„Tee darf man nicht mit Wodka“

Die Transsibirische Eisenbahn ist ein Mythos. Nicht nur der junge Tito, der spätere Staatsführer Jugoslawiens, arbeitete an der wohl längsten transkontinentalen Eisenbahn der Welt, sondern sie ist Lebensader für viele Menschen zwischen Moskau und Peking, beziehungsweise Wladiwostok. Und auch Nic Jordan widmete sich kurz der Bahnfahrt durch Russland, allerdings eher schlecht als recht.

Die MDR-Reporterin Julia Finkernagel hat im sibirischen Winter die Reise von Moskau bis zum Baikalsee gewagt und ihre Erfahrungen sowohl in einem Buch als auch in einer anderthalbstündigen Fernsehdokumentation festgehalten. Wir befassen uns an dieser Stelle mit der Fernsehdoku, beabsichtigen aber, zu einem späteren Zeitpunkt auch ihr zweites, im Knesebeck-Verlag erschienenes, Buch Immer wieder ostwärts vorzustellen.

Erste Station: Moskau

Die Reise beginnt in Moskau, wo Julia Finkernagel, die, anders als in vielen anderen Reisereportagen, auch vor der Kamera zu sehen ist, auf ihren russischen Reiseguide Anatoli trifft. Die beiden stimmen sich vor der Abfahrt ein; Anatoli macht sie ein wenig mit der russischen Lebensart bekannt – Kaviar und eine hierzulande ethisch nicht ganz vertretbare Mütze aus Polarfuchsfell inklusive – und beide stimmen sich auf die Abfahrt ein.

In „Ostwärts – mit der Transsibirischen Eisenbahn: Von Moskau bis zum Baikalsee“ muss sich Julia Finkernagel warm anziehen. // © MDR/HR/Julia Finkernagel

Hier fällt gleich zu Beginn positiv auf, dass Finkernagel sich dem Zwiespalt mit der Mütze stellt: Sie gefällt (und steht) ihr zwar, hilft gegen die sibirische Kälte, aber jenseits von Russland ist das Tragen der Mütze wohl ethisch nicht vertretbar. Ergo legt sie sie zurück und lässt Anatoli ihre Beweggründe dem Verkäufer mitteilen. Sehr gut gemacht, denn nur, wenn sie dies auch transparent macht, kann vielleicht auch im Land von Wolga, Ob und Jenissei ein Umdenken erfolgen.

Die Reise beginnt

Der Löwenanteil der Dokumentation findet aber dennoch in der Bahn statt. Julia Finkernagel probiert während der Fahrt von der Holz- über die Mittelklasse bis hin zum Luxusabteil alle Reisevarianten durch. Sehr gut, denn das gibt gleich ein wenig Vergleichsmöglichkeiten. In einer der Bahnen gibt es während des Tags sogar Bespaßung für Touristen in Form von Russischkursen oder Teezeremonien. Für jede*n ist also etwas geboten.

Während der Fahrt sind immer wieder Stopps eingeplant. Die Grenze zwischen Europa und Asien steht auf dieser Liste, ebenso wie ein Besuch bei einer russischen Familie oder einem sibirischen Dichter („dem russischen Goethe“). Hier erfahren wir viel über die Bedeutung der Transsibirischen Eisenbahn auch für die Menschen an der Strecke, ebenso wie über die eine oder andere russische Tradition und Kultur. Das kommt in Ostwärts sehr dialogisch rüber, was die Dokumentation sehr authentisch macht.

Kreativ: Die Russen und die Autorin

Klar wird dabei immer wieder, dass die Russen ein sehr kreatives Volk sind, das gelernt hat, mit den oft widrigen Lebensbedingungen umzugehen. Ob es malerische Häuser in Irkutsk sind, die im Boden versinken, das Luftkissenboot, mit dem sich Städte jenseits des Baikalsees erreichen lassen oder improvisierte Gläser, geschlagen aus dem Eis des zugefrorenen Sees: Die Russen wissen sich gut zu helfen. Wodka ist, wie das Klischee erahnen lässt, ohnehin allgegenwärtig und aus diesen Gläsern gibt es wohl den besten Wodka on Ice.

Auf dem Baikalsee: 70 Zentimeter Eisdecke über Hunderten Meter Wasser. // © MDR/HR/Markus Cebulla

Finkernagel schafft es, den Zuschauerinnen und Zuschauern diese Infos auf spielerische Art und Weise näherzubringen, nicht ohne eine gesunde Portion Witz, Charme und Selbstironie. Das mag auch daran liegen, dass sie und Anatoli sich sehr gut zu verstehen scheinen und daher super harmonieren. Am Ende lädt er sie daher ein, ihn am Baikalsee zu besuchen, wenn er sich im Alter dort zur Ruhe setzen will. Darüber hinaus spricht Julia Finkernagel auf vermittelnde Weise Probleme an, beispielsweise die Pelzthematik in Moskau oder das Auftauen des Permafrostbodens. Letzteres stellt nicht nur die Menschen in Sibirien vor Probleme, sondern uns alle, rückt damit doch einer der Kipppunkte näher, die in vielen Büchern zum Klimawandel angesprochen werden und nicht überschritten werden dürfen, wenn wir die Pariser Klimaziele einhalten wollen

All das wird unterstützt durch wunderbare Aufnahmen des Baikalsees, von an der Bahn vorbeiziehenden Birkenwäldern (Kamera: Michael Matz), agilen Drohnenbildern (von Dennis Schmelz) und – ja, auch das muss sein – dem einen oder anderen russischen Plattenbau. Trotz der Länge von 90 Minuten wird einem durch die viele Abwechslung nicht langweilig und die Dokumentation eignet sich sehr gut für lange und kalte Winternachmittage. Nicht zuletzt tröstet der Gedanke, dass es in Sibirien weit kälter ist – und im Zweifel wärmt ein Gläschen Wodka (nur, wie wir in der erwähnten Teezeremonie lernen, nicht gemeinsam mit Tee).

Die Schwestern Ludmila und Nadja betreiben einen Dorfladen am Baikalsee-Ufer. // © MDR/HR/Markus Cebulla

Ostwärts – mit der Transsibirischen Eisenbahn; Buch & Regie: Julia Finkernagel; Kamera: Michael Matz; eine Produktion von Timeline Film+TV im Auftrag des MDR und HR

PS: Die Biografie über den eingangs erwähnten Tito hat ansonsten nichts mit der Doku zu tun. Wir haben sie jedoch als eine von mehreren Weihnachtslektüren erkoren und unsere Besprechung folgt natürlich in den nächsten Wochen.

PPS: Erfahren haben wir übrigens von der Dokumentation und Julia Fingernagels Buch aus dem Weltwach-Podcast von Erik Lorenz. In der jüngsten Folge war Julia Finkernagel zu Gast und erzählte von den Hintergründen ihrer Reise und ihrer Arbeit. Auch das ist während der kalten Wintertage ein sehr guter Zeitvertreib.

HMS

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