Totengräber

Beitragsbild: Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) im Bestattungswald. Bei den Vorbereitungen für eine Urnenbestattung wurde ein Mordopfer gefunden. Und: „Mir würd’s an so ’nem Ort gefallen.“ // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Anmerkung: Spoilerfreie Besprechung; am Textende findet sich ein UPDATE von 21:47 Uhr, das ein wesentliches Detail enthüllt.

Es ist per se nichts Besonderes daran, eine Leiche auf einem Friedhof zu finden. Erst wenn sie nicht in einem Sarg, sondern eingewickelt in Plastikfolie und mit einem Kleid aus den 1990er-Jahren angezogen aufgefunden wird, dann ist an der Sache, auch über den Zustand der Leiche hinaus, vielleicht etwas faul.

Die Parallelen der Frauen

So die Ausgangslage im Tatort: Liebe mich, der das zehnjährige Jubiläum der Dortmunder Reihe markiert und diesen Sonntag im Ersten ausgestrahlt wird. Das von uns geschätzte Ermittlerteam Faber (Jörg Hartmann), Bönisch (Anna Schudt), Pawlak (Rick Okon) und Herzog (Stefanie Reinsperger) wird in ihrem Anfang Juni spielenden Fall an den Waldfriedhof gerufen, denn eine Frauenleiche, blond, Mitte 40, etwas herberes Gesicht, wird im genannten „Gewand“ dort aufgefunden. Eine zweite, dieser ersten wie auch Ermittlerin Martina Bönisch optisch sehr ähnliche Leiche taucht im Lauf der Folge auf.

Bei Vorbereitungen für eine Urnenbeisetzung in einem Bestattungswald wurde ein Mordopfer entdeckt. Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) geht zum Fundort, Kommissarin Marina Bönisch (Anna Schudt) spricht mit KTU-Leiter und penetrantem Ex-Lover Sebastian Haller (Tilmann Strauß, hinten) // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Neben der Optik gibt es weitere Parallelen: Das Verschwinden datiert bei beiden Damen auf Anfang Juni, für beide wurde eine Grabstätte über dieselbe Bestattungsfirma erworben und jeweils in bar bezahlt. Kann es sich um einen Serientäter handeln? Das gesamte Team ermittelt und da Kommissarin Bönisch scheinbar in das „Beuteschema“ des Täters passt, wagt sie sich als Köder in die Arena. Doof nur, dass die zwischenzeitlich beendete Affäre mit dem Kriminaltechnikerkollegen Sebastian Haller (Tilmann Strauß) sie immer noch in Beschlag nimmt…

Ein Team wird geknechtet

Stand im letzten Dortmunder Tatort: Gier und Angst noch Ermittler Jan Pawlak im Mittelpunkt, bekommen wir dieses Mal nur noch die dennoch folgenreichen Nachwehen des vorhergehenden Falls mit. Stärker im Fokus steht dieses Mal Martina Bönisch, ihre gescheiterte Affäre mit ihrem Kollegen und allgemein ihr Verhältnis zu manchen Männern. Vermutlich hat sie es nicht gewollt, aber ihre Persönlichkeit färbt dieses Mal stark auf den Fall ab.

Im Bestattungshaus Ihle: Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon) und Kommissarin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) sprechen mit Julia (Marlina Mitterhofer) und Thomas Ihle (Jan Krauter, v.l.n.r.), die das Haus gemeinsam führen. Was wissen sie über die beiden Grabstellen, die unter falschem Namen gekauft wurden? // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Die anderen Teamkollegen bleiben allerdings auch nicht untätig. Faber ist gewohnt kotzbrockig, aber auch sanft und fügt sich an so mancher Stelle ein. „Den Faber“ macht stattdessen an einer nicht von Ironie befreiten Stelle Jan Pawlak, dessen Tochter immer noch nach angemessener Betreuung lechzt und dessen Schwiegermutter eher die Sympathiewerte von Oma Hilde Grutzke aus einem Polizeiruf 110 erlangen dürfte.

Willst du meine Mutter sein?

Apropos Mutter: Auch um Rosa Herzog scheint sich etwas anzubahnen. Ihre Mutter (Rosa Enskat) will „aussteigen“, hat Rosa kontaktiert, aber diese lässt sie erst einmal abblitzen, hat stattdessen eine nicht ganz freiwillige Verabredung zum Kindergeburtstag. Mit manchen Müttern ist es eben schwierig

Julia Ihle mit ihrem Angestellten Nils Schmelzer (Henning Flüsloh) // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

…Was uns zurück zum Fall bringt. Denn obwohl alle Protagonistinnen und Protagonisten ihr eigenes Süppchen kochen, am Ende fügt sich doch alles gut zusammen in diesem trotz vieler Nebenschauplätze sehr spannenden und fesselnden Fall von Regisseur Torsten C. Fischer und Drehbuchautor Jürgen Werner, der auch den ersten Dortmunder-Tatort schrieb. Sowohl die familiäre Situation Pawlaks als auch die Mutter-Tochter-Geschichte von Herzog bieten Stoff für eine Fortsetzung in den kommenden Fällen.

Und auch in der Geschichte um Faber und Bönisch werden nun zielsicher Pflöcke eingerammt, die in den kommenden Fällen erneut aufgegriffen werden dürften, ja müssen. So viel sei gesagt: Echte Fans des Teams sollten den Tatort: Liebe mich auf keinen Fall verpassen, denn neben der üblichen charmanten Garstigkeit von Teilen des Teams, den familiären Abgründen und dem wirklich spannenden Plot um die Bestattungsfirma Ihle gibt es auch ein paar entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft im Pott. Der Strukturwandel hört eben nie auf…

UPDATE (UND SPOILER), 20.2.2022, 21:47 Uhr: Wir haben mit uns gehadert, die Überschrift „Bön-isch over“ zu wählen, doch kam uns das zu spoiler-ish vor und von einer zu starken passend-unpassenden Schnoddrigkeit geprägt. Nun können wir’s ja sagen: Wir haben hart mitgefiebert, sahen schließlich – ähnlich wie vor einem Jahr in Weimar – vielleicht doch das Schlimmste kommen und haben nach dem Schlussakt, den wir noch ein zweites Mal schauten, erst einmal ein wenig den Schock verarbeiten müssen. Das war also stark mitnehmendes und aufwühlendes Thriller-Drama und ein „verdienter“ Ausstieg oder auch Abschied. 

HMS

Martina Bönisch, Peter Faber und Jan Pawlak – an einem Dortmunder Tatort? // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Tatort: Liebe mich läuft am 20. Februar 2022 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Liebe mich; Deutschland, 2021; Buch: Jürgen Werner; Regie: Torsten C. Fischer; Kamera: Theo Bierkens; Musik: Warner Poland, Wolfgang Glum; Darstellende: Jörg Hartmann, Anna Schudt, Stefanie Reinsperger, Rick Okon, Marlina Mitterhofer, Henning Flüsloh, Tilmann Strauß, Jan Krauter, Rosa Enskat, Stephan Szász, Johann-Christof Laubisch, Sybille Schedwill; Eine Produktion von Bavaria Fiction (Niederlassung Köln) im Auftrag des WDR für Das Erste

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