Schussfahrt mit Schwüngen

Mit Wintersport war es in diesem Winter bisher eher problematisch: Wenn überhaupt, dann gab es in vielen Gegenden eher eine weiße Spur, die sich durch grüne, braune oder graue Landschaften zieht. An Späße wie Rodeln oder Skitouren war und ist vielerorts nur unter Erschwernissen oder eben gar nicht zu denken. Der Klimawandel dürfte das noch eher – Achtung, Wortspiel – befeuern.

Eine literarische Skitour

Eine literarische Skitour lässt sich jedoch unabhängig von der Schneelage realisieren, nämlich mittels Lektüre von Silke Stamms Hohe Berge. Das Buch, das im Hochsommer 2022 im Berlin Verlag erschienen ist, begleitet eine sechsköpfige Tourengruppe in den Schweizer Bergen über acht Tage auf ihrem mal beschwerlichen, mal aufregenden und fast durchgängig gefährlichen Weg die Berge hinab und vor allem hinauf.

Jeder Tag ist durch ein eigenes Kapitel abgedeckt, wobei der achte Tag in zwei Teile – am Anfang und am Ende des Buchs – aufgespalten ist und den Epilog der Tour gleich vorwegnimmt. Das ist aber nicht das besondere stilistische Hauptelement, das diesem Roman seine relativ einmalige Struktur gibt. Das eindeutig prägende Stilmittel sind die immer selben Satzkonstruktionen, nämlich durchgängig im Infinitiv.

Weit- und Rückblicke

Die Leserinnen und Leser mögen sich wundern, wie eine Autorin das über etwa 160 Seiten durchhält, aber Silke Stamm kann das. Ihre Sätze sind dabei in der Regel sehr lang, gehen oft über eine halbe Seite oder länger und enthalten dabei eine ganze Menge an Informationen. Diese Konstruktion erlaubt es ihr, die einzelnen Passagen sehr ausschweifend zu gestalten, die Gedanken wie über ein beeindruckendes Bergpanorama schweifen zu lassen und so Situationen stark zu veranschaulichen.

Dabei gelingt es ihr sehr gut, sowohl Erinnerungen der 50-jährigen Protagonistin aus der Vergangenheit vor unserem geistigen Auge ablaufen zu lassen, als auch Situationen mit einem Rundumblick zu erfassen und uns auf einer halben oder einer ganzen Seite das Bild einer gesamten Szenerie zu malen. Der Infinitiv erlaubt es ihr und uns gleichermaßen in das Innere der Charaktere zu schlüpfen, wie auch die Umgebung oder die Situationen zu erfassen, in denen wir sie wiederfinden.

Diese Erzählform gibt den Rhythmus vor, fast stakkatoartig und wie eine lange Abfahrt mit zahlreichen Schwüngen. Hätte Silke Stamm ihre Geschichte in der „normalen“ Erzählform zu Papier gebracht, wäre diese vermutlich um etwa ein Drittel kürzer, aber uns würden eben auch viele dieser Bilder und Kontextbeschreibungen fehlen. Gerade ob dieser Geschwindigkeit lässt sich Hohe Berge auch in schussartiger Geschwindigkeit an einem freien Nachmittag vollständig einverleiben. 2020 bekam sie für einen Auszug aus ihrem Roman völlig zurecht den Hamburger Literaturpreis.

Ankunft am Gipfel

Und trotz aller sprachlichen Finesse arbeitet die Autorin auch inhaltlich Schritt für Schritt auf den gefährlichen Höhepunkt hin und baut die Spannung bis dorthin grandios auf. Auch hier: Wie bei einer Skitour bekommen wir immer wieder Facetten zu sehen, mühen uns durch manchen Satz, Anstieg oder Passage, erblicken an dieser oder jener Stelle ein Detail, das in dem jeweiligen Moment eher wenig relevant erscheint, sich aber später in eine Gesamterzählung und die Erklärung der Handlungen mancher Charaktere einfügt. Am Ende jedoch werden wir mit einem beeindruckenden Rundumblick belohnt, bevor die Schlussabfahrt auf die Leserinnen und Leser wartet.

Lediglich die Geschichte mit der Tochter unserer Protagonistin wirkt erstaunlich unfertig und zum Ende hin offen. Auch das mag aber symbolisch für die ungelösten Konflikte und das in Teilen unklare Verhältnis zwischen Mutter und bereits oder zumindest bald pubertierender Tochter versinnbildlichen.

Das infinitive Wagnis

Wie eine Skitour oder generell anstrengendere Outdoorsportarten ist auch das Abfassen eines literarischen Werks stets mit einem gewissen Risiko verbunden – nicht nur Discount- oder Drogeriekönige sind sich dessen mittlerweile bewusst. Das gilt gerade und umso mehr, wenn der Autor oder die Autorin den Inhalt der Geschichte in eine besondere Form verpackt. Das kann ziemlich schief, aber auch ziemlich gut gehen.

Im Falle von Silke Stamms Hohe Berge hat sich das Wagnis Infinitiv jedenfalls gelohnt, selbst wenn das Buch — erstaunlicherweise — nicht einmal auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022 auftauchte. Ähnlich wie der im vergangenen Jahr nominierte Andreas Stichmann, der fast ausschließlich kurze Hauptsätze verwendet, fräst sie mit diesem Roman aus Infinitivsätzen eine Erzählung aufs Papier, die ob ihrer Sprache zu begeistern weiß, aber auch inhaltlich mit ihrer in Etappen erzählten Geschichte sehr überzeugt.

HMS

PS: Gerade erst ist Silke Stamm mit dem mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis Fulda 2023 ausgezeichnet worden. Die Jury findet: „Silke Stamm ist mit ihrem Roman ,Hohe Berge‘ eine ebenso gegenwärtige wie überzeitliche Beschwörung der körperlichen und seelischen Ausnahmezustände des Menschen gelungen, der sich noch einmal der teilnahmslosen Majestät des Hochgebirges aussetzt. Einfühlsam und mit großer Präzision folgt sie individueller Grenzerfahrung und gruppendynamischen Prozessen im Wechselspiel von Staunen, Furcht, Euphorie und totaler Erschöpfung. Silke Stamm hat dafür eine höchst eigenwillige Sprache gefunden, expressiv und kalkuliert, experimentell und von geradezu archaischer Wucht, so dass ,Hohe Berge‘ gleichermaßen abenteuerliche Reiseerzählung, intimes Psychogramm und herausragendes Sprachkunstwerk ist.“

Silke Stamm: Hohe Berge; September 2022; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN 978-3-8270-1455-9; Berlin Verlag; 22,00 €

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