umso schwerer wiegt es, als der Sockel nicht nur wackelt, sondern beinahe gesprengt wird: Es wird aufgedeckt, dass die vermeintlich überlebensgroße Saraswati keine Person of Colour, gar nicht indischer Abstammung ist, sondern weiß. So richtig, richtig spießer-weiß. Ein Shitshtorm sondergleichen bricht über die Professorin herein. Aber auch über Nivedita, hat sie doch kurz vor der Enthüllung ein Interview zu ihrem Blog gegeben, in dem sie sich aber auch positiv über ihre Professorin äußerte, das jedoch erst nach Bekanntwerden der Vorwürfe öffentlich gemacht wird und so scheint es, als würde Nivedita sie verteidigen. Auch, aber nicht nur aus diesem Grund, bezieht sie das Gästezimmer in der Wohnung der beurlaubten Saraswati. 

Damit geht’s quasi los mit einem vielschichtigen, erhellenden, anspielungsreichen und teils wahnsinnig witzigen Kammerspiel, das sich jedoch in mehrerlei Hinsicht immer mal wieder aus der Kammer raus und in den sozialen Raum hineinbegibt. Also den bei Shitstorms alles entscheidenden sozialen Raum – den der sozialen Medien. Da wird es dann auch beinahe hyperrealistisch, hat Mithu Sanyal doch Menschen wie René Aguigah, Fatma Aydemir, Patrick Bahners, Christian Baron, Felix Dachsel, Kübra Gümüşay, Arne Hoffmann, Ijima Mangold, Jacinta Nandi, Sibel Schick oder Hengameh Yaghoobifarah gebeten, Tweets, beziehungsweise Instagram- und Facebook-Einträge zu verfassen, wie sie sie im wohl absetzen würden, wäre dieser Vorfall real. Ebenso sind die Journalist*innen real, Interviews und anderes sind in dieser oder ähnlicher Form in anderen Zusammenhängen in der Tat geführt worden.

So beziehen sich auch die Inhalte, die nun im Zuge dieser Enthüllung, der Entzauberung aufkommen, auf in der Wirklichkeit stattfindende Debatten, hier eben nur etwas kondensiert, ohne jedoch einseitig zu werden. Ganz im Gegenteil lässt Sanyal ihre Protagonist*innen die Vielseitigkeiten und Fallstricke von Identitätspolitik und Menschsein breit debattieren. Da geht es um race, gender, das Patriarchat, (kulturelle) Aneignung, Privilegien, Sexualität, Narzissmus, Verlustangst und so weiter in ganz verschiedenen Formen. Hier kann mal wieder das Wort „Ambivalenzen“ ausgepackt werden oder auch „Spektrum“, wie Sanyal an mancher Stelle schreibt.

Ein Schaukasten der Obsessionen

Dass sich dieser argumentativen Offenheit nicht viele hingeben wollen, arbeitet Sanyal in ihrem literarischen Debüt hervorragend heraus – so viel gibt es da eigentlich erstmal nicht herauszuarbeiten, ein Shitstorm lässt uns dessen gewahr sein – und hält auch all den woken Anti-Saraswatis den Spiegel vor, ohne sie an den Pranger zu stellen. Argumente, offene und rhetorische Fragen, halb-philosophische Gedankenanstöße fliegen durch das Buch wie Staub durch meinen Stapel ungelesener Bücher. 

Verstärkt wird das durch Begegnungen mit Kommilitonin Oluchi, die sich an die Spitze der Sarawsati-Muss-Weg-Fraktion stellt, der Cousine Niveditas, Priti, die ihre ganz eigenen Konflikte mit der doch nicht PoC-Professorin hat und eine wesentliche Rolle in dem Ganzen spielt, Sarawsatis Bruder und ihrer Freundin Toni, die nicht nur für Nivedita, sondern auch uns Leser*innen ein faszinierend exotisches Wesen lakonischer Ruhe darstellt (sollte Identitti mal verfilmt werden, nehmt doch bitte Luise Wolfram, danke). Das hat auch den Vorteil, dass an mancher Stelle, an der der Eindruck entsteht, wir kommen in eine Länge, beginnen uns zu drehen, doch wieder etwas die Handlung vorantreibendes geschieht. Sanyal beweist hier ein sehr gutes Gefühl für das richtige Timing. Auch die Einstreuungen der genannten Social-Media-Beiträge und manches Blogpost von Nivedita aka Identitti lockern die Erzählung auf.

Dennoch ist Identitti deutlich anzumerken, dass Mithu Sanyal aus dem Sachbuch-Bereich kommt. An mancher Stelle entsteht das Gefühl, lediglich kommentierte Wiedergaben diverser Standpunkte zu lesen. Andererseits kann die Frage gestellt werden, wie ein inhaltlich ausgewogener Roman zu solch einer Thematik anders geschrieben werden sollte? Insofern ist das kein Kritikpunkt, eher eine Feststellung. Kritisch aber sehe ich die letzten zwei Absätze, oder vor allem den letzten, auf Seite 390. Hier zieht Sanyal schon einmal ein Fazit und gibt uns Lesenden mit, wie das Gelesene zu interpretieren sei. Das ist schade bei einem Buch, das sich um den Wert von differenzierten Debatten dreht und hätte es nicht gebraucht.

Zumal die Entwicklung Niveditas im sich anschließenden dritten Buchteil „Coda“ noch einmal deutlich gemacht wird. Auch wenn es hier erneut zu einer Fragestellung oder Wendung kommt, bei der sich geneigte Leser*innen fragen dürften, wieso sie sich diese Frage nach Anlass der Enthüllungen nicht schon gut zweihundert Seiten vorher stellte, wenn sie da doch schon über das Fehlen moralischer Knochen und so stritten.

„Ein magischer Vorgang namens Empathie“

Gestritten wird viel, nicht nur über die eigentlichen Fragen: „Wieso hast du das getan und wer bist du, Saraswati?“ Sondern auch darüber, wer Nivedita ist und sein will, was sie braucht und weshalb sie sich ihre Idole oder ihren On-Off-Freund Simon so aussucht, wie sie es tut. Dass diese Streitereien auf der einen Seite schlagfertig, auf der anderen reflektiert erzählt werden, ist ein weiterer Trumpf des Buches. Kurz vor Schluss gibt es dann noch ein paar quasi dadaistische Verrenkungen, die auch willkommen sind, wenn sie auch zu einer eher… lückenhaften Auflösung eines wesentlichen Konflikts führen. Das jedoch mögen verschiedene Leser*innen jeweils anders beurteilen.

Parallel dazu haut Mithu Sanyal zeitlich leicht verschoben noch ein schweres Ereignis ins Buch, das hier nicht vorweggenommen werden soll, die Geschehnisse in ihrer vermeintlich skandalträchtigen Tragweite aber nochmals solide einordnet. Überhaupt spielt Sanyal immer wieder auch damit, dass dieser Vorfall doch eigentlich eine Provinz-Posse wäre oder sein könnte, die für sich womöglich wieder nur in einer bestimmten Bubble stattfindet.

Nach der Lektüre der gut vierhundert Seiten Identitti, das auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises steht, sind zwei, drei Dinge passiert. Zum einen scheint es mir nicht mehr ganz so ausweglos, weiter dafür zu streiten, sich konstruktiv zu streiten. Zum anderen hat Mithu Sanyal mir mit ihrem Buch nicht wenige Gedankenanstöße gegeben, die ich gern weiterverfolgen möchte. Zu guter Letzt haben sich meine Lachfältchen (!) vertieft. 

AS

PS: Bei allen Büchern, die wir besprechen, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind, wollen wir uns die Frage stellen: Sollte dieses Buch in der Breite gelesen werden? Auf jeden Fall sollte Identitti weithin gelesen werden. Es ist von guter Lesbarkeit, hier müssen keine Hürden überwunden werden, um sich sprachlich darauf einzustellen (vielleicht abgesehen von einigen englischsprachigen Einschüben). Hier dennoch ein Kritikpunkt: Bilder wie „Einsamkeit schwappte wie eine Panikattacke über Nivedita […]“ sind dann doch etwas drüber und, viel schlimmer, fügen sich nicht in den Ton des Buches. Sie sind aber die Ausnahme und können beinahe ohne Weiteres verkraftet werden.

PPS: Beleidigungen, die wie Komplimente ausgetauscht werden, lässt an die famose Serie Succession denken. Da gibt es auch bald mal eine Besprechung.

PPPS: Wir meinen zu wissen auf was „Philosophia universalis“ anspielt und finden’s gut.

PPPPS: Im Buch, aber auch im neuländischen Internet, gibt es einen Test „Wie braun bist du?“ Enjoy!

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Mithu Sanyal: Identitti; 1. Auflage, Februar 2021; 432 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-446-26921-7; Hanser Verlag; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

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