Brothers on Arms

Wenn heute Abend der Biathlon-Weltcup im bayerischen Ruhpolding startet — der auf die ersten Makkabi Winter Games Deutschland folgt —, wird in der kleinen Gemeinde im Chiemgau bereits seit ein, zwei Wochen der Ausnahmezustand herrschen. Hotels in und um das Dorf dürften restlos ausgebucht sein, Gaststätten überfüllt, Ehrenamtliche und trainierende Sportlerinnen und Sportler säumen die Straßen und Plätze des Ortes. Das heißt, sofern das Wetter es ob der um Weihnachten und Neujahr herum sehr warmen Tage zulässt.

Zwei Brüder auf dem Weg in die Weltspitze

Biathlon ist zu dem wesentlichen Wirtschaftsfaktor der Gemeinde geworden und Ruhpolding ist traditionell ein gutes Pflaster vor allem für die norwegischen Mannschaften. Mit von der Partie in diesem jährlichen Spektakel dürfte das wohl zuletzt bekannteste und berühmteste Geschwisterpaar dieses Sports sein – die norwegischen Brüder Tajei Bø und Johannes Thingnes Bø. Seit mehr als einem Jahrzehnt mischen die beiden den Weltcup auf und vor allem Johannes hat sich zu einem der wohl stärksten Athleten der letzten Jahre gemausert.

Der norwegische Politikwissenschaftler und Journalist Lasse Lønnebotn hat bereits 2021 ein Portrait mit und über die beiden Männer aus dem kleinen Ort Stryn in Westnorwegen geschrieben. Die Bø-Brüder – Rivalen oder beste Freunde wurde im vergangenen Jahr im Lübbe Verlag in der deutschen Übersetzung von Daniela Stilzebach und Frank Zuber veröffentlicht (die von der Sportart vielleicht nicht immer die größte Ahnung haben, was einige Fehlübersetzungen gängiger Begriffe nahelegen). Für wahre Fans ist das sehr anregend, für jene, die es (noch) nicht sind, vielleicht nicht uninteressant.

Wo Licht ist…

In 62 kurzen Kapiteln – meist nicht mehr als zwei bis fünf Seiten lang – begleitet Lønnebotn die beiden Brüder immer abwechselnd. Tarjei und Johannes erzählen von ihrer Kindheit im wunderschönen Westen Norwegens, wie sie zum Biathlon gekommen sind, wie sie sich in den genannten Weltcupzirkus integrierten und gegen damalige Größen im eigenen Team durchsetzen mussten. Wie sie in die Weltspitze aufstiegen, manch einen Rückschlag verkraften mussten und welche Ziele sie sich weiterhin setzen.

Das enthält eine Reihe von spannenden Schilderungen: der jeweils erste Weltcupeinsatz, der erste Sieg, der Weg dorthin – die beiden stammen nicht aus einem der vielen typischen Mekkas des Biathlon und ihnen war der Sport nicht von vornherein in die Wiege gelegt. Im Gegenteil, beide – und vor allem Tarjei – wollten eigentlich eher Fußballspieler werden, entschieden sich jedoch an einem gewissen Punkt für Biathlon.

…ist auch Nebel

Aber auch die Schattenseiten einer solchen Karriere bleiben nicht unberücksichtigt: Niederlagen gegen die Konkurrenten – immer wieder tauchen der ebenfalls im letzten Jahrzehnt alles überstrahlende Franzose Martin Fourcade sowie die norwegischen Landsleute Emil Hegle Svendsen und Ole Einar Bjørndalen auf –, Krankheiten, Streitigkeiten mit Verband und Sponsoren und natürlich das Thema Doping.

Wie alle Leistungssportarten ist auch Biathlon nicht frei von diesen Problemen. Wir erinnern uns an die Affäre um die Österreicher Wolfgang Rottmann und Wolfgang Perner bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin oder natürlich das russische Staatsdoping, das zu weitreichenden Konsequenzen für Athletinnen und Athleten sowie Verbände führte – bereits hier deutete sich die aggressive Mentalität der russischen Führung schon seit Jahren an.

Ein Sprint durch das letzte Biathlon-Jahrzehnt

Insoweit ist Die Bø-Brüder in der Tat eine kleine Chronik des letzten Jahrzehnts des Biathlons, nur eben mit einem sehr personalisierten Fokus auf diese beiden nicht mehr ganz so jungen (und dennoch nicht alten) Herren. Tarjei und Johannes geben einen Einblick in ihr Seelenleben, in die Fragen und Herausforderungen, vor die sie im Rahmen ihrer Karriere gestellt wurden und wie sie sowohl mit Siegen als auch mit Problemen umgegangen sind.

Dies reichert der Autor schön mit so manchem Detail außenherum an: Wie Johannes seine heutige Frau Hedda kennenlernte und ihr erstes Kind geboren wurde. Wie Tarjei und seine Verlobte Gita über eine Dating-App zusammenfanden. Wie sich das Familienleben der beiden mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern gestaltet. Und wie sich der Sport auch auf das Privatleben der Brüder auswirkt. Die Schilderungen der beiden – das gesamte Buch wird aus der Perspektive der beiden erzählt – greifen, wo immer möglich, gut ineinander.

Die Nähmaschine

Jenseits einer gewissen chronologischen Abfolge fehlt dem Buch allerdings der Rote Faden. Lønnebotn unterteilt seine Schilderungen – abgesehen von dem Reißverschlussverfahren, in dem die beiden Brüder zu Wort kommen – nicht in größere Blöcke wie „Kindheit“, „Karrierebeginn“ oder „Probleme“. Das mag angesichts der zeitlich unterschiedlichen Karriereverläufe vielleicht auch nicht ganz einfach sein, aber beispielsweise die Szenen, in denen die beiden späteren Partnerinnen erstmals (und später erneut) auftauchen kommen etwas überraschend und wirken etwas platziert.

Ähnlich ist das bei den Passagen, in denen es um Sponsoring oder Doping geht, selbst wenn Johannes‘ Position, dass er sich dazu lange nicht öffentlich äußern und sich stattdessen auf seine Rennen konzentrieren wollte, aus individueller Perspektive vielleicht nachvollziehbar, aber für einen mittlerweile doch halbwegs gut verdienenden und in der Öffentlichkeit stehenden Akteurs wohl nur bedingt vertretbar war. Aber das kennen wir ja auch aus dem Fußball, Stichwort Katar.

In jedem Fall ist es gut, dass Lønnebotn diese Themen wie Doping und Sponsoring aufwirft, ebenso wie allgemein die Probleme, die Spitzensportlerinnen und -sportler in ihrem Alltag gerne haben (wobei er auch gar nicht auf so profane Dinge wie Langeweile im Weltcupalltag eingeht), sind sie doch leider Teil des ganzen auch medialen Trubels der heutigen Zeit. Und dennoch: Etwas mehr Struktur hätte dem Buch durchaus gutgetan.

Brüder oder Rivalen?

Die im Untertitel des Buchs wirkmächtig aufgeworfene Frage, ob es sich bei den Brüdern nun um Rivalen oder beste Freunde handele, wird im Buch zwar immer wieder mal wie ein Randtreffer gestriffen. Aber wie es Randtreffer im Biathlon eben so an sich haben: Die Scheibe fällt am Ende nicht und die Frage bleibt somit eher offen, selbst wenn die Brüderlichkeit und Verbundenheit der beiden im Buch immer wieder demonstrativ zelebriert wird.

Trotz der vielen Nahaufnahmen aus dem Leben dieser beiden Ausnahmetalente führt aber kein Weg an der Feststellung vorbei, dass es sich bei Die Bø-Brüder neben einer eindrücklichen Schilderung des harten Alltags zweier Profisportler zu einem nicht unwesentlichen Teil um eine PR-Show für die beiden (ein Gruß geht an Harry und Meghan) handelt. Das ist legitim, Geld und Prestige sowie das Auftauchen in den Medien sind dieser Tage eine legitime Währung im Business des Profisports – bei der Fußball-WM in Katar haben wir dies vor ein, zwei Monaten noch einmal einträglich erlebt (und teils auch schon wieder vergessen).

Fehlschuss oder Stadionschmöker?

Das Buch Die Bø-Brüder von Lasse Lønnebotn und den beiden Bø-Brüdern ist somit vieles: das Zeugnis des Biathlon-Weltcups des letzten Jahrzehnts, das Portrait eines im Spitzensport gar nicht so seltenen erfolgreichen Geschwisterpaars und zweier (im Gegensatz zu manch anderen auch sympathischer) norwegischer Legenden, die zwar bereits viel erreicht, aber auch noch eine Schlussrunde vor sich haben.

Gleichzeitig ist es aber auch eine nicht ganz so kleine PR-Show, der an manchen Stellen ein wenig Struktur fehlt und die zwar kritisch wesentliche aktuelle Probleme des Spitzensports aufwirft, sich aber mit deren Lösung nicht wirklich auseinandersetzt. Für Fans des ganzen Spektakels jedoch ist dieses Buch ein großartiger Schmöker am Rande des Weltcups in Ruhpolding, der sich auch nach ein, zwei Tassen Glühwein noch halbwegs amüsant lesen lässt.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier

Lasse Lønnebotn (mit Tarjei Bø, Johannes Thingnes Bø): DIE BØ-BRÜDER — Rivalen oder beste Freunde; Oktober 2022; Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach, Frank Zuber; 207 Seiten; Hardcover; ISBN 978-3-431-05035-6; Lübbe Verlag; 22,00 €

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert