Es räubert gar sehr in Münster

Kürzlich haben wir uns in der ARD Mediathek mal ein oder zwei der seeeehr frühen Münsteraner Tatorte angesehen. Da fiel uns auf, dass es durchaus gern Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und „Frau Staatsanwalt“ Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) waren, die gemeinsam ein wenig gegen den von sich selbst besessenen, aber noch nicht ganz so großspurigen Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) stichelten. Der wiederum brachte seiner Assistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch) zu der Zeit noch einiges mehr an Respekt entgegen.

Früher war alles besser…

Dazu gab es verschachtelte, nicht ganz logische Storylines (zumindest Letztgenanntes ist in den neueren Münster-Krimis Standard), dafür aber dürften die Charaktere präsent sein. Es war noch nicht so ganz die Thiel-Und-Boerne-Show. Ein wenig erinnert der heutige Tatort: Der Mann, der in den Dschungel fiel an diese gute alte Zeit.

Sorge um Stan Gold (Detlef Buck, M): Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, r) kommt im letzten Moment zur Hilfe, als Gold bei der Preisverleihung vermeintlich Opfer eines Anschlags wird. Partnerin Sabina Kupfer (Eva Verena Müller, l) und Silke Haller (ChrisTine Urspruch, Mitte hinten) sind bei dem Moment dabei // © WDR/Frank Dicks

Autor Thorsten Wettcke (der für einige der besseren aktuellen Münster-Filme verantwortlich schreibt, wie etwa Lakritz, 2019, oder Des Teufels langer Atem, 2022) und Tatort-Regie-Neuling Till Franzen (diverse WolfslandKrimis und Lauchhammer), entwickeln eine Figuren- und Handlungsstruktur, die dem grimmigen Kommissar und dem großtuerischen Rechtsmediziner mit dem von Detlev Buck verkörperten Stan Gold eine mindestens ebenbürtig schrullige Persona an die Seite stellen.

…heute geht‘s aber auch gut

Dieser nämlich soll, als gefeierter Autor, nun neuer Stadtschreiber Münsters werden. Der erleidet bei einer Preisverleihung jedoch eine Art allergeschischen Schock. Schnell kommt der Gedanke auf, dass es sich um einen Anschlag gehandelt haben könnte und nun das Leben des Autoren in Gefahr ist. Thiel soll ihn also schützen und ermitteln, was da so sein könnte.

Kommissar Thiel (Axel Prahl) will Hottes Geschichten näher auf den Grund gehen und liest das Buch, dass dieser als Stand Gold veröffentlicht hat :“Der Mann, der in den Dschungel fiel“ // © WDR/Taimas Ahangari

Ganz begeistert ist der davon, wie von eigentlich allem, nicht. Kennt er „Stan Gold“ doch noch aus Schulzeiten als Hotte Koslowski, dem nichts so recht gelang und von dem Thiel auch nicht viel hielt. Ebenfalls aus Schulzeiten bekannt sind Jürgen (Thomas Fehlen) und Gisela (Nicole Johannhanwahr). Gisela war Hottes Jugendliebe, nachdem dieser sie dem Jürgen ausgespannt hatte. Irgendwann stürzte Hotte mit einem Flugzeug in den paraguayischen Dschungel und blieb 15 Jahre lang verschollen. Oder?

Ego und Duo

Das ist nur eine von vielen Fragen, die sich in diesem launigen Tatort stellen. Boerne etwa fragt sich, ob denn die erfolgreiche PR- und Literaturagentin Sarina Kupfer (Eva Verena Müller) nicht auch für ihn und die Vermarktung seines Buches (Titel: „Die scharfen Waffen des Verstandes“, passt) tätig werden könnte.

Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) lauscht Boernes (Jan Josef Liefers) Ausführungen zum abenteuerlichen Fall, der einen paraguayanischen Rebellenanführer nach Münster bringt // © WDR/Taimas Ahangari

Haller und der queere Kriminalassistent Mirko Schrader (Björn Meyer) hingegen ermitteln auf eigene Faust, da natürlich einiges nicht sonderlich stimmig ist, und werden dabei beinahe zu einem Duo aus Jessica Fletcher und einem Geheimagenten Schrader. Über allem schwebt die gute Staatsanwältin (!) Klemm, der auch der beste Satz des Filmes gehört: „Natürlich bin ich eine Frau. Was soll ich denn bitte sonst sein?“

Faszination am Zweifelhaften

Ansonsten erleben wir allerlei Abstruses und Durchmischtes (Regisseur Franzen: „Das Schöne am Münsteraner Tatort ist ja, dass es stilistisch kein Korsett gibt und immer andere, neue Genres möglich sind“), gar ein wenig Figurenentwicklung (abwarten, ob da was bleibt), Spannung durchaus auch und zu guter letzt, einen Detlev Buck, der viel Innovation einbringt. Der antwortete übrigens auf die Frage, wie er sich der Figur angenährt habe, wie folgt: „Ich habe mich nicht angenähert. Ich bin‘s. Das ist in meinem Zentrum. Es ist in mir. Und ich komm auch nicht mehr raus. Aber es bringt großen Spaß. Weil die Welt sowieso nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann.“

Silke Haller (ChrisTine Urspruch, l) und Schrader (Björn Meyer) haben in diesem Fall eine heiße Spur und ermitteln auf eigene Faust // © WDR/Frank Dicks

Wahre Worte, Herr Buck. Was, alle Tragik im Gesagten beiseitelassend, auch eine teils seit Generationen bestehende Faszionation etwa an den Geschichten des Barons Münchhausen und Till Eulenspiegel (hey – selber Vorname wie der Regisseur), jenen Geschichten von und um Jack Unterweger nicht nur in Österreich, diversen True-CrimePodcasts, etc. pp. erklärt. So dürfte auch diese kurzweilige Münsteraner Räuberpistole nur die Wenigsten enttäuschen (und hätte sich in Kurzform und bei zeitlicher Verlegung auch als Weihnachtskrimi gut gemacht).

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PS: Wir machen ja auch Buch und so. Was also ist ein*e Stadtschreiber*in? Zunächst einmal gibt es in Müster so etwas (bisher) noch nicht. Doch werden diese kommunalen Literaturpreise bereits seit den 1970er-Jahren in diversen Städten (bspw. Bayreuth, Bonn, Dresden, Erfurt, Halle (Saale), Magdeburg, Mainz, Mannheim, Stuttgart, Trier, Tübingen, Unna) vergeben. Zumeist verbunden damit sind ein Stipendium sowie eine für die Preisträger*innen kostenfrei zur Verfügung gestellte Wohnung.

Wer spricht hier?

Auch in Österreich gibt es diese Auszeichnung, etwa in Graz, Salzburg oder Klagenfurt. In letztgenannter Stadt ist dies automatisch gekoppelt an den BKS-Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Diesen erhielt 2022 Elias Hirschl. (Auch galt dies für Dortmund, wo es den Titel seit 2020 gibt. Hier hatte Hirschl für sechs Monate ein Stipendium; 2021 war Anna Herzig Preisträgerin, von der zuletzt 12 Grad unter Null im Haymon Verlag erschien.)

PPS: Die Abwesenheit von „Vaddern“ stört so gar nicht.

Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, Mitte) zusammen mit dem Mann, der in den Dschungel fiel: Auch der Bestseller-Autor Stan Gold (Detlev Buck, rechts) ist ein Kind der Stadt Münster. Nach seiner abenteuerreichen Zeit in Paraquay kehrt er jetzt als Stadtschreiber in die Heimat zurück. Doch es bleibt abenteuerlic // © WDR/Taimas Ahangari

Tatort: Der Mann, der in den Dschungel fiel läuft am 10. Dezember 2023 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Der Mann, der in den Dschungel fiel; Deutschland 2023; Buch: Thorsten Wettcke; Regie: Till Franzen; Bildgestaltung: Timo Moritz; Musik: Andreas Weidinger; Darsteller*innen: Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Detleve Buck, ChrisTine Ursprch, Mechthild Großmann, Björn Meyer, Eva Verena Müller, Nicole Johannhanwahr, Thomas Fehlen, Nicola Gründel, Ralf Drexler; Eine Produktion der Molina Film im Auftrag des WDR

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