Mais und Borschtsch

Seit nun fast vier Monaten bestürzt uns Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Viele von uns machen sich Sorgen, viele tun selbst etwas, um geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern oder auch dem Land selbst zu helfen – manchmal sogar die Bundesregierung. Aber am härtesten trifft Putins Invasion natürlich die Menschen in der Ukraine.

Schneebälle werfen

Viele von uns wissen allerdings erstaunlich wenig über das flächenmäßig zweitgrößte Land Europas – nur Russland ist größer. Die Redaktion des Greifswalder KATAPULT Verlags hat bereits seit Beginn des Kriegs selbst einiges getan, um uns zumeist mittels Karten via Instagram zu informieren und Menschen aus und in der Ukraine zu helfen. Viele dieser Karten und noch einige mehr haben sie nun zusammengestellt und in dem Band 100 Karten über die Ukraine und die Spezialoperation den Krieg veröffentlicht.

Weizen verheizen? // © Katapult

Die Karten sind dabei thematisch so vielfältig wie meist auch informativ. Von topografischen und infrastrukturellen Daten wie der Bewaldung, Flussläufen oder dem Straßen- und Schienennetz des Landes über soziale und gesellschaftliche Kennziffern im nationalen, europäischen oder oft auch globalen Vergleich erfahren wir viel über das Land, das laut Wortbedeutung eine „Mark“ ist und somit „am Rande“ liegt.

Jemanden mit Wurst schlagen

Wir erfahren aber auch vieles von der jüngeren wie älteren Kultur und Geschichte des Landes. Wie gut der diesjährige Sieger des ESC beispielsweise im langjährigen Mittel abschneidet (rein punktemäßig: sehr gut). Welche Oblasten und Regionen mit welchem Ergebnis für die Unabhängigkeit der Ukraine stimmten. Wo wie viele Jüdinnen und Juden im Zuge des Holocaust ermordet wurden. Oder natürlich so manche Information über die Ukraine und Atomwaffen. Daten zum Alkoholkonsum dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Holocaust in der Ukraine // © Katapult

Auch wirtschaftliche Aspekte und die Verflechtung der Ukraine mit Nachbarn oder Partnern werden erläutert. Wir lernen beispielsweise, wie sehr die zuletzt viel bemühten Exporte von Weizen, Mais und Sonnenblumen zum wirtschaftlichen Erfolg der Ukraine beitrugen – und was nun in anderen Regionen für Hungersnöte sorgen könnte. Oder wir sehen, wie innovativ und attraktiv für Unternehmensgründungen die Ukraine eigentlich ist – oder bisher war.

Sich auf die Eiche setzen

Und, auch das eine wichtige Perspektive: Wir erfahren manches über den aktuellen Aggressor. Ob es die Einschränkung der Medienfreiheit in Russland ist, Demonstrationen in der Anfangsphase des Kriegs, eine Darstellung der Konflikte in der postsowjetischen Welt, die Russland nicht selten selbst befeuert, oder auch über russische Militäreinsätze weltweit, auch Informationen über das Regime des Aggressors bekommen in diesem Band deutlichen Platz eingeräumt. Putins permanente Aggression gegen Homosexuelle wird dankenswerterweise auch in einer Grafik entlarvt und entkräftet.

Kampf gegen Homosexualität // © Katapult

Dies und noch viele Dinge mehr erfahren die Leserinnen und Leser in dem aktuellen Sammelband. Wie immer wird dieser seitens der Redaktion mit einer Reihe von Grafiken, Statistiken und vor allem Karten illustriert. Meistens gibt uns das einen wunderbaren visuellen Eindruck der Nachricht, die die Autorinnen und Autoren zu transportieren versuchen. Der Lerneffekt ist dadurch jedenfalls in der Regel noch einmal deutlich höher.

Das Pferd tränken

Es gibt aber auch Fälle, in denen das Medium „Karte“ ein wenig an seine Grenzen stößt. Deutsche und ähnlich oder gleich klingende ukrainische Begriffe abzubilden und eine Karte der Ukraine zu hinterlegen ist amüsant, aber die Einbindung der Karte schafft nur einen geringen Mehrwert. Oder einen Feiertag, der nur in Belarus, Russland und der Ukraine begangen wird und dann diese drei Länder in einer Karte zu markieren – kann mensch machen, aber geht auch in diesem Fall ohne Karte.

Diverse Fäuste für kaum Halleluja! // © Katapult

Das soll gar nicht die grandiose Arbeit der gesamten Redaktion und die vielen Informationen, die wir in 100 Karten über die Ukraine und die Spezialoperation den Krieg vermittelt bekommen kleinreden, ganz im Gegenteil. Obwohl die KATAPULT Redaktion auf eine thematische Strukturierung oder unterschiedliche Kapitel verzichtet, liegt vielleicht auch gerade darin ein wenig der Charme dieses Sammelbands: Wir blättern um und wissen in der Regel nicht, was jetzt kommt. Wie eine kleine Wundertüte.

Einen Kohlkopf dämpfen

KATAPULT ist bekannt dafür, manche Dinge anders zu machen, manch ein eher exotisches Thema zu behandeln oder neuerdings auch eher abseitige Bücher ins Deutsche zu übertragen. Der Ukraine und dem russischen Angriffskrieg widmet sich die Redaktion bereits seit dem ersten Tag mit hoher Intensität und eindeutiger Position. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat die Redaktion nun in diesem sehr anschaulichen und informativen Sammelband zusammengestellt.

Laut Buchrückentext erscheint das Buch auch auf Ukrainisch, Englisch und Russisch und soll so einem möglichst großen Publikum bereitgestellt werden – inklusive innerhalb von Putins Reich. Es bleibt zu hoffen, dass 100 Karten über die Ukraine und die Spezialoperation den Krieg tatsächlich eine große Verbreitung findet, denn trotz manch einer kleinen Schwäche finden wir hier ein informatives, humorvolles und gleichzeitig auch ernstes und engagiertes Buch vor. Das Team um Herausgeber Benjamin Fredrich hat jedenfalls gute Arbeit geleistet und diese sollte möglichst breit gewürdigt werden. Allerdings ein letzter Punkt: Leider hat es vergessen den Buchstaben Z aus dem Buch zu streichen 😉.

HMS

PS: Quecksilber.

Hier könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.

Katapult (Hrsg*in): 100 Karten über die Ukraine und die Spezialoperation den Krieg; 1. Auflage (2. Auflage in Vorbereitung), Juni 2022; 192 Seiten; Hardcover; ISBN: 978-3-948923-41-9; Katapult Verlag; 26,00 €

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