Wer Vielfalt sät…

Ein Blick in die Zukunft: Stellen wir uns vor, in nicht allzu ferner Zukunft, so in zwanzig bis etwa dreißig Jahren, finden Wahlen statt. Zur Wahl als Staatenlenkerin steht auch eine muslimische Frau. Das Land ist zermürbt, zerstritten und zerrüttet. Bürgerkriegsähnliche Szenen spielen sich auf den Straßen ab. Die bevorstehende Wahl wird von extremen Kräften verschiedener Seiten für ihre eigenen Agenden vereinnahmt und verunglimpft. Die einen sehen in der Frau Hoffnung, ein besseres Leben, die Möglichkeit alle vermeintlich menschenfreundlichen Träume verwirklicht zu sehen; andere sehen in ihr vor allem eine Islamistin, die eine Gefahr für Land und Leben ist, die die Scharia über alles stellen will. Das ist die Ausgangslage, nicht etwa in Syrien, wenn Asma al-Assad ihrem verstorbenen Mann Baschar folgen soll, sondern in Deutschland, wo Sabah Hussein für die ÖP – Ökologische Partei – Kanzlerkandidatin ist, im Roman Die Kandidatin von Journalist und Autor Constantin Schreiber.

Feministische Muslimin vs. alte rechte Männer?

„Wie konnte es soweit kommen?“ Diese Frage steht am Ende des ersten Kapitels, das das Buch mit „Wollt ihr absolute Diversität?“ einleitet, eine rhetorische Frage, die „ein junger Mann mit Vielfaltsmerkmal ins Megaphon“ schreit. Vielfaltsmerkmale sind beispielsweise das weibliche Geschlecht, der muslimische Glaube, eine nichtweiße Hautpigmentierung, eine Behinderung oder auch Homosexualität. Wir werden darauf zurückkommen, denn sie werden als Instrumente vor allem beruflicher Förderung in ein Gesetz gegossen. 

Doch zuerst einmal kurz zur an sich knappen Geschichte des ersten Romans Schreibers: Sabah Hussein, die als Flüchtlingskind nach Deutschland kam und es mit einer Mischung aus Ehrgeiz, Können, Ellbogen und Zur-Richtigen-Zeit-Am-Richtigen-Ort zur Kanzlerkandidatin der ÖP gebracht hat, sieht ihren Wahlsieg in beinahe trockenen Tüchern. Ihr Gegenkandidat, der biodeutsche Wolfgang Bauer von der Christlichen Partei Deutschlands (CPD), ist angeschlagen. Doch plötzlich wird verschiedenen Journalist*innen belastendes Material über sie, ihre Vergangenheit und manche Kontakte zugespielt. Insbesondere ein Journalist namens Jonas Klagenfurt, der für das laute und konservative Blatt AKUT arbeitet, beginnt sich der Informationen anzunehmen und zu recherchieren.

Darüber hinaus gibt es noch eine rechtsextreme und evangelikale Gruppierung, die einen Staat im Staate aufbauen, Hussein als Kanzlerin verhindern und sich auf den Tag X vorbereiten will. So viel sei gesagt: Leser*innen, die sich Die Kandidatin, das sich an mancher Stelle beinahe wie eine Reportage liest und über fiktive Interviews Charaktere beschreibt, in dem Wissen zur Hand nehmen, dass die Handlung im Grunde nur eine untergeordnete Rolle spielt und der Fokus auf dem von Schreiber erschaffenem Szenario liegt, lesen klar im Vorteil. Also – bitteschön. 

Quoten und „Gute“-Gesetze

So ist die Welt in Schreibers Buch in der Tat eine andere als heute, dann aber wieder doch nicht. Xi Jinping „hochbetagt“ ist noch immer Präsident Chinas, das seine finanziellen und damit territorialen Einflüsse selbstredend ausgebaut hat und kurz vor Ankunft einer deutschen Delegation, der auch Sabah angehört, noch schnell Taiwan besetzt hat (dazu sei dieser aktuelle Beitrag der Welt empfohlen). Auch Abd al-Fattah as-Sisi ist noch immer ägyptischer Diktator, wie sich im Buch weitere Kongruenzen finden.

Weiter finden sich, um einmal dabei zu bleiben, diverse Kausalitäten. Wie diese empfunden werden, kommt sicherlich auch darauf an, wie das im Verlag Hoffmann und Campe erschienene Buch Die Kandidatin gelesen wird. Wer es, ob von links oder rechts kommend, als bitterernstes Horrorszenario liest, wird nicht viel Freude am Buch haben und wenig Erhellendes darin finden. Als dystopische Satire hingegen ist es ein ganz fantastisches und beinahe noch angenehm gruseliges Buch. 

Zu diesen Kausalitäten gehört das oben angesprochene, im Buch klangschön VifaföG – Vielfaltsförderungsgesetz – genannte Gesetz. Es gibt Diversitätsquoten vor, in denen Menschen mit erwähnten Vielfaltsmerkmalen einzustellen sind und ihnen gegenüber Bewerbern oder bereits Beschäftigten (eines der Merkmale ist ja das weibliche Geschlecht) ohne diese, Vorrang einzuräumen ist. Constantin Schreiber formuliert hier auf knapp vier Seiten ein inhaltlich hervorragend gestaltetes Gesetz, das zum Schutz vor Diskriminierung diese ganz groß schreibt. Ein Paradox, das in aktuellen Debatten nicht selten auffällt und je nach Meinungsrichtung so oder so interpretiert wird.

Kurz vor dem VifaföG trat das GuNaG, das Gute-Namen-Gesetz, in Kraft. Diesem zufolge dürfen „Frauen und Diverse, ihre Namen dem Gender entsprechend“ anpassen und „Frauen mit männlich klingenden Namen können diese in eine weibliche From ändern. Aus Kaufmann wird Kauffrau, aus Angerer wird Angerin. Diverse Menschen können das Suffix -ix annehmen, zum Beispiel Kaufix und Angerix.“ Mal im ernst, der garstige Witz ist zu spüren; davon abgesehen wäre die -ix-Situation eine in der Tat pragmatische Lösung. 

Es steht geschrieben: Vieles Wahres

Pragmatismus ist es auch, der Sabah Hussein antreibt, denn viele der Ziele der ÖP sind ihr recht gleich, ihr geht es darum zu bekommen, was ihr zusteht, auch einmal dran zu sein, „die Bilanz auszugleichen“. Was nicht bedeutet, dass sie nicht einige für sie genommen idealistische Ziele verfolgt, die unter anderem auch darin umgesetzt zu sein scheinen, dass es inzwischen eine Oury-Jalloh-Schule und statt dem Ernst-Abbe-Gymnasium nun die Präsident-Erdogan-Schule gibt, in deren Foyer die türkische und die deutsche Flagge angepinnt sind und in deren Klassenzimmer Portraits Erdogans (der noch immer türkischer Diktator ist) hängen, federführend sind die muslimische Gemeinde und die DITIB.

Richterinnen können Hijab tragen, das K-Wort (Kopftuch) ist Tabu; statt Polizei wird in Stadtteilen wie Neukölln nun vermehrt auf die „Bürger:innen-Verantwortlichen“, kurz „B:V“ zurückgegriffen und das Neue Museum in Berlin wird zum „Antidiskriminierungsmuseum“ umgebaut (ich musste an dieser Stelle so, so, so unglaublich lachen, weil sich das bei mir mit einer South Park-Folge vermengte, die ich nur kurz zuvor gesehen hatte, in der die Jungs nach vermeintlichen homophoben Äußerungen gegenüber Mr. Garrison in das Toleranzmuseum mussten). 

Manch anderes hingegen sind Dinge, die sie mitträgt, weil sie Teil ihrer Partei sind, Flügel wollen befriedigt und befriedet werden. Also wird gegendert und ein geschlechtsloses Bild wo nur möglich geprägt, was ihr die journalistische Zuneigung unter anderem des Globus und insbesondere von Reporterin Anna einbringt. Wie die Presselandschaft, die es im Grunde kaum mehr gibt, beschrieben wird, ist großes Lesekino. Gut stellt Schreiber auch die Notwendigkeit des Netzwerkens dar, ohne dieses zu verteufeln. Viel Wahres steht in Die Kandidatin.

Halbalter-Weißer-Mann-Syndrom?

Das ist es natürlich auch, was dem Buch den Zündstoff gibt. Wie immer habe ich es vor dem Schreiben der Rezension vermieden, andere zu lesen; doch aber Interviews mit Schreiber zum Buch geschaut, wie auch die Buchpremiere mit Sahra Wagenknecht, und natürlich mitbekommen, dass das Buch polarisiert. Das ist aber ohnehin nach dem ersten Satz klar. Wieso ist das so? Nun, Kausalität eben. 

Constantin Schreiber pickt sich Themen raus, die seit geraumer Zeit debattiert werden, über die teils erbittert gezankt wird und die mittlerweile so aufgeladen sind, dass es gehörig funkt. Und diese werden natürlich nicht verschwinden, auch weil sie bereits jetzt teils ausschließlich zu Profilierungszwecken genutzt werden (der Hamburger CDU-Politiker Christoph Ploß und sein Kampf gegen das Gendern oder auch die Vereinnahmung und bewusste Missinterpretation des Begriffes „Identitätspolitik“ sind da gute Beispiele). So sollte man es sich mit Schreibers Kandidatin nicht zu einfach machen und rufen „Der will doch nur, dass nichts vorangeht.“; wieder so ein Bald-Alter-Weißer-Mann-Typ. Naja, nee. 

Also ja, älter wird der 1979 geborene Schreiber sicherlich auch, aber so simpel ist es dann eben nicht und nicht jeder vormals kluge Kopf beginnt im Alter wirres Zeug zu schreiben und zu erzählen, wie es der wesentlich ältere Stefan Aust nach Meinung des Rezensenten leider tut. Betrachtet werden sollte durchaus, wer Constantin Schreiber, der Grimme-Preisträger, ist, wofür er sich unter anderem mit seiner Deutschen-Toleranzstiftung einsetzt, welche Sachbücher er geschrieben hat und auch wie er offen, aber kritisch mit Blick auf Ideologisierung von Debatten, unterwegs ist. „Cancel-Culture“ mag das zwar noch nicht sein, aber das gegenseitige Aufeinander losgehen verschiedener Bubbles ist bedenklich und wie Schreiber in der Buchvorstellung sagt: Wir hecheln gefühlt von einer Empörungsdebatte zur nächsten. Hier gilt einmal der Satz: Die Aufregung um sein Buch gibt ihm recht.

Das Ringen um alles

Die Kandidatin macht vor allem eines: darauf aufmerksam, dass nur um eines Zeichens willen noch kein gutes Gesetz, keine gute Politik und noch keine gerechtere Gesellschaft geschaffen ist. Um das bestätigt zu sehen, reicht ein Blick auf die so genannte Respektrente. Es geht also um die Fragen, wie setzen wir Pluralismus und Diversität, nicht nur im Arbeitsleben, um; wie gestaltet sich eine Debatte um Themen, bei denen alle meinen, etwas mehr verdient zu haben? Da kann das Wort „Respekt“ in Gesetzen und Programmen stecken, gelebt wird es deswegen noch lange nicht. Erziehung ist nicht Teilhabe und nicht Integration und Geschenke sind nicht unbedingt Akzeptanz.

Diese Gedanken können aus dem Buch mitgenommen werden wie auch ein zwiespältiges Verhältnis zu einem Begriff, bei dem so viele immer meinen, das selbe zu denken: „Freiheit“. Sabah wundert sich in China, wie unfrei die Leute dort leben und wie zufrieden sie doch scheinen (die China-Reise ist ohnehin eines der Highlights des Buches). Sie wolle ihre Freiheit in Deutschland nicht aufgeben, gerade die neugewonnene Freiheit eben durch Gesetze wie das VivaföG, das natürlich Gestaltungsspielraum und unternehmerische Freiheit einschränkt. Auch das Verhältnis zur Freiheit ist ein fortwährender Abwägungsprozess. 

Constantin Schreiber hat mit Die Kandidatin ein unterhaltsames Buch vorgelegt, das unter anderem als Beitrag zu eben diesem ständigen Abwägen von Freiheiten und dem Ringen um Debattenformen verstanden werden und als geistesweckende Satire gelesen werden darf.

AS

PS: Es ist darüber hinaus ein schönes Spiel, beim Lesen zu überlegen, welche zufälligen Ähnlichkeiten bei den frei erfundenen Personen und Publikationen es eventuell zu entdecken gäbe. 

Constantin Schreiber: Die Kandidatin; 2. Auflage, Mai 2021; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; 208 Seiten; ISBN: 978-3-455-01064-0; Hoffmann und Campe; 22,00 €

Hinweis: Buchpremiere mit Constantin Schreiber und Sahra Wagenknecht moderiert vom Zeit-Redakteur Oskar Piegsa bei YouTube

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