„Mord ist eine obergeile Art, Probleme zu lösen“

Informationen und Dokumentationen über die unterdrückte Opposition in autoritären Staaten wie Russland gibt es schon lange und immer wieder. Nur finden sie meist nur relativ wenig Beachtung. Anders ist das seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Dokumentation F@ck this Job erzählte uns die Geschichte des in seiner Berichterstattung lange „nur“ eingeschränkten Fernsehsenders Dozhd – seit März ist er in Russland nun ganz verboten. Und auch die bekannte russische Schriftstellerin und Putin-Kritikerin Ljudmila Ulitzkaja – sie befindet sich heute auch im Exil – wurde von arte bereits mit einem eigenen Film bedacht.

Aber auch die tatsächliche Opposition oder vielmehr eines ihrer profiliertesten Gesichter, Alexei Nawalny, ist nun Gegenstand einer vielbeachteten Dokumentation. In NAWALNY – Gift hinterlässt immer eine Spur begleiten Regisseur Daniel Roher und die Produzentinnen und Produzenten Odessa Rae, Diane Becker, Melanie Miller und Shane Boris den einnehmenden Russen, wie er versucht, den spektakulären Giftanschlag vom August 2020 gegen sich selbst aufzuklären.

„Im Stile eines Thrillers“

„Im Stile eines Thrillers“ – wie es im Presseheft zu NAWALNY heißt – begleiten ihn die Macherinnen und Macher während seiner Zeit in Deutschland, als er von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach seiner Vergiftung zur Behandlung nach Deutschland geholt wurde (was von manchem Putin-Verklärer bereits als diplomatischer Affront gesehen wurde). Von der Behandlung in der Berliner Charité über die Erholungsphase im Schwarzwald bis hin zum Rückflug im Januar 2021 mit unmittelbarer Festnahme am Flughafen in Moskau begleiten Roher und Co. Alexei Nawalny und seine Familie und gewähren uns Einblicke in dessen Investigativarbeit, aber auch in sein Privatleben.

Der bulgarische Journalist und Datenanalyst Christo Grozev von Bellingcat unterstützte Nawalny bei der Aufklärung seines Falls, indem er verschiedene Open Source- und Bewegungsdaten analysierte und kombinierte und daraus die Zahl der Attentäter sowie mögliche Methoden auf eine qualitativ analysierbare Menge eingrenzte. Grozev, Nawalny und das gesamte Team landeten so sehr eindrucksvoll bei einer Handvoll Beteiligter, aus denen es nun galt, nötige Informationen für die Aufklärung abzuschöpfen.

Anfangs nur bedingt einnehmend…

Während die ersten etwa 30 Minuten sich vor allem mit dem Attentat, der Ausflugsaktion und politischen Statements – die damalige Bundeskanzlerin darf natürlich nicht fehlen – ausgefüllt sind, geht es danach verstärkt um die Aufklärung des Falls, die intensive Recherche und eben die angespannte Rückreise nach Moskau. Im ersten Teil ist der Film leider nur bedingt einnehmend, viele Archivmaterialen oder gefühlt gezwungen dramatische Szenen verhageln bedauerlicherweise den Einstig ein wenig, auch wenn außer Frage steht, dass solch ein Attentat keine Lappalie ist.

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Deutlich anregender sind die darauffolgenden Teile. Die Einführung Grozevs verläuft geschmeidig und vertrauenserweckend, was eine spannendere und fesselndere Recherche verspricht. Im Prinzip sehen wir Nawalny in Schlüsselmomenten der Dokumentation nur mit möglichen Informanten telefonieren, aber dennoch sind das überaus packende und aufreibende Szenen für die Zuschauerinnen und Zuschauer.

…später aber spannend und persönlich

In diesen Teilen gleicht der Film tatsächlich dem versprochenen „Thriller“. Zu wissen, dass sich dieser Fall tatsächlich ereignet hat und hier nicht durch Schauspieler nachgestellt wird – an dieser Stelle eine kurze Empfehlung für Carolin Kebekus‘ Realsatire Gute Zeiten Rechte Zeiten, in der Schauspielerinnen und Schauspieler Chatausschnitte aus der sich aktuell in den Schlagzeilen befindlichen „AfD-Quasselgruppe“ nachstellen – ist durchaus eindringlich und stärkt die Betroffenheit.

Dazu kommt der persönliche Faktor: Nawalny zeigt sich nahbar, als Opfer (das er auch zweifelsfrei ist), gibt in Interview-Einschnitten kurze Statements ab. Aber auch sein Familienleben wird gezeigt, ebenso wie sein sehr professioneller Umgang mit sozialen Medien. Hier wird das Bild eines Mannes vermittelt, der weiß, was er tut, Führungsqualitäten hat und sich unerschrocken warmläuft, um im Dienste von Demokratie und Rechtsstaat dem Putin-Regime die Stirn zu bieten.

Partner und Personalisierung

Das ist einerseits gut und nachvollziehbar, sollte von einer solchen Dokumentation auch erwartet werden. Und doch ist die arge Personalisierung auch schwierig, denn gerade hieraus erwächst leicht die Gefahr eines Personenkults oder eines Propagandafilms. Selbst wenn Nawalny behauptet, dass er, wäre er an der Macht, diese teilen und beschneiden würde, um eine unbotmäßige Machtfülle bei einer Person zu vermeiden, sind bereits andere diesem Charme erlegen. Sollte er je an die Macht im Kreml kommen, dann wird er sich an diesen Aussagen messen lassen müssen.

Dass Nawalny aber auch umstritten ist, lange und relativ unkritisch mit Rechtspopulisten zusammenarbeitete, wird am (rechten) Rand zwar erwähnt, aber leider doch arg einfach abgetan. Der Vergleich bietet sich leider an: Nein, wer mit der AfD mitläuft, macht sie ein Stückweit salonfähig und niemand kann sagen, dass das nicht so schlimm sei, man im Dienste von Demokratie und Rechtsstaat eben mit denen auf die Straße gehen müsse, die da halt sind. Das macht sich Herr Nawalny leider selbst im putinseligen russischen Kontext etwas arg leicht.

Wer geht hier über Leichen?

Der größte Aufreger aber – und er scheint in der Dokumentation und vor allem von Nawalny und seinen Mitstreitern vollkommen ausgeblendet zu werden – dürfte sein, dass auch Nawalny bereit zu sein scheint, über Leichen zu gehen, um seine Ziele zu erreichen. Als sie einen Informanten erreichen, ihm wichtige Informationen entlocken und anschließend auflegen, ist die Freude nachvollziehbar, immerhin sind sie dem Rätsel um seine Vergiftung ein ganzes Stück nähergekommen.

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Weitere Aussagen zeugen jedoch von einer diktatorischen Kaltblütigkeit und Gleichgültigkeit ob des Schicksals des Informanten. Dass er nun von Putins Schergen gejagt würde und morgen „vermutlich schon im Graben liegen“ würde, scheint Nawalny und seinen Mitstreitern völlig egal zu sein. Ja, sie scheinen einen Mittäter enttarnt zu haben und dieser soll seine gerechte Strafe erhalten. Aber ihn sehenden Auges ins Verderben zu jagen – ihm am Ende des Gesprächs nicht einmal zu warnen – das zeugt von einer Gleichgültigkeit und Grausamkeit, die den meisten Kreml-Diktatoren in nur wenig nachstehen dürfte.

In zweierlei Hinsicht entlarvend…

Insofern ist die Dokumentation NAWALNY sogar in zweierlei Hinsicht entlarvend: Die Beweiskette, die Nawalny und seine Mitstreiter aufbauen, legen die aktive Beteiligung des Putin-Regimes und von Putin selbst an dem Giftanschlag sehr nahe. Die Recherchearbeiten und die wesentlichen Inhalte werden seitens der Dokumentation gut, nachvollziehbar und glaubwürdig nachgezeichnet. Regisseur Daniel Roher und sein Team haben eine scharfe Anklage gegen den Kreml und seine Schergen zusammengestellt.

Gleichzeitig – und das dürfte vielleicht nicht in der Absicht der Macherinnen und Macher gelegen haben, werden auch die immer wieder an Nawalny selbst und seiner Integrität geäußerten Zweifel mit neuem Futter genährt. Einen Mann sehend und willentlich in den Tod zu schicken, auch wenn er an einem Attentat gegen den selbsternannten Oppositionsführer (auch das Presseheft liest sich stellenweise wie dezentes Propagandamaterial, sollte also mit Vorsicht und hoher Reflexion aufgenommen werden), beteiligt gewesen sein dürfte, sollte nicht dem Stil einer führenden Figur der demokratischen Opposition in einem autoritären Staat entsprechen.

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Dennoch rüttelt die Dokumentation NAWALNY gerade in diesen Zeiten stärker auf, ist anfänglich vielleicht noch eher theatralisch-dramatisiert. Aber gerade in der zweiten Hälfte fesselt sie die Zuschauerinnen und Zuschauer durch eine hohe Dramatik und Spannung und die Empathie, die wir trotz allem mit dem Protagonisten und seiner Familie empfinden.

PS: Am heutigen Abend gibt es anlässlich des russischen Angriffskriegs in der Ukraine einen Themenabend bei arte, der sich mit dem derzeit wohl profiliertesten Putin-Gegner und dessen Land beschäftigt. In einer Dokumentation über Wolodymyr Selenskyj erleben wir den ukrainischen Präsidenten in den ersten Kriegswochen. Zwei weitere Filme befassen sich mit dem polnisch-ukrainischen Verhältnis sowie der äußeren Wahrnehmung und dem Umgang mit ebendieser. Die Besprechung zum Selenskyj-Porträt gibt es hier (wiederum am Ende einer Besprechung zu dessen Serie Diener des Volkes), die zu den anderen beiden Filmen folgt zeitnah.

HMS

Regisseur Daniel Roher // © DCM Cabel News Network Inc. All rights reserved

Nawalny läuft aktuell im Kino.

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