Ein Coming-Out für alle

„Coming Out“: Der erste und einzige Film der DDR mit dezidiert schwuler Thematik. Er ist und bleibt ein fantastischer und unterhaltsamer Film von historischer und gesellschaftspolitischer Relevanz für Gesamtdeutschland und darüber hinaus. // Szenenbild oben: © MDR/Progress Film-Verleih/Wolfgang Fritsche

Mit Film-Klassikern ist es ja immer so eine Sache: Manche davon altern nicht gerade in Würde, sie werden dann eher noch von einer nostalgischen Zuschauerschaft gesehen. Hinzu kommt je nach gesellschaftlicher Stimmungslage und Weiterentwicklung auch der Umstand, dass mancher Film schlicht, sagen wir mal, „aus der Zeit gefallen“ ist. Andere Klassiker wiederum altern nicht nur hervorragend, sondern bleiben irgendwie aktuell, erlauben es immer wieder, neue Facetten zu entdecken und dürfen auch Dekaden nach ihrer Entstehung sowohl filmisch genossen, als auch immer wieder als Debattenbeitrag verstanden werden. So ein Film ist der erste und einzige schwule Film aus der DDR, Coming Out von Regisseur Heiner Carow (Die Legende von Paul & Paula, übrigens Angela Merkels Lieblingsfilm).

Zwei Leben, zwei Lieben

Es geht um den jungen Lehrer Philipp (Matthias Freihof), der mit seiner Kollegin Tanja (Dagmar Manzel, Franken-Tatort) eine Beziehung eingeht. Als diese ihm ihren besten Freund Jakob oder auch „Redford“ (Axel Wandtke) vorstellt, wird Philipp in seine Vergangenheit zurückkatapultiert und steht ein weiteres Mal im Leben vor der Frage, wie es um seine sexuelle Orientierung steht. Nachdem er sich in einer Schwulen-Bar (dem Burgfrieden) die Kante gegeben hat, bringen ihn zwei der Gäste – Walter (Werner Dissler) und Matthias (Dirk Kummer) – nach Hause. Matthias hat Interesse an dem verunsicherten Lehrer und die beiden bekommen die Chance, einander besser kennenzulernen, als Philipp vor dem Schauspielhaus (heute Konzerthaus) auf dem Platz der Akademie (heute Gendarmenmarkt) ansteht und sie sich wieder begegnen. Doch Unsicherheit und Angst sind Philipps ständige Begleiter und natürlich will er auch Tanja nicht verletzen.

Die Geschichte eines Coming-outs ist trotz individuellen Erlebens zumeist recht universell und gut erzählte Liebesgeschichten sind es ohnehin und können generationenübergreifend wertgeschätzt werden (hier von einem dieser Millennials). Hier gibt es beides, das heißt der Film funktioniert heute nach wie vor als reiner Unterhaltungsfilm dank einer gut erzählten Geschichte und einem talentierten Ensemble. Und auch wenn heute natürlich einiges besser ist als vor gut dreißig Jahren – in Ost, wie West – schrecken doch viele immer noch vor einem Coming-out zurück, insbesondere wenn es um den beruflichen Werdegang geht, vollkommen branchenunabhängig. Wie nicht nur an der #ActOut-Kampagne zu sehen, sondern beispielsweise auch im Buch GaYme Changer von Jens Schadendorf zu lesen ist (welches wir bald besprechen werden). Ein direkter Vergleich mit der heutigen Zeit, bietet sich auch an, wenn man bedenkt, dass Hauptdarsteller Matthias Freihof die Premiere des Films als sein öffentliches Bekenntnis zur eigenen Homosexualität nutzte. 

Philipp (Matthias Freihof) und Tanja (Dagmar Manzel) sind Lehrer an derselben Schule und ein Paar. Doch ist das wirklich Philipps Leben? // © MDR/Progress Film-Verleih/Wolfgang Fritsche

Das schwule Auge in der DDR

Bevor wir gleich noch einmal zur politischen, gesellschaftlichen und historischen Ebene und Bedeutung des Films kommen, soll es erst einmal um den Film als Film gehen, denn allein da überzeugt er wie schon angedeutet auf ganzer Linie. Die Besetzung ist wirklich gut, und da beziehen wir uns nicht nur auf die sehr echten Kneipen-Statisten und Michael Gwisdek als Achim, sondern vor allem auf die drei Hauptdarstellenden Matthias Freihof, Dagmar Manzel und Dirk Kummer. Letzterer war eigentlich gar kein Schauspieler, sondern „nur“ zweiter Regieassistent und Anspielpartner im Casting, doch Regisseur Heiner Carow war von Kummers „unverstelltem und gefühlvollen Spiel“ so begeistert, dass er ihn auf die Rolle besetzte. So erzählt es Freihof in einem Gespräch mit Rinaldo Hopf, das sie für die Berlin Gay Metropolis Spezial-Ausgabe von Mein schwules Auge, die wir euch bald ausführlich vorstellen werden, führten. Und wir können dem nur zustimmen: Unverstellt und gefühlvoll sind zwei perfekt passende Adjektive.

Ein nachvollziehbares und sich echt anfühlendes Drehbuch, das seine Charaktere in den richtigen Momenten auch einmal schweigen und einfach so wirken lässt, trägt wesentlich zum anziehenden Wesen von Coming Out bei und gibt uns neben Interpretationsmöglichkeiten auch genügend Raum zur Identifikation. Ebenso zur Reflexion und gar zum Zweifel. Stark wirkt das in Momenten, in denen die Kamera von Martin Schlesinger Situationen und Personen begleitet, einfach ihre Wahrnehmung verfolgt und uns Annäherung durch die Umgebung und Reaktion erlaubt. Überhaupt ist die Kameraführung unter der Regie von Carow klasse. Zum Beispiel wenn es zu Matthias’ Geburtstagsfeier geht, Philipp auf dem Fahrrad durch Berlin fährt oder die Bildreise durch den Burgfrieden. Wie auch kunstvoll zwischen Aufnahmen aus der Distanz und extremen Nahaufnahmen gewechselt wird. Da mag man an die ruhigeren Elemente des viel zu jung verstorbenen Derek Jarman oder aus der jüngeren Zeit an den Stil von Luca Guadagnino denken. 

Das authentische Werk

Der Soundtrack mit Titeln von Silly, dem damals unvermeidlichen Frank Schöbel, City und Monika Herz bringt uns natürlich auch noch musikalisch passend in die Zeit und Umgebung, vermittelt die entsprechende Atmosphäre; verstärkt durch die für den Film geschriebene Musik von Stefan Carow, die schon sehr stark in die atonale Richtung weist und hier an Arnold Schönberg oder viel mehr John Adams denken lässt.

Glam und Erotik. // © MDR/Progress Film-Verleih/Wolfgang Fritsche

Ein zusätzlicher Reiz von Coming Out liegt sicherlich auch darin, dass damals extrem nah am Leben gedreht wurde: Die bereits mehrfach erwähnte Bar Zum Burgfrieden wie auch die legendäre, 2013 endgültig geschlossen Schoppenstube in der Schönhauser Allee als Drehorte, wie auch die Cruising-Area am Märchenbrunnen; die Statisten in den Bars waren schwule Männer; Teile des Lehrerkollegiums wurden von den damaligen Lehrer*innen des heutigen Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums (damals Erweiterte Oberschule Carl-von-Ossietzky) gespielt, das in jener Zeit auch mit Ossietzky-Affäre in vieler Munde war. Oder, um gleich noch den Berlin-Kreis dichtzumachen, dass die Szene in der Wohnung von Philipps Mutter in der Wohnung von Lothar Bisky gedreht wurde, damals Leiter der Filmhochschule Babelsberg, später Politiker, und dessen einer Sohn, Jens Bisky, das Buch Berlin – Biographie einer Großstadt geschrieben hat und dessen anderer Sohn, Norbert Bisky, einer der bedeutendsten deutschen Maler der Gegenwart und mit einigen Werken im Berlin Gay Metropolis-Buch vertreten ist. 

Die Mauer fällt…

Der Film ist also auch schon deshalb ein wenig sagenumwoben, weil er nicht nur das offizielle Coming-out von Hauptdarsteller Matthias Freihof bedeutete und für all diese Anekdoten herhält, sondern auch, weil er seine Premiere in einer Doppelvorstellung im Kino International am 9. November 1989 feierte – also am Abend des Mauerfalls. Die anschließende Premierenfeier fand wieder im Zum Burgfrieden statt, die sich nah an der Bornholmer Straße befindet, also jenem Ort, an dem sich am Abend des 9. November ein erster Grenzübergang öffnete.

Mein schwules Auge #16 – Berlin Gay Metropolis Special Cover

Auch dazu erzählte Freihof etwas im Gespräch mit Rinaldo Hopf, nämlich, dass auch er in der Nacht gegen halb vier zum Übergang Bornholmer Brücke ging, „um mich mit eigenen Augen vom Unglaublichen zu überzeugen.“ Und er, der sich zwar bereits als Jugendlicher im Familienkreise outete, aber aus Angst vor Repressalien, insbesondere während seines dreijährigen Zwangsmilitärdienstes unter dem er sehr litt, seine Homosexualität nicht an die große Glocke hing – bis eben zur Premiere von Coming Out – fügt noch an, wie „dieses System [SED, Anm. d. Red.], das so repressiv und zum Teil grausam zu seinen Bürgern war“ auf eine „unfassbar lächerliche und banale Weise“ endete. Das Künstlerische ist also wieder politisch, nicht zuletzt auch, weil Heiner Carow, selbst als angesehener Regisseur, gut sieben Jahre für die Umsetzung des Projekts kämpfen musste. Was natürlich recht eindeutig auf das heikle Thema und das selbstbestimmte Ende zurückgeführt werden kann.

Zwar wurde in der DDR insbesondere ab Ende der 1950er-Jahre Homosexualität strafrechtlich weniger streng verfolgt als in der BRD, was auch an der Rückkehr der DDR zur weniger scharfen Variante des § 175 StGB von vor 1935 lag und der entsprechende Paragraph 1968 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Doch blieb beispielsweise der Paragraph 151 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen des gleichen Geschlechts (auch das wieder im Gegensatz zur BRD und dem § 175 StGB, beides schloss explizit nur sexuelle Kontakte unter Männern ein) unter Strafe stellte, bis 1988 bestehen. Dieser wurde oftmals als Vorwand zur Strafverfolgung von dem SED-Regime unliebsam gewordenen, gleichgeschlechtlich begehrenden DDR-Bürger*innen genutzt.

…die Geschichte bleibt

Durch Auftritt und Wirkung des sozialistischen Regimes galt Homosexualität nichtsdestoweniger ohnehin als verpönt und gesellschaftlich nicht akzeptiert. Denunziationen und Nachteile blieben zu erwarten und darauf spielt natürlich auch der Film Coming Out an, wenn immer wieder angedeutet wird, dass Philipps Stelle als Lehrer und seine Karriere im Schulwesen nicht sicher wären. Auch hier können wir Zuschauer*innen uns denken, dass § 151 StGB bei einem jungen, (offen) schwulen, attraktiven Lehrer ein gewisses Bedrohungspotential ausstrahlt.

Besonders spannend und mutig sind auch die Kommentare, die Carow und Autor Wolfram Witt im Film einweben. So greifen zum Beispiel Skinheads in der S-Bahn eine Person of Color an, dabei habe es doch in der DDR angeblich keine Skinheads gegeben (eine Behauptung, die von so manchen bis heute hochgehalten wird). Oder der Auftritt von Schüler Lutz, der ein jiddisches Lied (Meine Mutter ruft mich nicht) aufführt, was dazu noch recht bewundernd kommentiert wird. Abgesehen von einigen Gesten fand auch jüdisches Leben in der DDR kaum in der Öffentlichkeit statt. Es sind diese kritischen sozialen Kommentare, die heute sowohl im historischen Kontext als eben auch im Jetzt gelesen werden können. Das verleiht Coming Out auch abseits von queeren Bezugspunkten nach wie vor Relevanz.

Philipp (Matthias Freihof) weiß nicht recht, wen er da im Spiegel sieht. // © rbb/Progress Film-Verleih/Wolfgang Fritsche

In diesem Zuge ist natürlich auch noch der Monolog von Walter (genuin hervorragend: Werner Dissler) hervorzuheben, der Philipp erst einmal hilft, die Schwere seiner Probleme irgendwie objektiv einzuordnen, indem er von seiner Inhaftierung und Internierung in Sachsenhausen während der Nazi-Diktatur und über die ausbleibende Anerkennung homosexueller Opfer der Nazis durch die DDR spricht (hierzu empfehlen wir übrigens das ausgezeichnete Werk: Erinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten).

Coming Out ist also in vielerlei Hinsicht eine volle Empfehlung – er überzeugt erzählerisch, schauspielerisch und inszenatorisch. Weiß zu berühren, zu amüsieren und nachdenklich zu stimmen. Dazu ist er einfach echt und sowohl in der Rückschau, als auch in der heutigen Zeit von gesellschaftlicher Relevanz. 

AS

Coming Out: Lief in der Nacht vom 30.4.2021 auf den 1.5.2021, um 00:15 Uhr; am 13.5.2021 wird er um 22:00 Uhr im rbb gezeigt und ist bis zum 31. Mai 2021 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Coming Out; DDR, 1989; Regie: Heiner Carow; Drehbuch: Wolfram Witt; Kamera: Martin Schlesinger; Musik: Stefan Carow; Darsteller*innen: Matthias Freihof, Dagmar Menzel, Dirk Kummer, Michael Gwisdek, Werner Dissel, Robert Hummel, Gudrun Ritter, Walfriede Schmitt, Axel Wandtke, Gertrud Kreißig, Pierre Sanoussi-Bliss, Thomas Grumpert; Laufzeit: ca. 110 Minuten; FSK: 12

Hinweis: Coming Out leitete quasi die Feierlichkeiten der Sender MDR und rbb zum 75-jährigen Jubiläum der DEFA ein. Dazu gibt es neben zahlreichen Filmklassikern auch einige Dokumentation zur Geschichte der DEFA zu sehen, wie zum Beispiel Petticoat und Planerfüllung – Frauen im DEFA-Film am 4. Mai um 22:10 Uhr und Kalaschnikow und Doppelkorn – Männer im DEFA-Film am 11. Mai um 22:10 Uhr; am 16. Mai gibt es einen großen DEFA-Filmabend und am 17. Mai, dem Gründungstag, wird erstmals der Kinofilm Traumfabrik aus dem Jahr 2019 ausgestrahlt, der eine Hommage an die DEFA und die Filmstudios in Potsdam-Babelsberg ist.

Alle Beiträge der großen Werkschau werden auch in der ARD-Mediathek zugänglich sein, schaut am besten einfach immer mal dort rein. Manches ist für sieben Tage verfügbar, anderes für 30 Tage oder einige Monate.

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