Von Traumata und Türen

Gut anderthalb Jahre (!) sind mittlerweile vergangen, seit wir die Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) das letzte Mal gesehen haben. Vermutlich mussten wir uns aber alle von dieser letzten Begegnung erholen, während derer sie von dem Killer-Paar Wegener (Laura Tonke, Sascha Alexander Geršak) aufs Brutalste gefoltert wurde. Dass dies Spuren hinterlassen hat, wird gleich zu Beginn des neuen Magdeburger Polizeiruf 110: Black Box deutlich.

Tür auf!

Brasch sagt vor Gericht im Prozess gegen das Paar aus und die Folge über wird sie immer wieder von Albträumen, Erinnerungsfetzen und Panikattacken geplagt; darüber hinaus kann sie nicht mehr in geschlossenen Räumen sein. Etwas, das sich bei aller Schwere beinahe zu einem Running-Gag entwickelt, der am Ende eine feine Pointe erfährt.

Tomi (Kai Müller) räumt seinen Insta-Feed auf, da taucht Brasch auf // © MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Mit ihrem eigenen Genesen kann sich Brasch allerdings nicht so sehr beschäftigen, wie wohl nötig. Im Zug auf dem Weg von Berlin nach Magdeburg mit seinem Freund Tomi (Kai Müller) hat der 19-jährige Adam Dahl (überzeugend: Eloi Christ) den penetrant auftretenden Christof Oschmann (Helge Tramsen) erschlagen. Später ist er zwar geständig, kann sich aber an nichts erinnern; weiß nicht, was in ihm ausgelöst wurde und zur Tat führte.

Brasch hat schnell ein Gefühl für den jungen Mann und möchte ihm helfen – sich zu erinnern und das von ihr vermutete Trauma in ihm aufzuarbeiten. Dumm nur, dass die einflussreichen Eltern, Vater Klaus-Volker Dahl (unheimlich: Sven-Eric Bechtolf), Direktor a. D. des LKA Sachsen-Anhalt, und Mutter Bianca (auch unheimlich: Corinna Kirchhoff), eine bedeutende Psychologin, sich mit allen Mitteln dagegen wehren und weder Lügen noch Bestechung scheuen, um alles Vergrabene vergraben zu lassen.

Raum schaffen

Also mal wieder ein tiefer Doreen-Brasch-Film, den Regisseurin Ute Wieland (Deckname Luna) und Drehbuchautorin Zora Holtfreter hier aus der Box zaubern. Dennoch ist nach dem traumatisierenden Der Verurteilte und dem Vor-Vorgänger Totes Rennen, in denen Brasch durchaus keine Gelegenheit hatte mal durchzuatmen, hier Raum dafür.

Was auch daran liegt, dass sie naturgemäß mit Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) aneinander gerät, der sie dann aber mit verantwortungsvollem Blick einfach mal zwingt, sich auf sich zu konzentrieren. Ebenso ist ihr der Kriminalobermeister Günther Márquez (Pablo Grant) eine recht große Stütze. Dennoch erleben wir sie oft allein in Räume flitzen und Türen offenhalten.

Tomi (Kai Müller) und Adam (Eloi Christ) // © MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Sehr gut gemacht ist der sich in ihr ausbreitende Frust über das Verhalten der Dahls, in dem sie wohl vor allem ein Verbrechen an Seele und Geist des Sohnes sieht, der an einer Stelle sagt, er verliere sich und es fühle sich an wie ein großes Loch im Kopf. Spätestens hier sollten sich doch alle Eltern im Interesse des Kindes der Vergangenheitsbewältigung stellen. Immerhin hadern sie nicht mit dessen Homosexualität, die hier auch recht selbstverständlich eingebunden wird.

Tür zu!

Polizeiruf 110: Black Box ist also eine Mischung aus Psychodrama und -thriller. Im Lauf des Films stoßen Brasch und Co. dabei auf immer wieder neue Seltsamkeiten und vermeintliche Zufälligkeiten, an die sie natürlich so recht nicht glauben mag.

Uns Zuschauer*innen allerdings werden hier ein, zwei Verkettungen präsentiert, die zu akzeptieren mensch schon bereit sein wollen muss; eine möglicherweise falsche Fährte mit Krabb oder Krapp ist dazu noch recht unmotiviert und plötzlich eingebracht. Wenn ein Krabb auch helfen soll, hier noch einen anderen Blickwinkel auf Trauma und Erinnerung einzubringen und durchaus dazu beiträgt, manch ein später wichtiges Detail erst einmal in den Fokus rücken zu lassen.

Márquez (Pablo Grant) unterstützt Brasch (Claudia Michelsen), die sich eigentlich eine Auszeit nehmen sollte… // © MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Und um eben diese geht es auch in erster Linie in diesem Fall. Darum, was Verdrängung und Flucht vor dem Selbst mit Menschen machen können. Prof. Dr. Wolfgang Jordan, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Magdeburg und Berater des Films, hat schon ganz recht, wenn er sagt, zu Beginn scheine es, als hätten wir es hier mit zwei Personen mit Trauma zu tun, doch je länger wir schauen, und das sollten wir diesen Polizeiruf 110 unbedingt, desto mehr zeigen sich diese auch an anderen Stellen.

AS

PS: „Ich geh zu keiner, die Bräunlich heißt.“ Doreen Brasch und ihr stiller Humor, sind auch hier wieder eine wunderbare Kombination – ähnlich wie wir dies jüngst in Dresden bei Karin Hanczewski und ihrer Figur Karin Gorniak erleben durften. Und dass Michelsen die Figur im Griff hat, lässt die Filme mit ihr ohnehin recht besonders sein.

Polizeiruf 110: Black Box // © MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Polizeiruf 110: Black Box läuft am Sonntag 3. Juli 2022 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Polizeiruf 110: Black Box; Deutschland, 2022; Regie: Ute Wieland; Drehbuch: Zora Holtfreter; Kamera: Eeva Fleig; Darsteller*innen: Claudia Michelsen, Felix Vörtler, Pablo Grant, Eloi Christ, Sven-Eric Bechtolf, Corinna Kirchhoff, Julia Blankenburg, Helge Tramsen, Susanne Böwe; Laufzeit ca. 88 Minuten; Eine Produktion der filmpool fiction GmbH im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks für Das Erste.

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