Die fabelhaften Persönlichkeiten der Vögel

Vögel sind faszinierend, wer anderes behauptet, hat keine Ahnung (das kann ich schreiben, weil alle, die hier raufgeklickt haben, das sicherlich ähnlich sehen 🤷🏻‍♂️). Manch eine*r richtet das ganze Leben danach aus, lernt, studiert, forscht, verfasst Werke dazu. Andere leben ihr ausgeprägtes Vogel-Interesse eher in der Freizeit aus, lesen Bücher, schauen sich Ausstellungen an, gehen in die Natur. Einige werden erst in späteren Lebensjahren zu ausgewachsenen Hobby-Ornithologen. Natürlich gibt es auch jene, die ein eher marginales Interesse an der Welt und am Leben von Federvieh (wir meinen nicht nur das Hühnchen vor dem Teller) haben, es aber schon auch „süß“ oder „irgendwie spannend“ finden.

An all die genannten – und sicherlich einige, die ich vergessen habe – wendet sich der promovierte Biologe und Vogelforscher Walter A. Sontag in seinem im C.H. Beck Verlag erschienenen, reich bebilderten Buch Das wilde Leben der Vögel – Von Nachtschwärmern, Kuckuckskindern und leidenschaftlichen Sängern. Sontag schreibt, von einigen „Ausfällen“ abgesehen, für das allgemein interessierte Publikum, gewisse Grundkenntnisse der Biologie vorausgesetzt.

Mannigfaltige Individualität 

Sein Fokus liegt dabei auf dem Schwerpunkt des Associate Scientist am Naturhistorischen Museum in Wien: auf der individuellen Persönlichkeit der Vögel. Diese Betrachtung der Individualität der Tiere rücket seiner Beurteilung nach in der Forschung zwar mehr in den Fokus, wird aber noch nicht als so bedeutend angesehen, wie es eigentlich vonnöten wäre. Ob es nun um die mannigfaltigen Arten und Ausprägungen von Vögeln geht, Fortpflanzung und Zusammenleben, Gesang, Attacke und Flucht oder Unzulänglichkeiten – immer wieder stellt Sontag die Persönlichkeit der Vögel heraus wie auch deren genetische Variabilität.

Das in vier große Teile und innerhalb dieser in insgesamt 15 Kapitel gegliederte Buch liest sich in weiten Teilen flüssig, wenn auch Konzentration vonnöten ist – eine Nebenherlektüre ist Das wilde Leben der Vögel definitiv nicht. Zumeist führen allgemeine Erläuterungen zu einem oder mehreren Sachverhalten sowie etwas historischer Hintergrund, auch zum Schweizer Tiergartendirektor Heini Hedinger, dessen Schüler Sontag war, zu diversen Beispielen, die zumeist ebenfalls die konstanten Fortentwicklungen des jeweiligen Forschungsstands verdeutlichen.

Anschauliche Beispiele

So schreckt Walter A. Sontag auch nicht davor zurück, gegensätzliche Erkenntnisse aufzuzeigen und die seiner Meinung und Erfahrung nach wahrscheinlichste Option einer Verhaltensweise, einer genetischen Analyse oder einer Entwicklungstheorie zu schildern. Dabei schreibt er zumeist zackig, verliert sich selten in zu vielen Anekdoten, und streut reichlich kleine und oft hochinteressante Informationen zum teils speziellen Aussehen und besonderen Eigenarten einzelner Vogelgenossen ein. Schon aus Interesse liest man hier die eine oder andere Passage gern ein zweites Mal.

Es regnet förmlich Beispiele aus dem Leben der Krähen, Amseln, Meisen, Goldhähnchen, Elstern, Paradiesvögel, Pinguine, Dohlen und, und, und. Eine nachvollziehbare Erläuterung von Artenbestimmung wie auch den Herausforderungen, die diese mit sich bringt, findet sich ebenso wie eine Auseinandersetzung mit der Forschung an Vögeln in Volieren. Über das Fressverhalten lesen wir, genauso über die Anpassungsfähigkeit einiger Gattungen.

Vögelnde Vögel

Spannend wird es beim Teil Fortpflanzung, zeigen sich hier doch nicht nur sehr unterschiedliche Verhaltensweisen während der Balz, sondern auch darüber hinaus. Mit der vormals so hochgehaltenen vermeintlichen Monogamie in der Vogelwelt hat Sontag an diesem Punkt schon längst aufgeräumt. Nun zeigt er uns, wie vielfältig, oder, um in seinem Duktus zu bleiben, mannigfach die verschiedenen Vogelarten in Brut, Aufzucht und Partnerschaftsverhalten sind.

Ob es quasi Harems-Stare sind, Amseln die die Gleichstellung der Geschlechter besser umsetzen als jede Behörde, das Konzept von Laufvögeln wie den Nandus, bei denen die Männchen die Aufzucht übernehmen, Überschneidungen von Arten (Vogelbeziehungen sind manchmal recht chaotisch, so ein wenig RTL II-Style), Hornvogelweibchen, die sich einschließen, um sich zu schützen, aber auch das Männchen an sich zu binden, Albatrosse, die zwar monogam sind, bei denen es aber auch zu Vergewaltigungen kommt und einiges mehr. 

Bei den Albatrossen auf den Hawaii-Inseln Oahu und Kauai bemerkt der Autor, dass hier einige Weibchenpaare, die ein Drittel der dortigen Brutpaare ausmachen, sehr lange Zeit zusammenbleiben. Ein wenig schade dennoch, dass Sontag bis auf dieses Beispiel die nicht so selten vorkommende Homosexualität im Tier- und Vogelreich etwas außen vor lässt. In dem Zusammenhang sei in jedem Fall die Lektüre von Das Familienleben der Tiere von Mario Ludwig empfohlen (unsere Besprechung folgt). 

Nachvollziehbare, wachsende Begeisterung

An mancher Stelle ist Das wilde Leben der Vögel leider ein wenig uneinheitlich. Vieles ist hervorragend nachzuvollziehen, an nicht wenigen Stellen steckt Sontag uns mit seiner Begeisterung für Vögel im Allgemeinen und „seine“ Lappenstare (geschätzter Gegenstand seiner Beobachtungen und Forschung) im Besonderen an. An anderen Stellen allerdings werden wir mit sich abwechselnden Studienergebnissen und Namen förmlich beworfen, sodass manche Stellen von gemeinen Lesenden zwei Mal gelesen werden müssen, um die eigentlichen Informationen aufzunehmen. Hier geht das wissenschaftliche Mitteilungsbedürfnis sozusagen mit ihm durch.

Wie aber können wir ihm das verübeln, wenn sich auch ein Autor wie Jonathan Franzen, der laut Sontag „zur Spezies der spätberufenen Vogelfreunde“ gehört, von der Vogelliebe anstecken ließ und sich auf der Insel Masafuera auf die verwegene Suche nach dem Insel-Stachelschwanzschlüpfer macht? Eben, eben, die Begeisterung kann schnell hochschlagen. Genau so in Bezug auf das Buch, wenn Sontag immer wieder auch über die Natur im Allgemeinen zu schreiben weiß und, ohne jemals zu sehr auf die Finger zu hauen, durchaus auf die menschengemachten Probleme für Flora und Fauna verweist. Bestenfalls lädt es dazu ein, sich mit weitergehender Literatur zu befassen; Quellen nennt Walter A. Sontag definitiv reichlich. 

So ist sein wildes Leben der Vögel eine Freude bereitende, informative und zumeist gut zugängliche Lektüre und nicht zuletzt ein, zugegeben sehr sachlicher, eben still einnehmender, Appell unseren Wachstumsbedürfnissen nicht alles unterzuordnen, womöglich auch die „oft schief angesehenen Tiergärten“ nicht vorschnell abzuurteilen und die Individualität einzelner Lebewesen zu erkennen, denn: „Mit dem Interesse am einzelnen Schicksal steigt auch das Verständnis der Öffentlichkeit an Natur-, Arten- und Umweltschutz.“ Word!

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PS: Dass nun auch wir Bürger*innen beispielsweise bei der Wahl zum Vogel es Jahres abstimmen können, trägt sicherlich auch zum erwähnten mehr an „Verständnis der Öffentlichkeit an Natur-, Arten- und Umweltschutz“ bei. Finden wir gut!

Eine Leseprobe findet ihr hier

Walter A. Sontag: Das wilde Leben der Vögel; März 2020; Hardcover, gebunden, mit Schutzumschlag, 240 Seiten, mit 45 Farb- und 2 Schwarz-Weiß-Abbildungen; ISBN: 978-3-406-74978-0; C.H. Beck Verlag; 23,00 €; auch als eBook erhältlich

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