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„Die Zuversicht zu verlieren, heißt, den Tod willkommen zu heißen“

thelittlequeerreview

Zuletzt aktualisiert am 10. November 2020

„Als ich zum ersten Mal in Birkenau aufgewacht bin, habe ich einen Haufen Lumpen in den Ecken der Baracke gesehen. Die Toten der letzten Nacht.“ Sätze wie diese auf Seite 30 des gerade einmal 124-seitigen Buches der 1925 geborenen Französin Ginette Kolinka schneiden sich förmlich in Hirn, Herz und Magen der Leserinnen und Leser ihrer Schilderungen. Dabei geht es der Überlebenden Kolinka nicht um Mitleid, wie sie schreibt, sondern ums Berichten.

„Nun sind wir nichts mehr.“

Ginette Kolinka hat lange geschwiegen, hatte nicht das Bedürfnis zu sprechen, wie sie schreibt. Nur diesen einen Satz gab sie lange Zeit als Antwort auf die Frage, wie es „dort“ gewesen sei: „Wenn ich einmal ein Kind habe und das alles wieder von vorne losgeht, werde ich es eigenhändig erwürgen.“ Ein erstes Mal erzählt sie ihre Geschichte als Steven Spielberg Zeitzeugen für seinen Film Schindlers Liste sucht, wenn auch zuerst eher unwillig. 

Seit zwei Dekaden führt Ginette Kolinka nun Schulklassen durch Auschwitz und Birkenau und wundert sich, dass bei allen klugen Fragen, die von den Schülerinnern und Schülern der verschiedenen Klassenstufen kommen, nie nach dem Hunger gefragt würde. Es sind einige kurze Momente in ihrem Buch, das sie gemeinsam mit Hilfe der Journalistin Marion Ruggieri geschrieben hat, in denen sie im Jetzt ist, ihre Besuche im Vernichtungslager kommentiert und sich über eine Joggerin oder über die ganz in der Nähe der „Judenrampe“ gebauten Einfamilienhäuser entsetzt zeigt.

„Unter jedem eurer Schritt liegt ein Toter.“

Die damals 19-jährige Kolinka wurde im April 1944 gemeinsam mit ihrem Vater, ihrem kleinen Bruder und ihrem Neffen nach Birkenau deportiert, bei Ankunft werden sie getrennt. Ihr Vater und Bruder wurden vermutlich noch am Tag der Ankunft vergast. 

Im weiteren Verlauf ihrer Erzählung schildert Kolinka, wie sie sich in Birkenau zu orientieren und zu fügen begann, sich entschloss „alles zu akzeptieren“ (S. 35), um hoffentlich nicht getötet zu werden oder zu verhungern. Sie berichtet ebenso ohne Schnörkel von den durch die sogenannten Funktionshäftlinge (Blockälteste, Kapo) verübten Brutalitäten. Kolinka erzählt ihre Geschichte mit einer klaren, beinahe kühlen Sachlichkeit, was ihren Worten eine nur noch erschütterndere Wirkung verleiht. Allein durch diese sehr unmittelbare und ungekünstelte, von Nicola Denis punktgenau ins Deutsche übertragene, Sprache wird uns das Erlebte schnörkellos präsent.

Kolinka hadert dann auch mit der Art, wie Auschwitz-Birkenau den heutigen Besucherinnen und Besuchern präsentiert wird, als „ein völlig belangloser Ort, ein Scheinort“, eine „leicht voyeuristische Anhäufung.“ So sage sie „bei jedem Besuch zu den Schülern: ‚Macht bloß die Augen zu, schaut nicht hin!‘“ Unter jedem ihrer Schritte liege ein Toter.

„Die Erinnerungen kehren wieder. Nicht unbedingt die gleichen.“

Das letzte Drittel des Buches nimmt die Zeit vor und nach Birkenau ein. Dass sie im Grunde ein unbeschwertes, auch manches Mal unbedarftes Leben führte. Wie die Gestapo bei ihnen zu Hause auftauchte. Später ihre Rückkehr ins Leben, Wiedersehen mit den „Kameradinnen“ aus dem Lager und wie sie ihren Mann kennenlernen sollte. Wie sie früher nicht reden wollte und man heute nur noch darüber rede. Auch um manch eine Lücke zu füllen.

Ginette Kolinka // Foto: © JF Paga

So ist ihre eigene Erinnerung an mancher Stelle inzwischen ein wenig getrübt, was sie lesbar nachhaltig stört. Noch schlimmer aber sei es für sie, dass sie selber manch einem Irrtum aufgesessen sei, beziehungsweise sie sich manches in ihrer Vorstellung nicht in den realen Auswüchsen der Grausamkeit habe vorstellen können.

„Der Hass im Reinzustand.“ 

Wenn Ginette Kolinka den erzählenden Teil ihres Buches mit den Worten „Ich hoffe, Sie denken wenigstens nicht, dass ich übertrieben habe?“ beschließt, fährt es einem kalt den Rücken hinunter, Unwohlsein entsteht. Gerade erst vor wenigen Tagen ist die Schoa-Leugnerin Ursula Haverbeck mit 91 Jahren aus der Haft entlassen worden. Beim Thema nationalsozialistische Vergangenheit seien nach wie vor verfestigte Ideologien deutlich geworden, so ein Sprecher der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede. Mitte November steht sie erneut vor Gericht. 

Zwar ist Ginette Kolinka sich nicht sicher, ob ihre fortwährende Rückkehr nach Birkenau, um dort mit Schülergruppen über die Schoa, ihr Leben, den Hass, die Nazis und den Antisemitismus zu sprechen, etwas bringt. Doch ohne die Weitergabe dieser Geschichten und ihren sehr persönlichen Erfahrungen, um Wachsamkeit und Bewusstsein zu fördern, nicht Mitleid, ist eben alles auch nichts. 

In diesem Sinne nun erst recht: Ein so außergewöhnlich klarer und harter Bericht, wie der von Ginette Kolinka, gehört zu den wichtigsten und wohl auch bald letzten seiner Art und sollte überall gelesen werden.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Kolinka, Ginette (mit Ruggieri, Marion): Rückkehr nach Birkenau – Wie ich überlebt habe; aus dem Französischen von Nicola Denis; 2. Auflage 2020; 124 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-351-03463-4; Aufbau Verlag; 18,00 €; auch als eBook 13,99 €

AS

Beitragsbild: Das Cover des Buches auf der Fotografie einer Barracke in Birkenau. Ginette Kolinka beschreibt in ihrem Buch intensiv, wie die Barracken beschaffen waren und wie sie  und ihre Kameradinnen dort untergebracht waren.

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