Volksverräter?

32 Jahre – so lange war die deutsche Teilung Anfang Oktober Geschichte. Geschichte ist sie aber für viele bis heute nicht: Stasi-Unterlagen und -Vergangenheiten sorgen dafür, dass die DDR noch immer nachwirkt. Und eine Nachfolgepartei der sozialistischen Einheitspartei SED – die Linkspartei, die sich bis heute nicht bemüßigt fühlt zu erklären, wohin das Vermögen der SED versickert ist – manifestiert dies im politischen Raum. Vor 33 Jahren nun, am 9. November 1989, fiel die Mauer und ermöglichte die unbeschwerte Reise zwischen Ost- und Westberlin und -deutschland.

Flucht und Teilung

Die deutsche Teilung hat den Lauf vieler Leben bedeutend beeinflusst. Von einem solchen Schicksal erzählt Aroa Moreno Duráns Buch Die Tochter des Kommunisten, das im btb Verlag in der Übersetzung von Marianne Gareis erschien. Es ist die Geschichte von Katia, deren Eltern aus dem franquistischen Spanien geflohen waren und sich in der sozialistischen DDR niederließen.

Ihr Vater war, so erfahren wir bereits durch den Titel, überzeugter Kommunist, wäre unter dem faschistischen Franco-Regime also schnell ins Gefängnis geworfen worden – im besten Fall. Samt Frau und den beiden Töchtern schafft er aber die Flucht in die DDR, wo er – wie wir spät im Roman erfahren – von der Stasi als Spitzel angeworben wurde.

Dies- und jenseits der Mauer

Katia durchlebt eine Kindheit in Ostberlin: Vieles ist grau und trostlos, in Friedrichshain klopfen die Trümmerfrauen den Zement von den Ziegeln. Alles in allem wachsen Katia und ihre Schwester Martina behütet unter dem Ährenkranz auf, aber natürlich lockt auch sie die Illusion des Westens. Als sich Anfang der 1970er-Jahre am Rande der Weltspiele der Jugend und Studenten die Gelegenheit für Katia zur Flucht eröffnet, ergreift sie diese kurze Zeit darauf.

Sie macht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Tschechoslowakei und Österreich rüber, lässt sich bei ihrem „Befreier“ und späteren Mann Johannes in Backnang nieder. Und sie muss erkennen, dass das Leben „drüben“ doch nicht so strahlend ist, wie sie sich das erträumt hatte. Die Konsequenzen ihrer Flucht für ihre Familie hingegen, scheint sie nicht bedacht zu haben… Und dass sie sich auch selbst erst an das Leben im Westen gewöhnen muss, auch das muss Katia erst lernen.

Fluss und Flucht

Mit einer bildmächtigen Sprache führt uns Aroa Moreno Durán durch ihre Geschichte. Egal, ob es die junge Katia an der innerstädtischen Grenze ist, die flüchtende Katia, die durch den Grenzfluss watet oder die Katia, die sich in ihrem Leben in Backnang nicht ganz so wohlfühlt, wie sie es erwartet hatte (Bilderbuchland), mit großer Detailgenauigkeit und einer scharfen Beobachtungsgabe erfüllt die Autorin ihre Hauptfigur und deren Situationen mit Leben. Obwohl es sich um eine relativ kurze Erzählung in vier Teilen handelt – wobei Teil 2 und Teil 4 sehr knapp und intensiv, aber dennoch Wegmarken sind –, fühlt sich die Geschichte doch sehr greifbar und abgeschlossen an.

Obwohl Die Tochter des Kommunisten über diese kurze Dauer dahinplätschert wie ein pyrenäischer Gebirgsbach, leiden wir leiden mit der Protagonistin und fühlen uns in ihre jeweilige Situation gut ein. Gerade das Verhältnis zum oder in gewisser Weise auch Vermächtnis des Vaters scheinen Katia immer wieder zu prägen. Sozialistisch erzogen wagt die Tochter doch die Republikflucht, verrät also die Ideale des Vaters und die Folgen für die Familie wiegen schwer – wie Katia jedoch erst spät erfahren soll.

Verrat und Mitleid

Gleichzeitig ist der Verrat immer wieder präsent. Katias Vater nämlich arbeitete auch für die Stasi, bespitzelte also andere Menschen, vor allem die spanische Exilcommunity. Dass gerade er durch Katias Flucht der perversen Logik des sozialistischen Systems anheimfällt, ist vielleicht tragisch, mindestens jedoch ironisch und für so manches Opfer von SED und Stasi trotz des individuellen Leids vielleicht sogar eine kleine Genugtuung.

Am Ende steht also die Frage: Haben wir Mitleid? Mit Katia der Flüchtigen, die im Westen ihr Glück nicht findet? Oder mit dem Vater, der aus Spanien floh, um den Traum vom Sozialismus zu leben? Beide scheitern sie an der Realität, die ihnen nicht das liefert, was sie erhoffen. Und doch müssen sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen. Vermutlich sind genau das die zentralen Erkenntnisse, die uns Aroa Moreno Durán in Die Tochter des Kommunisten liefert. Jede Leserin und jeder Leser wird sie für sich selbst beantworten müssen.

HMS

Die Tochter des Kommunisten von Aroa Moreno Durán

Eine Leseprobe findet ihr hier

Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten; Aus dem Spanischen von Marianne Gareis; September 2022; Hardcover mit Schutzumschlag; 176 Seiten; ISBN 978-3-442-75904-0; btb Verlag; 22,00 €

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