Liebe in Zeiten der Zwangsstörungen

Alice Osemans HeartstopperComics um die beiden Jungs Nick und Charlie begeistern seit geraumer Zeit Millionen von Menschen. Zuerst „nur“ im digitalen Raum, dann nach erfolgreicher Kickstarter-Kampagne in gedruckter Form und schließlich seit 2022 auch als Coming-of-Age-Serie beim Streaming-Giganten Netflix. Die Serie weiß Zuschauer*innen auch durch die treffende und sympathische Besetzung einzunehmen, zuvorderst die der beiden Hauptfiguren: Joe Locke als Charlie und Kit Connor als Nick sind eine einnehmende, optimale Besetzung.

Heartstopper Volume 3 = Staffel 2

So kommt zumindest der Autor dieser Zeilen nicht umhin, beim Lesen und Betrachten der Graphic Novels die beiden Schauspieler, aber auch die weiteren Schauspieler*innen vor Augen zu haben. Und in der Tat scheint es da manchmal beinahe ein Abziehbild zu sein. Was vor allem bei Hearstopper Volume 3 – Geoutet fasziniert, da die Serie zur Zeit des Erscheinens in Großbritannien 2020 noch gar nicht am Start war.

Hierzulande erschien der dritte Band, der in Serienform nahezu eins zu eins in der zweiten Staffel adaptiert wurde, Mitte August 2022 bei Loewe Graphix, ziemlich genau ein Jahr bevor die zweite Staffel auf Netflix verfügbar war (unsere Rezension gibt es in Kürze). Wir setzen kurz nach Nick Nelsons Coming out als bisexuell bei seiner Mutter ein. Im Folgenden geht es darum, ob und wie Nick sich auch in der Schule und Rugby-Mannschaft outet, was das für ihn und Charlie bedeuten würde. Schließlich steht zum Schuljahresende eine Parisreise an.

Verletzungen: Innen wie außen

Charlie wünscht sich natürlich, dass Nick alles in seinem Tempo macht, ist hin- und hergerissen zwischen dem Gedanken offiziell und out and proud ein Paar zu sein und den Erinnerungen daran, wie hart er gemobbt wurde, als Tao ihn versehentlich vor den Teenager-Massen outete beziehungsweise dies dank seines losen Mundwerks ins Rollen gebracht hat. Der Konlfikt wird natürlich behandelt, genauso wie die sich entwickelnde Liebesgeschichte zwsichen Tao und Elle.

Illustration und Text: Alice Oseman © 2022 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

So geht es im dritten Heartstopper-Band also viel um Vergangenheitsbewältigung und Charlie berichtet seinem Nick davon, wie er nicht mit der Homofeindlichkeit die ihm entgegenschlug umzugehen wusste. Begann sein Essverhalten zu kontrollieren und sich selbst zu verletzen. Was Nick sehr mitnimmt, der sich aber, wie ich meine, auf genau die richtige Art hinter Charlie stellt. Für den mit all den Dingen umzugehen nicht leicht ist, zumal er in einer zwar im Grunde liebevollen Familie aufwächst, jedoch einer, die – very chliché British – nicht so gern über Gefühle und Empfindungen spricht. Da denken wir doch direkt an die soeben zu Ende gegangene Serie The Crown: „Tears and self-pity aren‘t exactly common currency in this family.“ Yes, Mummy.

Intensive Emotionen

Schön in diesem dritten Volume ist, wie Oseman mit dem Thema Coming out umgeht. Zum einen erzählt Tara Charlie, wie das bei ihr und Darcy ablief („Wir haben einfach aufgehört, uns zu verstecken“), zum anderen ist Nick sich sehr bewusst, dass es nicht immer so gut laufen wird, wie mit seiner Mum (Auftritt: Arschloch-Bruder David) und zu guter Letzt hat Charlies Freund Aled Last (den es in der Serie meines Wissens nach nicht gibt) Kluges zu sagen: „Es gibt da diese Vorstellung, dass du, wenn du nicht hetero bist, es sofort deiner Familie und deinen Freunden sagen musst, als wärst du‘s ihnen schuldig. Bist du nicht. Du musst gar nichts tun, bis du soweit bist.“ [Unterstreichungen aus dem Original-Text übernommen, Anm. d. Red.]

Illustration und Text: Alice Oseman © 2022 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

Durch das möglicherweise bevorstehende Outing Nicks sowie als Paar gerät Charlie zusehends unter Stress und es deutet sich an, dass sich seine Essstörung wieder verstärkt. Nicht zuletzt, als er im Louvre abklappt – was Nick sichtlich besorgt, wie auch die Lehrer Nathan Ajayi und Youssef Farouk (hier hat die gezeichnete Figur mit Darsteller Nima Taleghan weniger gemein). Stress hin oder her bekommt ein aufgebrachter Charlie es aber dennoch hin, dem Bully Harry die Meinung zu geigen, als der sich entschuldigt und Vergebung will. Ein Moment, der in der Graphic Novel gar intensiver rüber kommt, als in der Serienadaption.

Aufrichtigkeit und Liebe

So bleibt der dritte Band also bei den bewährten Zutaten von aufrichtiger Zuneigung, viel Liebe zum LSBTIQ*-Regenbogen, dem Fokus auf dem Zwischenmenschlichen, manch kleinem aber ernst zu nehmendem Drama und vielem, was wir gemeinhin als „süß“ bezeichnen möchten. Dabei ist die ganze Zeit spürbar, dass der Band irgendwie als Vorbereitung zu einer größeren, womöglich düsteren Storyline für den vierten dient.

So ist dem wohl auch. In Heartstopper Volume 4 – Liebe/Reise liegt der Fokus der Handlung stark auf Charlies Ess- und Zwangsstörungen, seiner damit hadernden Familie (Charlies Mutter ist eine… sehr schwierige Figur, die, so scheint es mir, eigene Verletzungen aus der Vergangenheit ins Heute trägt und an ihre Kinder weitergibt) und der Frage, wie Nick helfen kann und was ihn gegebenenfalls auch überfordert. Liebe hin oder her.

„Das ist Liebe, Herzchen.“

Der weilt einen Teil des vierten Bandes mit der Familie, inklusive Bruder David, bei Verwandten auf Menorca. Hier gibt es einen sehr feinen, emotionalen und in der Tat berührenden Moment zwischen ihm und seiner Mutter, als er ihr von Charlies Krankheit erzhält und sie sich, natürlich, auch um ihren Sohn sorgt und etwa sagt, Liebe könne keine psychischen Störungen heilen. Und: „Aber du musst anerkennen, dass Menschen manchmal mehr Hilfe brauchen, als eine einzelne Person geben kann. Das ist Liebe, Herzchen.“ Gerade im Bewusstsein dessen, dass Olivia Colman Nicks Mutter verkörpert, freue ich mich hier auf eine Umsetzung in der Serie.

Illustration und Text: Alice Oseman © 2022 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

Im weiteren Verlauf gerät Charlie in eine Art harter Abwärtsspirale, die schließlich zu einem dringend empfohlenen, dennoch freiwiligen Klinikaufenthalt führt. Diese Zeit beschreibt Nick schließlich in Rückblenden in fein gemachten Tagebuch-Szenarien; aus Charlies Tagebuch-Sicht folgt die Erläuterung der Zeit nach seiner Rückkehr. Dabei entsteht eine kleine Lücke, die der ebenfalls 2022 bei Loewe erschienene Kurzroman This Winter zu füllen weiß (unsere Rezension lest ihr in Kürze).

Das Problem ernsthaft angehen

Durch diese Fokussierung und die Ferienzeit zu Beginn von Heartstopper Volume 4 finden die anderen Charaktere kaum statt, wenn wir auch Einschübe zu Tara und Darcy sowie am Schluss den Mini-Comic Firsts zu Nathan und Youssef bekommen. (Apropos: Am Ende des dritten Bandes gibt es einen Blick in Charlies Zimmer und selbstredend hat er dort auch Bücher von Alice Oseman zu stehen.) Gerade das aber erlaubt es Oseman, sich voll und ganz auf diese Problemfelder zu konzentrieren und die Erkrankung Charlies nicht nur als Storyvehikel zu nutzen.

Illustration und Text: Alice Oseman © 2022 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

Aufrichtigkei ist hier das Stichwort. Deutlich wird, in diesem vierten Band wie auch im erwähnten Kurzroman, wie ernst es Alice Oseman damit ist, (jungen) Menschen etwas über Ess- und Zwangsstörungen zu vermitteln. Die Art, wie sie das angeht ist so wahrhaftig wie informativ und aufschlussreich. Kürzlich sagte ich zu jemandem, wenn ich jemandem erklären wollte, welche Dinge da mit Menschen passieren und wie das Umfeld reagieren beziehungsweise auf gar keinen Fall reagieren sollte, würde ich der Person nicht unebdingt ein trockenes Sachbuch sondern Heartstopper 4 und This Winter in die Hand drücken.

Große Erwartungen

Dass Oseman es trotz der Ernsthaftigkeit und manch Bitterkeit der Problemfelder (sehr passend sind die Illustrationen im vierten Band auch satter, die Grautöne sträker) schafft, noch immer eine „süße“ Liebes- und Coming-of-Age-Story zu erzählen, mensch beim Lesen ein ums andere Mal ein „Awww“ entfahren zu lassen und uns ein wünschenswertes Konzept von Zuneigung und Freundschaften näherzubringen, ist ganz wunderbar. So erleben wir etwa auch das erste „Ich liebe Dich“in einer wunderbar abstrusen Situation. Dazu ist das Ganze gefühlvoll übersetzt von Vanessa Walder.

Diese Graphic-Novel-Reihe zieht mich also mehr und mehr in ihren Bann und ich muss zugeben, dass ich ob der herzlichen Vielschichtigkeit, der wachsenden Charaktere und des die Gefühle fantastisch vermittelnden Illustrationsstils positiv überrascht bin und der Fortsetzung entgegenfiebere.

Eine direkte geht dabei schnell, da der fünfte Heartstopper-Band Anfang Dezember erschienen ist. Dieser sollte die Geschichte eigentlich abschließen, doch hatte Oseman wohl das Gefühl, dass doch noch etwas fehlte und so soll 2024 ein sechster und letzter Band erscheinen. Ich bin gespannt – und ihr könnt es auf die in Bälde bei uns zu lesenden Rezensionen zu This Winter und Heartstopper Volume 5 sein.

AS

Alice Oseman: Heartstopper Volume 3; August 2022; Aus dem Englischen von Vanessa Walder; 384 Seiten, durchgehend illustriert; Hardcover mit Spottlack, gebunden; Format: 15,3 x 21,5 cm; ISBN:978-3-7432-1282-4 ; Loewe Verlag; 18,00 €; empfohlen ab 12 Jahren

Alice Oseman: Heartstopper Volume 4; November 2022; Aus dem Englischen von Vanessa Walder; 384 Seiten, durchgehend illustriert; Hardcover mit Spottlack, gebunden; Format: 15,3 x 21,5 cm; ISBN: 978-3-7432-1283-1; Loewe Verlag; 18,00 €; empfohlen ab 12 Jahren

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