Osterruhe: Trotzdem

Corona begleitet uns nun bereits seit mehr als einem Jahr und für viele mag sich die Zeit davor wie ein ganz anderes Leben anfühlen. Genau heute vor einem Jahr aber führten die Autoren Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge über einen Instant Messenger einen Chat zu Corona. Diesen veröffentlichten die beiden im Luchterhand-Verlag unter dem Titel Trotzdem.

Eine Pandemie und die Gesellschaft

Das einjährige „Jubiläum“ nehmen wir nun zum Anlass, diese kurze Schrift zu besprechen und auf Basis der letzten 365 Tage zu evaluieren. Der Chat von Schirach und Kluge zog sich über zwei etwa gleich lange Etappen: Teil eins erfolgte am Vormittag des 30. März 2020, Teil 2 am Nachmittag.

Während es am Vormittag eher um das Virus selbst und den rechtlichen Umgang mit der aktuellen Situation geht, widmen sie sich nach ihrer Pause am Nachmittag eher den fundamentalen Fragen unserer demokratisch verfassten Gesellschaft und den damit verbundenen historischen Hintergründen. Sie diskutieren hier über die Pest in Florenz im Jahre 1348, über das verheerende Erdbeben von Lissabon 1755, über die Schriften von Voltaire, Montesquieu, Rousseau und Hobbes, die unser freiheitlich-demokratisch verfasstes System so entscheidend beeinflussten. Und es geht um den Zustand, in dem dieses System heute steckt, nicht zuletzt dank Corona.

Fragen, die noch heute aktuell sind

Schirach und Kluge decken somit gleichzeitig die damals (und in Teilen noch heute) aktuelle Situation ab und verbinden dies mit so manch grundlegender Frage, wie das insbesondere Ferdinand von Schirach in seinen Stücken Terror und Gott mit größerer Regelmäßigkeit tut. Es ist dabei sehr erstaunlich, welchen Weitblick die beiden bereits zu Beginn der Pandemie hatten. Auch wenn manches zwischenzeitlich doch als überholt gelten dürfte – die Theorie mit dem Pangolin als Ursprungswirt des Virus zum Beispiel – Schirach und Kluge sahen die massiven Freiheitseinschränkungen voraus, mit denen wir uns nun konfrontiert sehen oder auch die Proteste, die Veganköche und Querdenker ins Leben rufen sollten.

Auch wenn so mancher Gedanke tatsächlich sehr weit ausschweift – der berühmte Gang nach Canossa von Kaiser Heinrich IV. beispielsweise – ist besonders der Teil, der sich mit den Hintergründen beschäftigt von hohem diskursivem Wert. Wie setzte sich die freiheitlich-demokratische Grundordnung, deren Einschränkungen wir alle derzeit erdulden müssen, durch? Wieso sind wir trotz teils drakonischer Maßnahmen weit davon entfernt, von einem totalitären System zu sprechen – also einer „Corona-Diktatur“?

„Sicherheit ist uns näher als Freiheit“

Schirach und Kluge kennen diesen erst später geprägten Begriff natürlich noch nicht, aber ihre Gedanken schweiften bereits vor einem Jahr in diese Richtung. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang aber beispielsweise die kurze Beweisführung Schirachs zu seiner Aussage: „Sicherheit ist uns näher als Freiheit. Das erklärt die hohe Zustimmung der Bevölkerung zu immer härteren Maßnahmen. Mich beunruhigt diese Tendenz.“ (S. 72). Die Disziplin zu Beginn der Pandemie gibt Schirach recht, aber die Zermürbung, die nach einem Jahr Corona nun viele Menschen erfasst hat, illustriert ganz wunderbar das Spannungsverhältnis, in dem Freiheit und Sicherheit stehen.

Wenn wir uns beispielsweise in der vergangenen Woche über eine vielleicht nicht ganz durchdachte „Osterruhe“ echauffierten oder generelle Reiseverbote ins Ausland zur Debatte standen, dann zeigt sich doch genau in den ausgleichenden und Entscheidungen korrigierenden Mechanismen – Stichwort: alleinige Schuldübernahme der Bundeskanzlerin – dass unser System funktioniert. Und dass sie erkannt hat, dass eine lediglich fünftägige Ruhe die Menschen weiter zermürbt und praktisch so kurzfristig wohl nicht umzusetzen ist.

Problemfall Herd

All diese nach damaligen Stand vorausgreifenden Inhalte spicken Schirach und Kluge mit der einen oder anderen persönlichen Note. Zum Schmunzeln bringt einen beispielsweise die Aussage Schirachs, dass er daran scheiterte, sich Eier zu kochen. Scheinbar hatte er in den letzten 15 Jahren keine Veranlassung, die Transportsicherungen seines Herds zu entfernen. Solch humoristische Einschübe, die durchaus für Schirachs unterhaltsam dekadente Entrücktheit stehen, über die kleinen und großen Probleme im Umgang mit der Pandemie lockern die ansonsten recht ernste und seriöse Diskussion merklich auf und sorgen für den einen oder anderen kleinen verdienten Lacher.

Schirach und Kluge laden also mit ihrer kleinen Schrift gekonnt dazu ein, die Entscheidungen der Gegenwart vor den historischen Hintergründen zu betrachten und das heutige Leben im System zu reflektieren. Ihr unter dem Titel Trotzdem veröffentlichter Chat vom 30. März 2020 lädt dazu ein, Corona noch einmal neu zu betrachten und die aktuelle Lage vielleicht noch einmal neu zu bewerten. Manche finden Kraft im Glauben, Trotzdem kann denen helfen, die davon nicht so viel halten, sondern eher eine weltlich-philosophische Sicht einnehmen wollen. Anders als Thea Dorns Roman Trost setzen Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge aber bei den fundamentalen Fragestellungen an, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung geprägt haben. Für eine Lektüre während einer individuellen Osterruhe eignet sich die Aufzeichnung ihres Gedankenaustauschs also perfekt.

HMS

Trotzdem von Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Trotzdem; 1. Auflage, Mai 2020; 80 Seiten; gebunden, Pappband; ISBN: 978-3-630-87658-0; Luchterhand Literaturverlag; 8,00 €; auch als eBook, 6,99 €

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