Begeisterung und Ärger tanzen Rumba

Kürzlich haben wir uns recht begeistert über den Soundtrack für Ku’damm 56 – Das Musical geäußert, der uns so richtig krass Lust auf das Musical von Annette Hess, die auch die Ku’damm 56-Geschichte erdachte, Peter Plate und Ulf Leo Sommer machte, welches mit allem Drum und Dran (und der werdenden Regierenden Bürgermeisterin von Berlin Franziska Giffey) am 28. November 2021 im geschichtsträchtigen Theater des Westens seine Weltpremiere feierte (2G+). FEIERN darf hier großgeschrieben werden, denn die Stimmung in den Rängen war größtenteils derart aufgeputscht, dass es Getränken mit Umdrehungen gar nicht bedurft hätte (geschadet hat’s dennoch nicht). Aber trägt diese positiv aufgeheizte Premieren-Stimmung eine:n auch durch das gesamte Musical?

Die Schöllack-Frauen und ihre Männer

Vor allem zu Beginn funktionieren Klang (Tondesigner: Cedric Beatty), Inszenierung (Regie: Christoph Drewitz), Tanz (Choreografie: Jonathan Huor), Licht (Lichtdesigner: Tim Deiling), Ausstattung (Design: Andrew D. Edwards) und Lärm in einer so berauschenden Kombination ganz wunderbar, zumal es in erster Linie auch Exposition ist: Die Geschichte* von Mutter Caterina Schöllack (Katja Uhlig) und ihren Töchtern Helga (Tamara Pascual), Monika (Sandra Leitner) und Eva (Isabel Waltsgott) und ihren Männern und Männergeschichten – inklusive einer Vergewaltigung, versteckter Homosexualität, ein bisschen Nazivergangenheit, Depressionen, Selbstzweifeln und so weiter – wird uns auf einer wohl ausstaffierten Bühne und mit viel Talent aufgefächert.

Und wie vermutet funktionierte der Auftakt-Song des Musicals, „Monika“, auf der Bühne weit besser, als auf dem Album, bleibt aber unserer Ansicht nach einer der schwächsten Teile der gesamten Inszenierung. Gleichzeitig bedeutet das natürlich, dass es nach einem starken, gleichsam nicht überwältigenden Auftakt erst einmal stetig bergauf geht – mit der Show und dem Storyaufbau, nicht mit Monika, denn – da mag man ihrer Mutter Caterina Schöllack im Gesamten und dem Ensemble (und nicht zuletzt ihr selbst) in einem starken zweiten Song Glauben schenken – sie kann (scheinbar) nichts.

Berlin, du laute und funkelnde Stadt

Es rummst in „Berlin, Berlin“, als wir ihr Love-Interest und den KZ-Überlebenden Freddy (David Jakobs) in großer Solonummer kennenlernen; davor vibriert der Saal in einer Rumba von Isabel Waltsgott, die die Eva stark gibt. Die Performance von David Nádvornik als Joachim Franck bleibt im Kopf, nicht nur durch den Song „Ich will nicht werden wie mein Vater“ und seine Vergewaltigung von Monika, die von ihrer Mutter Caterina in „Ich lass nicht zu, lässt du dich geh’n“ erstmal erklärt bekommt, wie’s im Leben läuft. Was von der wunderbaren Katja Uhlig, die zum Highlight des Ensembles gehört, so nachdenklich wie bestimmt vorgetragen wird. 

Die Schöllack-Damen von Galant; v. l. n. r.: Eva (Isabel Waltsgott), Mutter Caterina (Katja Uhlig), Helga (Tamara Pascual) und Monika (Sandra Leitner) // Foto: Jörn Hartman / Dominic Ernst

Auch „Alles wird gut“ von Tamara Pascual als Helga nimmt uns mit – mehr als zuerst auf dem Album, wo er uns nun aber besser gefällt. Nun soll es nicht um jeden einzelnen Song gehen. Nur so viel: Am Ende der ersten Hälfte vor der Pause sind wir einigermaßen begeistert und vor allem geflasht, die Wucht des Cast und Ensembles, der Musik und Lichter lässt uns baff sein. Auch der Saal johlt größtenteils (direkt neben uns wird später einer sagen, als wir uns ein wenig über die zweite Hälfte ärgern: „Ich bin auch nicht freiwillig hier.“)

Große Erwartungen wurden geweckt…

Womit wir zum kritischeren Teil, oder auch einer teilinhaltlichen Analyse kommen wollen. Dem sei vorangestellt, dass in der von Kim Fisher stark charmant moderierten und inhaltlich durchaus tiefer gehenden Pressekonferenz (wenn sich auch manches in dieser als Hybris erweisen sollte, wir kommen später darauf zurück) zuvor, in der neben Hess, Plate und Sommer noch Marc Lepetit (Initiator und Produzent UFA Fiction, mit famosen Schuhen) und Dominique Casimir (BMG; mit Kaugummi unterm Schuh, aber nicht weniger sympathisch, weil passiert halt) saßen, sehr hohe Erwartungen an die Musicaladaption geweckt wurden. Unter anderem jene, dass die Geschichten zwar Raum für Interpretationen ließen, aber in einer Art kommentiertem Kontext aufbereitet würden, dass Relevanz und Message deutlich würden. Oha! 

Ulf Leo Sommer, Annette Hess und Peter Plate auf dem Roten Teppich bei der Ku’damm 56 – Das Musical Weltpremiere // Foto: Dominic Ernst

Das macht uns natürlich im besten Sinne wild, denn schon in der Serie, nicht nur in Ku’damm 56, sondern auch den sich anschließenden Teilen 59 und 63, ist es so gewesen, dass einiges recht überfrachtet war und sich nicht alles immer schlüssig und schon gar nicht rund ausspielte. Von einer „Message“ außer: „Is’ halt so, war immer so, bleibt immer so“ an mancher Stelle mal ganz zu schweigen. Sei’s drum.

…doch nur bedingt erfüllt

Doch: Das Problem der Überfrachtung vergrößert sich in der Musical-Adaption um ein Vielfaches, denn hier sollte alles irgendwie rein, kommentiert und ausgesungen werden, was Ku’damm 56 – Das Musical vor allem in der zweiten Hälfte, wo alles, was im ersten Teil als Handlungsstücke Hingeschmetter wurde, zusammengebracht werden soll, teils zu Stückwerk werden lässt. Was nicht bedeutet, dass es nicht dennoch mitnimmt und Nummern die „Früher“ (Uhlig) oder „Ein besserer Mensch“ (Dennis Hupka als Wolfgang von Boost) uns nicht erreichen würden, Musik und Inszenierung sind nach wie vor ein fetter Flash.

Wer aber neben der Musik der Handlung folgen möchte, kann dies, so die- oder derjenige die Serie nicht kennt, im Grunde aufgeben und sich einfach von Ton und Tanz berauschen lassen; wer die Serie kennt und einiges im Gedächtnis behalten hat, hat gute Chancen die Sprünge und vermeintlichen Zufälligkeiten nachzuvollziehen, die sich dazu noch in den stark ineinander verschränkten Handlungssträngen – viele Handlungen laufen auf der Bühne parallel ab und das Publikum sollte seine Augen wirklich immer überall haben – in einer komplexen, vielschichtigen Story niederschlagen.

Monika und Freddy (David Jakobs) // Foto: Jörn Hartman / Dominic Ernst

Nun sind Musicals ohnehin nicht immer dafür bekannt, eine stringente oder gar logische Handlungsabfolge zu erzählen, sollen sie auch nicht, gern dürfen sie zum Träumen und Gedankentanzen einladen. Doch mit diesem Anspruch scheinen die Macher:innen eben an die Nummer rangegangen zu sein. Diesen Anspruch vermarkten sie. An diesem Anspruch muss sich Ku’damm 56 – Das Musical dann auch messen lassen und das ist nach hinten raus leider eher messy. Ähnlich wie sich jüngst manche bei Namensvetter Lionel gefragt haben dürften, warum er und nicht Bayerns Robert Lewandowski zum Fußballer des Jahres gekürt wurde, bleibt auch hier so manche Frage offen (ja, richtig, Fußball geht auch).

War da was mit Nazis?!

Aber zurück zum Musical: Ebenfalls messy oder eher noch ärgerlich nach hinten raus, ist der Umgang mit dem Thema der Nazivergangenheit einiger Beteiligter, dem Umgang mit der NS-Geschichte der Deutschen im Allgemeinen sowie das teilweise Stehenlassen einiger schwieriger Aussagen von Handelnden in diesem Zusammenhang.

Schon die Serie bekleckerte sich hier nicht gerade mit Ruhm; nutzte beispielsweise das Thema der Restitution als einen Handlungsstrang in der ersten Staffel, um vor allem eine der naiveren Schöllack-Töchter auf einen Betrüger hereinfallen zu lassen und die Vergangenheit von Fritz Assmann, dem All-Time-Love-Interest von Caterina Schöllack wurde auch zügig als „war eben so, waren alle so“ abgehandelt. 

Da ist viel Wahres dran – die junge Bundesrepublik legte da eine gewisse Laissez-faire-Haltung an den Tag. Aber in einer Serie und einem Musical, die sich beide auf die Fahnen schrieben und schreiben, zu informieren, zu reflektieren, zu kommentieren und wachzurütteln, wird ausgerechnet das, mal wohlwollend formuliert, halbherzig behandelt und eher als Pfand für die Handlung benutzt. Es schüttelte uns hier teils in der Serie und im Musical, wieder in der zweiten Hälfte, noch sehr viel mehr; fröhlicher Gesang macht’s noch einen Ticken unerträglicher. Man stelle sich mal vor, so würde mit der Kolonialgeschiche Deutschlands verfahren werden.

Viel Krach-Boom-Bang täuscht auch mal über eine teils ärgerlich dünne Story-Decke hinweg // Foto: Jörn Hartman / Dominic Ernst

Mit Freddy gibt es zwar einen jüdischen Charakter, der auch im Konzentrationslager war und auch hier wird die traumatische Vergangenheit aufgearbeitet (vor allem in der Serie, im Musical ist es … nun ja), aber auch hier wie dort werden vor allem die Elemente, die zu einer Telenovela taugen, recht plakativ aufgewertet (und gleichsam so aufgelöst), als dass sich ernsthaft mit dem Thema befasst würde. Wobei, das sei angemerkt, im Verlauf der Ku’damm-Serien-Reihe durchaus eine wieder lauter werdende junge Rechte in Deutschland, wie auch Freddys Wunsch das Land zu verlassen, da es für Juden nicht sicher sei, thematisiert werden. Dennoch sind es vor allem die klassischen Wirkmechanismen, bzw. Sprachbilder oder auch neudeutsch tropes, die immer dann genutzt werden, wenn die Schicksale von Jüdinnen und Juden während und auch noch nach der NS-Diktatur vor allem auf der Unterhaltungsebene berühren, aber bloß nicht nachhaltig beschäftigen sollen. Unschön.

Die NS-Aufarbeitung und der Umgang mit jüdischem Leben stehen allerdings nur exemplarisch für mehrere Punkte, die in Ku’damm 56 – Das Musical zwar Eingang in die Story finden, aber am Ende nicht bis in die letzte Konsequenz ausgeführt werden. Es soll um Berlin gehen, das Leben und die Seele einer durch den Krieg malträtierten Stadt. Tut es, aber vom Elend vieler auch noch Mitte der 50er-Jahre bekommen wir nur wenig mit; wir bekommen nur die Kranzler-Schickeria (*hust*Restitutionsanspruch*hust*) zu Gesicht. 

(Homo)Sexuelle Selbstbestimmung

Auch auf der Premiere: Unsere geschätzte Marcella Rockefeller // Foto: Dominic Ernst

Aber Schickeria hin oder her: Homosexualität und allgemein sexuelle Selbstbestimmung. Die Macherinnen und Macher des Musicals um Hess, Plate und Sommer gaben vor der Premiere zu Protokoll, dass ihnen die eingehende Behandlung gerade dieser Themen als teils homosexuelle Personen am Herzen lagen; und die mehr als prekäre Szene mit Monikas Vergewaltigung sei – so schwer sie auch im Musical zu ertragen sei – einer der „Höhepunkte“ des Musicals – stimmt. Und auch die Geschichte um Monikas heimlich schwulen Schwager Wolfgang von Boost, dem Mann ihrer Schwester Helga, nimmt in der Tat einen wesentlichen Teil der Geschichte ein und wird von David Jakobs beinahe das Herz zertrümmernd persönlich vermittelt.

Stimmt alles und das ist alles toll, aber am Ende fühlten wir uns bei den Schicksalen aller drei Schöllack-Töchter – auch bei Eva, die ihren Chef, Professor Fassbender, ehelichen darf, dies auch mehr so zackzack – ein wenig verloren. Evas Geschichte versinkt gefühlt irgendwann im Lauf der zweiten Hälfte in der Bedeutungslosigkeit, Helga muss sich in einem grandiosen Song einhämmern, dass heut „ein schöner Tag“ sei – um dennoch ihr Leid und auch das ihres Ehemannes zum Ende irgendwo zwischen Verpuffung und Desinteresse ohne Semi-Abschluss abgehandelt zu bekommen und auch fehlt nahezu jede – angekündigte – politische Ebene in Bezug auf Homosexualität in der jungen Bundesrepublik. Und Monika? Joa, bei ihr könnte man noch am ehesten sagen, dass die Figur im Rahmen des Musicals zu Ende erzählt wurde. Denn, das mussten wir feststellen: Das Ende kam abrupt und viele Fragen waren für uns – wie bereits dargelegt – noch offen. Schade.

Es flasht und reißt mit

Bleibt die Frage, ob dann in den kommenden Jahren die Musicals zu den anderen Teilen folgen und ob dann alles ein Gesamt-Franchise ist, das aufzufassen man nur beim Schauen in der richtigen Reihenfolge in der Lage ist. Denn Ku’damm 56 – Das Musical, das, wie erwähnt, flasht, mitnimmt, zu begeistern versteht, viel Freude bereitet, auch nachdenklich macht: Es ist mitnichten nichts, es ist eine große und teils famose deutsche Produktion, aber es steht dennoch erstmal für sich und sollte in diesem Rahmen rund sein. Das ist es nur bedingt, wenn mensch einmal hinter die Lichter blickt. Und vor allem mag es bei mancher oben erwähnter Betrachtung dazu auf der Handlungsebene noch ärgerlich sein.

Dennoch ist es gerade im Vergleich mit dem oft belang- und nicht selten auch klanglosen Musical-Geblinke, was es so viel gibt, ein Ticket wert. Das engagierte und größtenteils wirklich gute Ensemble, die stimmige Musik, die im Grunde gute Story und eine tolle Choreografie sorgen dennoch für ein positives Erlebnis. 

*Lest unsere Albumbesprechung, auch für mehr Input zur Handlung und Videos zu manchen der Songs.

Eure queer reviewer

PS: Übrigens finden sich alle Teile der Ku’damm-Reihe in der ZDF-Mediathek. Teils bis Ende Januar 2022, teils bis in den März hinein. Ein guter Christmas-Binge, quasi.

PPS: Ein Koch- und Trinkbuch zu den Shows würde natürlich auch noch passen. Wir erwarten Rezepte mit dem im Musical stark unterrepräsentierten Frauengold!

PPPS: Ab dem 8. Dezember gibt es die vierteilige Rosenstolz-Mini-Serie Liebe ist alles und das legendäre Konzert „Das große Leben“ (Leipzig, 2006) in der ARD-Mediathek. Natürlich gibt es zeitnah eine Review von uns.

Tickets gibt es u. a. hier und auch hier, wie auch den Soundtrack und Merchandise.

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