Einmal entgegen der Uhr durchs bunte Land

Niemand solle behaupten, dass der Mensch für kulinarische Abwechslung ins (außer-)europäische Ausland reisen müsste. Es gibt eine breite Auswahl mehr oder weniger direkt vor der Tür. Damit sind weder der Stammitaliener noch der Ausnahmefranzose oder der Pho-Asiate gemeint. In der Tat gibt es bei einer Reise durchs Land so einiges an unterschiedlicher Kulinarik zu finden oder auch wiederzuentdecken.

Von Sylt um Deutschland

Wie um uns das zu beweisen, scheint Lennart Menkhaus den Bildband Bilderbuchland – Eine illustrierte Reise durch Deutschland konzipiert zu haben. Auf sechzig wunderbar bunten Grafiken, die der Conbook-Verlag in einem ansehnlichen Buch veröffentlicht hat, und ebenso vielen Zielen begegnen wir jedenfalls häufig der Regional- oder Leibküche manch einer Gegend und ihrer Bewohner*innen.

Was muss, das muss – die Saarschleife // © CONBOOK Verlag/Lennart Menkhaus

Menkhaus, gebürtig 1991 in Oldenburg und studierter Illustrator, entschied sich dabei entgegen dem Uhrzeigersinn durch Deutschland zu fahren und startet, für ein Nordlicht nich so überraschend, ebendort. Und zwar an einem Ort, der sich nun vor dem 9-Euro-Ticket fürchtet: Sylt. Also Westerland, aber ohne Sylt kein Westerland. Vom dortigen Wassersport und dem höchstdotierten Wettkampf für Windsurfer geht es in den Inbegriff der (unterschätzten) Gemütlichkeit: St. Peter-Ording – und hier gibt es Eiderstedter Wiensupp und Pharisäer. 

Yumyumyummy

Auf unterirdischen Bierleitungen wird in Wacken gerockt und weiter geht es nach Hamburg. Dabei gibt es erst allgemeine Informationen – so zum Beispiel zum Hafengeburtstag -, um dann einen Blick auf die Reeperbahn und nach Altona (Labskaus!) zu werfen. Später in Köln (Himmel und Ääd), München (Oktoberfest, zur Erholung Schleppbrettsurfen, dann Biergartenfahrplan und Brezen mit Obazda), Frankfurt am Main (Frankfurter Kranz, aber keine Buchmesse) und Berlin (Fernsehturm und Currywurst) wird es ähnlich sein: Menkhaus, der auch die süffigen Texte geschrieben hat, pickt sich einzelne Stadteile raus und betrachtet sie genauer. In Stuttgart bleibt’s eher allgemein (ist ja auch recht klein), dafür mit Herrgottsbscheißerle.

Köln mitsamt Himmel und Ääd // © CONBOOK Verlag/Lennart Menkhaus

Dabei mag nicht jede einzelne Information neu sein; kurzweilig sind sie aber allemal. Sicherlich kommt es hierbei auch darauf an, wo mensch groß geworden ist und wie viel einzelne Personen bereits abgeklappert haben. Nichtsdestotrotz mag bei manch einem Beitrag Freude allein durchs Wieder-In-Erinnerung-Rufen aufkommen.

Kapernklopse in Waren (Müritz) // © CONBOOK Verlag/Lennart Menkhaus

Das Bernsteinmuseum in Sellin auf Rügen weckt feine Erinnerungen, dann ab nach Waren an der Müritz (so auf ein paar Kapernklopse), das Holstentor muss nicht in Erinnerung gerufen werden, Lübeck aber sollte unbedingt wieder einmal besucht werden, an Ferropolis in Gräfenhainichen denken wir vor allem dank der #CoupleChallenge und ist sicherlich einen Besuch wert, einen Abstecher zum Bauhaus-Gebäudekomplex in Dessau(-Roßlau) inklusive.

Eine Tour zu Allerorten

Zwei Sachen dürften aufgefallen sein (also drei, wenn wir das Essen mitdenken): Lennart Menkhaus ist wirklich in ganz Deutschland unterwegs: Ost wie West; Nord wie Süd. Vor allem aber: Klein wie Groß. Es werden nicht nur die Hotspots abgeklappert – wenn natürlich auch weder die Saarschleife noch der Königssee fehlen dürfen – sondern auch Ecken, die eben nicht jede*r auf dem Schirm haben dürfte.

Norden // © CONBOOK Verlag/Lennart Menkhaus

Bad Harzburg (Runx Munx), Rothenburg ob der Tauber (Weihnachtsmuseum Käthe Wohlfahrt hin oder her), die Insel Mainau (Blumen, Blumen, Blumen, manche bestimmt essbar) oder Norden in Niedersachsen, wo sich eine staatlich anerkannte Betreuungsstation für Meeressäuger findet (was wir naturgemäß sehr gut finden). So ist der Trip wahrlich rund, wenn sich natürlich auch je nach Gusto manches ergänzen ließe. 

Schön (und) rund und bunt

Nicht zuletzt geht es im Band ja aber auch um die Schönheit des Reisens und da kommen natürlich nochmals die bereits erwähnten Illustrationen ins Spiel. Im krachig-bunten Neon-Stil unverkennbar aus einer Hand und dennoch so unterschiedlich und differenziert wie die ausgewählten Orte es ebenfalls sind (und immer wieder: Essen). In Hamburg fahren wir hell am Hafen ein, um auf dem nächsten Bild dunkel und spät versacken zu können. 

Werk 2 in Leipzig // © CONBOOK Verlag/Lennart Menkhaus

In Bochum wird gefeiert (man glaubt’s kaum), in Essen sieht die Zeche Zollverein tatsächlich kunstvoll aus; Mainz überträgt direkt die Nervigkeit des Karnevals, in Heidelberg schauen wir bewundernd auf den Studentenkarzer, in Kiel sieht die Windjammerparade aus, als würden die Wikinger gleich wieder da sein und in Leipzig sehen wir uns nach der buchmesse_popup direkt wieder ins Werk 2 versetzt und schließlich soll in Berlin die authentische Schlange vorm Berghain nicht fehlen (wenn hier auch manch Textteil eher auf Gerüchten beruht).

Der Studentenkarzer // © CONBOOK Verlag/Lennart Menkhaus

Somit ist das Bilderbuchland von Lennart Menkhaus nicht nur im Sinne einer Analoguhr eine runde Sache, sondern auch für jede*n Betrachter*in, die kompakte und doch zumeist reichhaltige Informationen (die vor allem zur weiteren Recherche einladen) in wunderbarem Stil zu schätzen weiß. Darüber hinaus eine im doppelten Sinne schöne Lektüre, wenn wir nun seit dem 1. Juni länger auf den Regio in Richtung Blaubeuren warten müssen.

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Lennart Menkhaus: Bilderbuchland – Eine illustrierte Reise durch Deutschland; Oktober 2021; 128 Seiten; Hardcover; 60 farbige Grafiken; ISBN: 978-3-95889-400-6; Conbook Verlag; 19,95 €

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