Verkleidet, entkleidet

Queerness auf dem Land ist heute vielfach noch ein Problem. Maren Kroymann beklagte vor zwei Jahren Homofeindlichkeit in manch brandenburgischem Dorf, aber auch in der nordrhein-westfälischen Provinz sind Männer liebende Männer, Frauen liebende Frauen, wie auch Transsexualität oder jede andere Art von Nicht-Heteronormativität noch heute Anlass für Gewalt und Hass, oft gar innerhalb der eigenen Familie.

Papa // © Flare Film/Privatarchiv Familie Decker

Nicht selten sind es aber weder die Angst vor Gewalt oder Hass, sondern eher Scham und die Unwissenheit, wie andere auf die eigene „andere“ Sexualität reagieren. Von einer solchen Geschichte erzählt die Regisseurin und Co-Autorin Uli Decker (mit Rita Bakacs) in ihrem bei Flare Film und dem farbfilm verleih erschienenen Dokumentarfilm Anima – Die Kleider meines Vaters. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Familie und vor allem ihres Vaters Herbert.

Ein lange Zeit gut gehütetes Geheimnis

Decker erfährt am Sterbebett ihres Vaters von ihrer Mutter das lange Zeit größte Geheimnis ihres Vaters: Er ist Transvestit. Herbert Decker schafft es lange, seine Vorliebe für Frauenkleider vor der Außenwelt und vor allem seiner Familie zu verbergen. In einem Tagebuch, aus dem im Rahmen des Dokumentarfilms immer wieder vorgelesen wird, hält er fest, wie es ihn danach zehrt, aus seinen „normalen“ Jungen- oder Männerklamotten in Damenkleidung zu schlüpfen. Und auch so manch transvestitische Erfahrung Herbert Deckers wird uns Zuschauerinnen und Zuschauern nicht vorenthalten. Stichwort: Stöckelschuhe!

Mir geht es nicht darum, eindeutig weiblich zu sein, sondern im Transzendieren der männlichen Rolle meiner Seele Freiheit zu verschaffen.

Herbert Decker

Lange konnte Herbert Decker dabei sein Sein verbergen. Bereits im Jungenalter beschrieb er in seinen Notizen seinen Hang zu Frauenkleidern, den er später immer häufiger und selbstbewusster auslebte – allerdings stets im Verborgenen, denn etwas Anrüchiges schien er auch für ihn weiterhin zu haben. In seiner Ehe konnte er für etwa zehn Jahre ohne das Transvestieren leben, bis sein Bedürfnis danach aber doch wieder hervorbrach. Und nur durch einen Zufall – einen glücklichen, wie wir meinen – fand seine Frau seine sexuelle Präferenz heraus.

Anstatt es jedoch abzulehnen oder gar angeekelt zu sein, reagierte sie scheinbar sehr souverän. Lange hatte Herbert eine Depression mit sich herumgetragen, die auch seine Frau und die gesamte Familie belastete. Nun hatte sie eine Erklärung und sie schien und scheint Herberts Vorliebe ohne Vorbehalte zu akzeptieren.

Die Regisseurin als Co-Protagonistin

Regisseurin und Protagonistin Uli Decker // © Florentin Skimbiski

Zu etwas Besonderem macht Anima jedoch vor allem seine Erzählform. Als Erzählerin aus dem Off fungiert Uli Decker selbst, die, wie in einem langen Brief an ihren Vater, ihr Verhältnis zu ihm, ihre eigene Rolle in der Familie und allgemein das Zusammenleben in der Familie Decker ihm gegenüber thematisiert. Sie rückt sich selbst und ihre Jugend – auch ihre eigene Sexualität, die nach dem Eindruck des Films vermutlich als bi- oder pansexuell beschrieben werden dürfte – damit neben ihrem Vater ins Zentrum der Dokumentation, was diese noch einmal greifbarer macht.

Dazu gibt sie – genau wie ihre Mutter sowie einige Bekannte der Familie – immer wieder Statements in Form von Interviews ab. Wir erfahren so enorm viel über das Leben und Zusammenleben in der Familie Decker und auch darüber, wie wohlgelitten sie in der örtlichen bayerischen Gemeinschaft sind und waren. Klar, auch das Umfeld wusste nichts von Herberts Vorliebe, aber seine erwähnte Depression hat dennoch das gesamte Familienleben beeinflusst.

Depression, Respekt und Verständnis

So erfahren wir beispielsweise von Uli Decker, die später ein wenig rebellisch aus dem behäbigen Leben im Voralpenland südlich von München ausbricht, dass sie scheinbar häufig die Zweifel ihres Vaters kompensieren musste. Burschikos wie sie war (und nach unserem Eindruck auch noch immer zu einem gewissen Grad sein dürfte), hatte sie immer eher ein Faible für Cowboy und Indianer (ja, heute politisch nicht mehr korrekt, aber damals gingen Kinder eben in diesen Kostümen in den Fasching) statt für Prinzessinnen. Und doch musste sie erst durchsetzen, zum Fasching nicht ins Kleid, sondern in ein Cowboyoutfit gesteckt werden zu dürfen. Lange Zeit für sie unerklärlich, wurde ihr nun eine Erklärung geliefert, wieso ihr Vater sie partout nicht in „Jungsklamotten“ sehen wollte.

Dann werd ich halt Papst // © Flare Film/Falk Schuster

Und doch wird der Vater von den die Dokumentation tragenden Personen – vor allem Uli Decker und ihre Mutter – nie verurteilt, im Gegenteil. Sie begegnen ihm mit größtem Respekt und Verständnis. Das ist heute im ländlichen Bayern nicht selbstverständlich und das war es zu Lebzeiten von Herbert Decker noch deutlich weniger. Wenn also jemandem Respekt und Anerkennung für einen souveränen Umgang mit den Vorlieben von Herbert Decker gebührt, dann sind es diese beiden Damen (wie auch das gesamte weitere Umfeld, das uns in Anima präsentiert wird).

Queer auf dem Land – oft leider noch immer a Schand‘

Als ich selbst mein Coming-Out hatte, ebenfalls in Oberbayern, bekam ich von meiner Familie auch vorwiegend positive Reaktionen. Aber leider sind nicht alle Reaktionen so, denn der Bezirk zwischen Ingolstadt und der österreichischen Grenze ist eine strukturell sehr konservative Gegend. Die Akzeptanz der Familie zu haben, als queerer Mensch zu leben, sollte eigentlich selbstverständlich sein, wenn eine Familie von gegenseitiger Liebe und Respekt geprägt ist. Leider ist das zu häufig nicht so – und nicht nur in Oberbayern.

Tradition und so // © Flare Film/Siri Klug

Besonders aber eine Rollenumkehr ist für viele noch einmal dramatischer, also nicht, wenn sich ein Kind zu seiner Nicht-Homosexualität bekennt, sondern ein Elternteil. Im Film Eine ganz normale Familie haben wir erst vor kurzem gesehen, welche Belastung das Bekenntnis eines Elternteils zur seiner Transsexualität auch für die Kinder sein kann. Auch in meinem Dorf gab es den Vater eines etwa gleichaltrigen Mädchens, der sich spät als schwul outete. Das Mädchen stürzte später in eine Identitätskrise, glitt in manch eine Sucht ab, lebte meines Wissens nach selbst eine Weile lesbisch. Heute lebt sie gar nicht mehr – und das ist mehr als traurig. Das konservative Umfeld im südlichen Bayern war damals hierfür nicht gemacht – und ob es das heute ist, will ich ernsthaft anzweifeln.

Was Familie eigentlich sein sollte

Von solchen Schicksalen hören wir in Anima nicht, denn es geht um die Familie Decker und vor allem den lange Zeit seines Lebens transvestierenden Vater Herbert sowie seine Tochter und Regisseurin des Films Uli. Die Vertrautheit dieser Familie berührt, der nicht selbstverständlich souveräne Umgang mit Herbert und seiner Vorliebe für Frauenkleidung und seiner Identität ist ein Beispiel dafür, wie Menschen – egal, ob in der vermeintlich progressiven Stadt oder auf dem konservativem Land – miteinander umgehen sollten. Angst und Hass, Scham und Furcht, das lehrt uns diese beeindruckende Dokumentation, haben bei Familie Decker kein Zuhause.

© Flare Film/Siri Klug

Anima ist damit und nicht zuletzt aufgrund seiner die Zuschauerinnen und Zuschauer so einnehmenden Machart ein kleines dokumentarisches Meisterwerk, das völlig zurecht beim Thessaloniki Documentary Festival 2022 und dem Filmfestival Max Ophüls Preis lief und gefeiert wurde. Im September 2022 wird der Film im Rahmen des Queerfilmfestivals in ausgewählten Kinos gezeigt und ab dem 20. Oktober läuft Anima planmäßig bundesweit in den Filmhäusern. Und er gehört zum Bewegendsten, was wir seit langem sehen durften.

HMS

Plakat Anima

Anima ist ab dem 9. September zu verschiedenen Terminen im Rahmen des Queerfilmfestivals zu sehen.

Anima; Deutschland 2022; Regie: Uli Decker; Buch: Uli Decker, Rita Bakacs; Laufzeit ca. 94 Minuten

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