Es gibt kein richtiges Leben im falschen!

Familie Malegarde trifft sich in Paris, um den siebzigsten Geburtstag des Familienoberhaupts Paul und den vierzigsten Hochzeitstag von Paul und Lauren zu feiern. Mit dabei: die aus London angereiste Tochter Tilia und Sohn Linden, der mit seinem Mann Sacha, der eigentlich Alexander heißt, in San Francisco lebt und in diesem Roman Fünf Tage in Paris von Tatiana de Rosnay eine Art Hauptrolle einnimmt. Doch gibt es noch eine zweite Hauptrolle in diesem Roman: Der Regen.

Die Malegards treffen in der französischen Hauptstadt ein und es regnet seit Tagen schon ohne Unterlaß, in diesem Buch regnet es gar bis zur Seite 288. Paris versinkt mehr und mehr, und die Autorin scheint die unaufhörlich ansteigende Seine, von der Victor Hugo in Notre-Dame de Paris schrieb, sie sei „mit ihren breiten grünen und gelben Lachen schillernder als eine Schlangenhaut“  als Metapher zu nehmen für das brüchige Leben von Paul, Lauren, Tilia und Linden. Was nämlich als ein nettes Familientreffen gedacht war, rinnt sehr schnell in kleine und große Katastrophen, deren Ursprung in der Vergangenheit liegen. Nicht nur Paris wird zu einem Schlachtfeld, sondern auch die Familie Malegarde und so einige Nebengestalten, die im Verlauf der spannenden Handlung dieses Buches die Bühne betreten werden. 

Mehr noch: Das Familientreffen in Paris entwickelt sich, wie Linden es selbst empfindet, zu einem Martyrium, und je höher der Pegel der Seine steigt, um so höher kochen die Gefühle der Malegards hoch, die es anscheinend nie verstanden haben, daß es, um Adorno zu zitieren, kein richtiges Leben im falschen geben kann.

Paul hütet ein schreckliches Geheimnis aus seiner Kindheit, das erst am Ende des Buchs gelüftet wird. Er liebt trotz seiner Schrulligkeit David Bowie und vor allem Bäume. Liebt er aber auch Lauren? Sie selbst sagt, daß sie es nicht wisse. Tilia wiederum hat sich nie von einem schrecklichen Autounfall erholt, bei dem ihre vier Freundinnen starben, sie also die Frage umtreibt: „Warum nur habe ich überlebt?“ Tilia ist anfangs nicht in der Lage, ihren geliebten Vater, der in Paris dann auch noch einen schweren Schlaganfall erleidet, im Hospital zu besuchen, weil sie den Geruch in Krankenhäusern nicht erträgt. Und dann ist da der schwule Linden, ein weltberühmter Fotograf. Für Linden ist seine Kamera, eine alte Leica, ein schützendes Schild, und dieses Schild hatte und hat dieser sympathische, gleichwohl unsichere Mann auch bitter nötig. Als Jugendlicher wurde er auf dem Schulhof verächtlich als „fiotte“, als Schwuchtel also beschimpft, und sein Coming Out bei der Mutter, in diesem Buch leider ein wenig klischeebehaftet, irgendwie bemüht also beschrieben, in jungen Jahren lief gänzlich schief. Die wesentliche Reaktion von Lauren beschränkte sich damals auf die besorgte Frage danach, was wohl Paul dazu sagen wird, wenn er das erfahren würde. Linden zieht daraufhin nach Paris, wo er bei seiner geliebten Tante Candice, die er „Candy“ nennt, lebt. Sie bestärkt ihren Neffen, offen als schwuler Mann zu leben. Eine großartige Frau, deren Leben allerdings tragisch endet, was Linden nie verwinden wird. Viele Jahre später ist auch die Mutter stolz auf ihren Sohn und sein Bekenntnis zum Schwulsein, doch ob sie es Paul irgendwann wirklich gesagt hat, bleibt offen. Geradezu herrlich die Beschreibung, als Lauren vom schwulen Sohn bei einem Lunch mit Freundinnen erzählt, weil eine Madame Moline frug, ob Linden denn eine Freundin habe und, wenn ja, wann er sie denn heiraten würde. Daraufhin Lauren: Ja, ihr Sohn heirate demnächst. Und zwar einen jungen Mann. „Madame Molines Lippen schienen mit einem Mal zu schrumpfen. Sie runzelte die Stirn. Einen Mann, wiederholte sie. Ja, entgegnete Lauren fröhlich, einen jungen Mann (…). Madame Moline blinzelte. Sie öffnete den Mund, betupfte ihn mit einer Serviette, und es kam immer noch kein Laut über ihre Lippen (…). Madame Moline sah völlig überfordert aus, sie starrte Lauren an, als hätte diese sich blau verfärbt oder ihr sei urplötzlich ein Bart gewachsen.”

Ach, Linden: Man möchte ihn ständig in die Arme nehmen. Etwa dann, wenn er versucht, das Zerstörerische in seiner Vergangenheit irgendwie sinnvoll aufzuarbeiten und ihm dies einfach nicht gelingen mag. Wenn Linden am Krankenbett seines Vaters bekennt, wie sehr er ihn liebt und nicht weiß, ob Paul ihn hören kann. Wenn er an seine verflossenen Liebhaber denkt, die ihm nie das geben konnten oder wollten, was er brauchte. Und auch, wenn Linden sich in seinem Sehnen nach Sacha verzehrt, der aber leider nicht nach Paris kommen kann, weil der Terminkalender es nicht erlaubt, leidet man mit. Linden versucht bei alledem verzweifelt, die Deutungshoheit über das eigene Ich zu formulieren und diese Deutungshoheit auch zu behalten, was ebenfalls nicht immer gelingt.

Es ist schwer, dieses Buch aus der Hand zu legen. Immer dann, wenn die Leserin oder der Leser denkt, schlimmer kann es nicht kommen, kommt es schlimmer. Etwa dann, wenn Tilias versoffener Gatte Colin auftaucht. Oder ein Mann, mit dem Lauren eine Affäre hat, die seit Jahrzehnten schon besteht. Je länger man all das liest, umso klarer wird, daß dieses Buch in eine menschliche Tragödie münden dürfte. Versuche dieser Familie, vergangene Geschehnisse zu reflektieren, führen nicht selten dazu, daß ihnen im Ergebnis klar wird: Manche Wunden mögen vernarbt sein. Verheilt sind sie indes nicht. Das ungeplante, vielleicht gar ungewollte Zurückwerfen in die Vergangenheit quält alle, und alle gehen damit unterschiedlich um. Ob bei alledem doch noch alles gut wird? Kommt sie vielleicht, die unerwartete Wendung? Der Rezensent geriet beim Schreiben dieser Zeilen immer wieder in die Versuchung zu spoilern und hat sich ihr – hoffentlich erfolgreich – widersetzt und schweigt infolgedessen.

Was den Schreiber dieser Zeilen, der sich in Paris besser auskennt als in Berlin, wo er seit langem wohnt, bei alledem auch beeindruckt, ist die Genauigkeit der örtlichen Beschreibungen. Es wäre überhaupt kein Problem, mit diesem Roman unter dem Arm in Paris exakt all die Wege abzugehen, die Linden gegangen ist.

Wenn man so will, ist Fünf Tage in Paris eine Inventur des Lebens der Protagonisten. Diese, aber auch die Leserin und der Leser, schauen in Abgründe. Und die Abgründe schauen zurück. Die Dichte der Handlung, die Tatiana de Rosnay beschreibt, ist streckenweise phänomenal. Das Buch enthält wunderschöne Sätze wie diesen: „Linden verstummt. Er läßt die Geräuschkulisse des Cafés sein Schweigen ausfüllen.“ Hat man also den letzten Satz gelesen und klappt das Buch zu, dann empfindet man für einige Sekunden, als sei es ein kleiner Tod. 

Großartiges Buch!

Holger Doetsch

Fünf Tage in Paris von Tatiana de Rosnay

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Tatiana de Rosnay: Fünf Tage in Paris; 1. Auflage 2019; Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens; 301 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-570-10365-4; C. Bertelsmann; 20,00 €

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