Marie-Luise haut auf die Kacke

… und hält ihren Anwalt auf Trab, der lauter böse Post verschickt. Was sonst noch von den vereinigten trans*Phobikern zu berichten ist, gibt es hier zu lesen, samt Versuch, den aktuellen Frontverlauf zu beschreiben.

Von Nora Eckert

Zur Erinnerung: Seit ein Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften an der Humboldt-Universität abgesagt wurde, den sie nach bundesweiten Erregungswellen dann doch halten durfte, gilt sie als die angeblich bekannteste Biologin Deutschlands. Dabei bot ihr Vortrag nichts wirklich Neues. Es war eine Nachhilfe in Fortpflanzung, verbunden mit der Erklärung, dass es unter Menschen nur zwei Geschlechter gebe, also Eizellen bzw. Samenzellen produzierende Wesen. Der Vortrag richtete sich wohl an jene, die im Biologieunterricht nicht aufgepasst haben. Aber war das schon alles? 

Natürlich nicht. Denn wer heute in der Republik die Parole vom „biologischen Geschlecht“ im Munde führt, um die Binarität (Zweigeschlechtlichkeit) hochleben zu lassen, der meint für gewöhnlich etwas anderes als er sagt. Denn eigentlich geht es gegen die geschlechtliche Vielfalt und, um es genauer zu benennen, um die Fiktionalisierung von trans*. Trans*Frauen seien keine Frauen und trans*Männer keine Männer. Wir kennen dieses Mantra aus TERF-Mündern zur Genüge. (TERF = Trans Exclusionary Radical Feminist) Ich wünschte mir, Dummheit würde weh tun. Denn nach Ansicht von Vollbrecht sind wir unsere Genitalien. Und wer die nicht auch noch im Kopf hat wie sie, ist für sie nicht echt. Merksatz: trans*Feindlichkeit schaut immer zuerst zwischen die Beine.

Gut, aber die Geschichte ging auf Twitter weiter und Frau Vollbrecht gehört zu einer hyperaktiven Nutzerin dieses Mediums, um ihre wahren und ziemlich verschwurbelten Botschaften unters Volk zu bringen. Da auf Twitter Meinungen und Ressentiments höher bewertet werden als Wissen, landete die ballistische Schnellkommunikation schließlich bei historischen Vergleichen und beispielsweise bei der Frage, ob trans*Personen während des NS-Regimes verfolgt wurden. Nein, die hätten doch einfach zu Hause bleiben können. Das Leben im Schrank habe mit Sicherheit vor dem KZ geschützt – und überhaupt, diese ganze trans*Weinerlichkeit sei doch zum Heulen.

Und darauf gab es schließlich den Hashtag „Marie-Luise leugnet NS-Verbrechen“. Peng, das traf den Nerv. Natürlich wollte die angeblich bekannteste Biologin Deutschlands das nicht auf sich sitzen lassen, sammelte rasch eine Menge Geld, fand einen Anwalt in Köln, der nicht wählerisch mit seiner Klientel ist und schon wurde die Klage eingereicht und einige trans*Organisationen im letzten Sommer mit Abmahnungen versorgt. Sie wurden kurzerhand zu den Verantwortlichen des Tweets erklärt. Dabei hatten sie lediglich eine Petition mit Namen „TransMedienWatch“ erstunterzeichnet, auf die der Tweet solidarisch verwies. Kurzschlüsse taugen selten was.

Nachdem Anwalts- und Gerichtspost hin und her gegangen war, kam das Landgericht Köln im Fall von Vollbrecht ./. dgti (Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e. V.) zu dem Schluss: Wer wie Vollbrecht austeilt, muss auch einstecken können. Man kann es auch so sagen: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Klar ist indes, dass es Vollbrecht wie der ganzen übrigen Entourage an trans*Phobikern um Attacken gegen den organisierten trans*Aktivismus geht. Manchen steigt das Geld tatsächlich zu Kopf. Hunderttausend Euro soll sie mittlerweile für ihren juristischen Feldzug gesammelt haben. Kein Wunder, dass sie in Berufung gehen will und inzwischen sich noch andere Angriffsziele ausgesucht hat. Seit Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royale wissen wir zudem, wie groß die Geldtöpfe sind, mit denen erzreaktionäre Kampagnen gegen trans* und queer und jegliche Selbstbestimmung finanziert werden.

Was aber ist dran an dem Vorwurf, Vollbrecht leugne mit Blick auf trans* NS-Verbrechen? Namhafte Historiker wissen nicht erst seit heute, dass Menschen, die damals Transvestiten hießen, überwacht und verfolgt wurden. Die Praxis der Überwachung stammte bereits aus der Weimarer Zeit und setzte sich nach 1933 bruchlos fort. Wer erkennungsdienstlich erfasst wird, ist potentiell verfolgbar. KZ-Haft, Sicherungsverwahrung und Zwangskastration waren unter den Nazis Alltag. An Belegen jedenfalls fehlt es nicht. So viel zur historischen Wahrheit, von der in gewissen Twitter-Auftritten nichts zu finden ist.

Von Alice Schwarzer hören und lesen wir auf allen Kanälen gerade recht viel und die immergleichen Widersprüche. Darin ist sie so begabt, dass ich ihren Geburtstag gerne zum Anlass nehme, um von der neuesten Schote zu berichten. In ihrem Interview für die Neue Zürcher Zeitung vom 1. Dezember schafft sie es, sich in zwei aufeinander folgenden Antworten absolut zu widersprechen:

„Und ich bleibe dabei, dass das biologische Geschlecht nicht Vorwand sein darf für die Zuweisung des sozialen Geschlechts, die Geschlechterrollen, die ja die Menschen verstümmeln und teilen in männlich und weiblich.“

Alice Schwarzer

Das entspricht ziemlich genau dem, was das geplante Selbstbestimmungsgesetz als Nachfolge des sogenannten Transsexuellengesetzes (TSG) beabsichtigt, nämlich die Frage von Geschlecht unabhängig von körperlichen Merkmalen zu beantworten mit der Geschlechtsidentität als der ausschlaggebenden Kategorie.

Als dann aber die nächste Frage auf genau jenes Selbstbestimmungsgesetz zielt, heißt es plötzlich:

„Ich kämpfe dagegen! Da wird das kulturelle Geschlecht ‚Gender‘ mit dem biologischen Geschlecht ‚Sex‘ verwechselt. Der Mensch bleibt, auch wenn er Hormone nimmt, auch wenn frau die Brüste amputiert, die Genitalien verstümmelt, lebenslang biologisch weiblich oder männlich.“

Alice Schwarzer

Nein, es ist doch nicht amüsant, nur sehr, sehr traurig. Erst recht, wenn sie sich rühmt, sie habe sich seit 1984 öffentlich für das Recht von „echt Transsexuellen“ eingesetzt, den Personenstand zu ändern. „Das wissen diese Transideologen vermutlich nicht mal, die sind ja extrem geschichtslos.“ Sind sie nicht, sie sind nicht mal Ideologen, sondern sagen lediglich, trans*Rechte sind Menschenrechte. Aber Frau Schwarzer hat wahrscheinlich vergessen, dass 1984 schon seit vier Jahren das TSG in Kraft war, mit dem Personenstandsänderungen möglich geworden waren.

Aber es geht noch gruseliger – zum Beispiel beim FrauenAktionsBündnis (FAB) mit seinem Nein zum Selbstbestimmungsgesetz. Wie Alice Schwarzer und die EMMA will auch das FAB die Mädchen schützen, die selbstverständlich nicht wissen können, ob sie trans* sind, sondern einfach nur mit ihrer Rolle nicht klarkommen oder Essstörungen haben oder etwas in dieser Art. Unterstellt wird dabei, dass ein Gesetz, das lediglich den Namen und den Personenstand (Geschlechtseintrag) regelt, bereits eine medizinische Indikation enthält, was völlig unzutreffend ist. Wer wurde je durch eine Namensänderung körperlich „verstümmelt“? Und wer ist für die Hysterie verantwortlich? Zum Beispiel Eva Engelken. Aber die Panikmache hat viele Namen und sie gibt es leider in allen politischen Farben.

Die zweite Unterstellung: Männer würden eine Personenstandsänderung nur der Vorteile wegen anstreben oder aus kriminellen Gründen. Als ob trans*Frauen die Sexualstrafstatistik anführen. Wir sprechen dabei über eine Minderheit, die Tag für Tag Hass und Gewalt erfährt, und die sich auch noch dies gefallen lassen soll:

„Jeder Mann, der angibt, sich als Frau zu identifizieren, bekäme durch dieses Gesetz legal Zutritt zu Frauenräumen. Er erhielte Anspruch auf Frauenlistenplätze im Bundestag, Teilhabe an Frauenförder- und Gleichstellungsmaßnahmen und auf Aufnahme als Frau unter Frauen.“

Aus dem Appell des FrauenAktionsBündnis (FAB)

Und nun kommt die Philosophie aus dem Mustopf. (Christoph Türcke, seit Natur und Gender ein philosophischer Mustopf-Spezialist, unterschlag ich mal eben). Sie hat in Gestalt der Berufsphilosoph*innen Juliane Jüngling und Geert Keil (beide Humboldt Uni Berlin) zwar keine Ahnung vom trans*Sein, außer den cis-üblichen Mutmaßungen, aber dafür haben die beiden Ludwig Wittgenstein gelesen und kennen außerdem die Einträge im Duden zu den Begriffen „Frau“ und „weiblich“. Der Begriff Geschlechtsidentität, der spannendste überhaupt in der Debatte, taucht in ihrem ZEIT-Artikel „Wovon hängt ab, wer eine Frau ist?“ zwar auf, doch können sie damit nichts anfangen, weil sie, wie die von ihnen so bezeichnete „Duden-Fraktion“, nur die reproduktive Biologie kennen, die restliche jedoch nicht. Wozu Software, wenn man gute Hardware hat, oder?! Die Genitalien kann man wenigstens anfassen, die sind pure Faktizität.

Denker*innen sollten allerdings wissen, womit sie diese Tätigkeit ausüben. Oder ist das Gehirn etwa nicht biologisch? Denn wir können uns so diskursagil drehen und wenden wie wir wollen, es bleibt doch immer die Frage übrig, woher trans*Menschen ihr geschlechtliches Wissen haben. Durch den Heiligen Geist gewiss nicht. Ja, die zitierte Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard hat recht – es gibt keine „Geschlechtsumwandlung“ (die Bezeichnung stammt, nebenbei bemerkt, aus dem vorigen Jahrhundert und heißt heute „Geschlechtsangleichung“), aber trans* hat sie trotzdem nicht begriffen. Woran zu sehen ist: weder schützt ein Nobelpreis noch die Wittgenstein-Lektüre vorm Straucheln in elementaren menschlichen Angelegenheiten. Die anderen hier Genannten sind da noch übler dran.

Nora Eckert ist Publizistin, im Vorstand beim Bundesverbandes Trans* e.V. und bei TransInterQueer e. V. und Teil der Queer Media Society

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Comments

  1. Ich finde diese Feindseligkeit unter verschiedenen Gruppen von LINKEN (!) FEMINISTINNEN total schlimm.

    So sehr ich mir immer gewünscht hatte, dass das #zdfmagazin mal #trans sein thematisiert, so enttäuscht war ich über die einseitige Darstellung.#turds

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