„Fahren Sie zur Hölle!“

Es ist frostig in Europa und der Ukraine. Putin hat die Stromversorgung mit unzähligen Raketenangriffen quasi lahmgelegt, eine nach Polen fehlgelenkte Abwehrrakete hat die Welt Mitte November sehr tief in den Abgrund blicken lassen. Und vor dem Abgrund steht auch Wassyl Petrowitsch Holoborodko (ein gewisser Wolodymyr Selenskyj) mehr als einmal in der zweiten und dritten Staffel der wohl mittlerweile bekanntesten ukrainischen Fernsehserie Diener des Volkes (und neben den ESC-Beiträgen wohl der erfolgreichste kulturelle Export der Ukraine), die noch bis Jahresende in der arte Mediathek verfügbar sind.

Drei Oligarchen, zwei Präsidenten und viele Probleme

Wir erinnern uns, nachdem Premierminister Jurij Iwanowitsch Tschujko (Stanislaw Boklan) im Finale der ersten Staffel verhaftet wurde, wird ihm zu Beginn der zweiten Staffel der Prozess gemacht. Präsident Holoborodko wiederum kümmert sich um die Korruptionsbekämpfung, den Aufbau des Landes und muss aber erkennen, dass die immer präsenteren Oligarchen immer aktiver an seinem Stuhl sägen.

Wassyl Holoborodko und Jurij Iwanowitsch Tschujko // © Kinostolitza, LLC, 2019

Während die Oligarchen versuchen, jeder seine eigene Marionette gegen Holoborodko in Position zu bringen, sich dabei jedoch gegenseitig blockieren und der Präsident diese Querschüsse auf einer Reise durch die gesamte Ukraine abwehren muss, ist vor allem Außenminister Sergei Mukhin (Evgeniy Koshevoy) gemeinsam mit seiner Partnerin/Assistentin Oksana Skoworoda (Olga Zhukovtsova-Kyiashko) damit beschäftigt, die in Lwiw eingetroffene Delegation des Internationalen Währungsfonds um deren spröden Präsidenten Otto Adelweinsteiner (Sergey Kalantay) bei Laune zu halten. Wodka tut hier gute Dienste, ukrainische Tradition auch.

Als Holoborodko sein Oligarchenproblem mit Hilfe des untergetauchten Jurij Iwanowitsch zumindest eingedämmt hat, geigt er dem IWF-Chef spektakulär die Meinung, muss sich daraufhin mit Kritik auseinandersetzen und tritt zurück, sodass der zweite Teil der Staffel im Wesentlichen den Wahlkampf zur nächsten Präsidentschaftswahl umfasst.

Abstruses Chaos

Staffel drei wiederum – die nur noch aus drei Folgen von 45 bis 60 Minuten besteht – führt noch mehr ins Absurde. Wir starten im Jahr 2049, als eine Studienklasse mit ihrem Lehrer in die Geschichte des stolzen Landes zurückblickt (ein Schelm, wer hier Parallelen sieht). In einem kurzen historischen Abriss sehen wir, wie die Ukraine nach jener Wahl im abstrusen Chaos versinkt.

Die neue Präsidentin stellt den Geldschein mit dem Gesicht von Wassyl Holoborodko darauf vor // © Kinostolitza, LLC, 2019

Es gilt das Prinzip „Jeder darf mal“ (oder jede), aber mit den Problemen des Landes – Korruption, Hyperinflation – wird niemand so recht fertig. Von der internationalen Gemeinschaft in bester jugoslawischer Manier in 28 Teilstaaten vom polnisch geprägten Westen bis in den Donbass zerstückelt, übernimmt schließlich doch Holoborodko wieder das Ruder und führt die Ukraine durch kluge Maßnahmen wie das Eintreiben von korrumpierten Geldern aus dem Chaos heraus.

Slawa Ukrajini

Soweit zur wesentlichen Handlung der beiden die Erfolgsserie beschließenden Staffeln. Per se ist festzuhalten, dass sich weiterhin ein bitterböser Humor durch diese Satire zieht, der – zur Erinnerung: Wir betrachten die Ukraine im Zustand vor Beginn von Putins Angriffskrieg im Februar 2022 – viele Missstände in der ukrainischen Gesellschaft aufdeckt. Notiz am Rande: Das Datum Februar 2022 markiert auch in der Serie (Erstausstrahlung: 2017 bzw. 2019) fast prophetenhaft einen Wendepunkt in der ukrainischen Geschichte.

Ob es Korruption und Vetternwirtschaft sind, die Regentschaft der Oligarchen, das Anspruchsdenken jedes und jeder Einzelnen (nach dem Prinzip „Ich will auch meinen fairen Anteil. Und was fair ist, das bestimme ich. Aber es ist auf jeden Fall viel!“) oder eine immer noch mehr als nur latent patriarchal geprägte Struktur im gesamten Land, die Ukraine hatte bereits damals in vielerlei Belangen mit verschiedensten Problemen zu kämpfen. Und durch den Angriffskrieg hat sich das – welch Wunder – nur noch verschlimmert, selbst wenn es nun scheint, dass eine zuvor ungekannte nationale Identität mit mehr als menschlich nachvollziehbaren Interessen Einzug gehalten hat.

Ein neuer Präsident der Ukraine freut sich über seine neue Macht // © Kinostolitza, LLC, 2019

Die nationale Identität ist auch in den beiden letzten Staffeln von Diener des Volkes ein wesentliches, prägendes Merkmal. Ob Holoborodko, seine Mitbewerberinnen und Mitbewerber, vielfach wird die Ukraine in der Serie doch glorifiziert und wir lernen, welch stolzes Volk die Ukrainerinnen und Ukrainer doch bereits damals waren. Das mit der nötigen Bissigkeit und viel Witz, der sich manchmal aber auch fast schon zu deutlich aufdrängt, zu präsentieren, hat durchaus Charme und der Gastauftritt eines weiteren kulturellen Exports, nämlich der bekannten Künstlerin Verka Serduchka, untermalt das noch einmal.

Spröder Präsidentencharme…

Gerade sein Charme und seine Sprödigkeit sind es auch, die Wassyl Holoborodko immer wieder zugutekommen. Ob im Tandem mit dem von ihm geschassten Jurij Iwaonwitsch oder mit den Verbündeten aus seinem Kabinett, Holoborodko geht stur seinen Weg, selbst wenn dieser manchmal nicht ganz nachvollziehbar ist. Sein Rücktritt beispielsweise (zur Mitte von Staffel 2) kommt überraschend und wird nur bedingt erklärt.

Hier kann Wassyl Holoborodko nur noch die Hände über dem Kopf zusammen schlagen // © Kinostolitza, LLC, 2019

Und doch ist die Glorifizierung des (Ex-)Präsidenten vielfach arg überzeichnet. Oder vielmehr: Es verschwimmen irgendwann die Grenzen zwischen der Figur Holoborodko und dem Darsteller Selenskyj. Gerade die kurze dritte Staffel, in der er anfangs eher wie ein Gastdarsteller wirkt, scheint bereits unter dem Eindruck des unmittelbar nach Ausstrahlung bevorstehenden Wahlkampf produziert worden zu sein.

…und fader Beigeschmack

Holoborodko als Mann darzustellen, der als politischer Gefangener im letzten Gefängnisloch landet, aber selbst dort wahre Heldentaten vollbringt, die Haftbedingungen für alle Häftlinge handstreichartig verbessert (auch wenn es ein kluger politischer Schachzug war) und dann, als das Land komplett am Boden liegt vom Knacki zum Heilsbringer und großen Versöhner der zutiefst gespaltenen ukrainischen Nation stilisiert wird, passt vielleicht in das Schema der Serie. Aber gleichzeitig riecht es eben bereits nach Wahlkampf und danach, einen Kandidaten möglichst gut aussehen zu lassen.

Wohnungsbesichtigung) // © Kinostolitza, LLC, 2019

Nun ist der Sender Kwartal 95, für den die Serie produziert wurde, wohl zumindest im Teilbesitz Selenskyjs (zum damaligen Zeitpunkt) und natürlich ist es auch selbsterklärend, dass er diese Möglichkeiten auch nutzt (bis zu einem gewissen Grad ist das wohl auch legitim – bei Silvio Berlusconi lachen wir ja auch darüber), aber ein kleines Geschmäckle bleibt eben doch. War die Serie von Beginn an als eine große PR-Kampagne geplant, die Wolodymyr Selenskyj zum Präsidenten machen soll, dann war sie ohne Zweifel erfolgreich. Trotzdem stellt sich die Frage, wie sehr die Durchschnitts-Ukrainerinnen und -Ukrainer dies durchschaut haben.

Wer sind unsere Nachbarn?

Im Prinzip sind aber die Staffeln zwei und drei von Diener des Volkes eine schöne und trotz mancher in die Länge gezogenen Momente unterhaltsame Serie, die uns vieles über die Belange und die Verfasstheit des ukrainischen Volks und Staats näherbringt. Gerade wenn es um eine mögliche Nachkriegsordnung geht – die Ukraine möchte ja auch weiterhin der EU und der NATO beitreten – können wir vermutlich viel darüber lernen, wer die Ukrainerinnen und Ukrainer sind, welche Erwartungen wir in sie stecken sollten und welche wir vielleicht auch zu erfüllen haben.

Frohe Weihnachtsansprache! // © Kinostolitza, LLC, 2017

Vielfach können wir dies zwar auch tun, indem wir Menschen aufnehmen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Aber manche eine politische Dimension wird in Diener des Volkes sehr schön deutlich und das ist ein großer Mehrwert dieser Serie. Denn – und das dürfen wir an diesen kalten Wintertagen nicht vergessen – die Ukrainerinnen und Ukrainer erleben gerade die Hölle im eigenen Land. Und nicht wenige dürften Putin, ähnlich wie Holoborodko in einer Schlüsselszene, zurufen: „Fahren Sie zur Hölle!“

HMS

Wassyl Holoborodko und sein Team im Büro des Präsidenten der Ukraine // © Kinostolitza, LLC, 2017

Diener des Volkes – Staffel zwei und drei; Ukraine 2017-2019; Idee: Wolodymyr Selenskyj; 27 Folgen; Russisch und Ukrainisch mit deutschen Untertiteln; noch bis zum 31. Dezember in der arte-Mediathek verfügbar (inkl. Staffel eins)

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