Kawumm für Feinkostverächter

Ging es im bayerischen München und in als englisches Schloss herhaltenden Schlössern in Mittelfranken und im Landkreis Donau-Ries im Weihnachts-Tatort doch herrlich betulich und humorvoll zu, so knallt’s im Neujahrs-Fall der beiden Kölner-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) doch recht ordentlich. Jedenfalls zu Beginn, danach verliert sich die Kiez- und Familiengeschichte leider zusehends und wirft statt des „Wer war es?“ eher die Frage „Musste das sein?“ auf. 

Viel los im Viertel

Schutzmaßnahmen startet quasi vor der erweiterten Haustür Freddy Schenks, ist nach einer aus dem Ruder gelaufenen rechten Demo das Restaurant „Wunderlampe“ seiner Tochter Sonja (Natalie Spinell) und ihres Partners Karim (Timur Isik) ausgebrannt — inklusive verkohlter Leiche, wie sich das so gehört. Immerhin gibt es schnell die Entwarnung, dass es sich bei dieser nicht um seine dezent entfremdete Tochter, die Zuschauer*innen noch aus zwei Folgen aus dem Jahr 1999 im Kopf haben mögen, handelt.

Am Tatort „Wunderlampe“ wurde eine Leiche gefunden und gemeinsam ahnungslos sind: Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) mit Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), KTU-lerin Natalie Förster (Tinka Fürst) und Freddy Schenk (Dietmar Bär; v.l.n.r.) // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Stattdessen liegt die Vermutung nahe, dass es sich um den Brandstifter Niko, der unter der Homofeindlichkeit seiner Umgebung litt, höchstselbst handelt, der wiederum nicht durch Brand oder Rauch ums Leben kam, sondern durch einen Schlag, wie Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) feststellt. Darüber hinaus findet auch die KTU in Gestalt von Natalie Förster (Tinka Fürst, die hier nach dem letzten Fall, in dessen Fokus sie stand, nur ein oder zwei Male auftaucht) kaum mehr Anhaltspunkte, was sich hier wieso ereignet hat.

Alles für die Familie

Eigentlich also eine solide Ausgangslage möchte mensch meinen, doch leider ist das Drehbuch von Paul Salisbury auf so vielen wackelnden Pfeilern gebaut, wie die Regie von Nina Vukovic zuweilen erratisch anmutet. Dabei gäbe es durchaus Potenzial, nicht nur die beinahe notwendige Annäherung Schenks an Tochter Julia, Enkelin Frida (Maira Helene Kellers) und Karim, sondern auch der Mikrokosmos Veedel ist ähnlich wie jener Dorf grundsätzlich ein spannender.

Was verheimlicht Frida Schenk (Maira Helene Kellers, vorne) ihrer Mutter Sonja (Natalie Spinell) und ihrem Großvater Freddy (Dietmar Bär)? // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Anders aber als zwei der jüngsten Polizeiruf-110-Fälle greift das in diesem Film nicht ineinander. Die Kiez-Welt bleibt den Zuschauer*innen am Ende so fremd, wie die Frage im Kopf, warum ein Viertel, das zusammenhalten will, lange Jahre Schutzgeld-Erpressung durch den — von Manfred Zapakta einnehmend zwielichtig gespielten — Viktor Raschke und die kleinen Terrorattacken durch dessen Wadenbeißer-Sohn Marco Raschke (Paul Wollin) überhaupt dulden.

…wenig für die Zuschauer*innen

Sei es die Familie Göktan, die bereits einiges Leid zu ertragen hatte und weiter in einen Machenschaftsstrudel verwickelt ist, oder auch Kiez-Kneipenbetreiberin Ulla Waldstätt (läuft: Almut Zilcher), deren Mann vor einiger Zeit ablebte — es scheint kaum Sinn zu ergeben, sich von einer mafiösen Ein-Mann-Struktur das Leben schwer machen zu lassen. In der Lindenstraße hätte es das so weder über Jahre noch Monate gegeben!

Viktor Raschke (Manfred Zapatka, r) wird in seinem Feinkostladen von den Kommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, l) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) befragt: Was weiß er über den Brand im Restaurant „Wunderlampe“? // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Aber auch Karim und Julia geraten da irgendwie hinein. Eindeutig ist aber erst einmal Karim selber der Hauptverdächtige, vor allem für Schenk. Dass hier während der „Ermittlungen“, die primär aus Tippspielen zu bestehen scheinen, auch ein leichter Rassismus durchschlägt, den wir gerade in Köln bereits mehrfach latent wahrgenommen haben, wird außen vorgelassen. Is’ doch unser Bärchen, der Freddy Schenk!

Konsequent ist dieser Tatort, der das Jahr einigermaßen schwach einleitet, immerhin dabei, dass Schenk und Ballauf ihrer Linie treu bleiben und Menschen, die jemals etwas Kriminelles getan haben, auch nach Verbüßung ihrer (Haft-)Strafe niemals nicht als rehabilitiert gelten können. Einmal Verbrecher*in immer Verbrecher*in. 

Sonja Schenk (Natalie Spinell) und ihr Freund Karim Farooq (Timur Isik) wurden von Freddy Schenk (Dietmar Bär, r) in einer Schutzwohnung der Polizei untergebracht // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Achso — das gilt natürlich weniger für die eigene Familie. Auch so eine mafiöse Struktur. Diesen Schenk-Clan sollten wir im Auge behalten!

QR

PS: Auch wieder kaum Jütte (Roland Riebeling). Aber der war ja mit allem beschäftigt außer Background-Checks.

PPS: Bei aller Freundschaft, aber das Duo Ballauf-Schenk ist mittlerweile eher dysfunktional und arbeitet schon so lange zusammen, dass sie sich bei ihren Ermittlungen gegenseitig mit Freundschaftsproblemen behindern. Und im Grunde sollte es nach dieser Folge interne Ermittlungen gegen Freddy Schenk geben — verschweigen, verschlampen, verlieren… Oh, boy!

Vorbestrafte Gewalttäter mit einer Handverletzung? Kommissar Norbert Jütte (Roland Riebeling) hat da schnell einen ganzen Stapel an Akten finden können – und vielleicht ja auch Schmelzkäse? // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

PPPS: Der zuvor gezeigte Kölner Tatort, der von uns hochgelobte Spur des Blutes, war übrigens neben den üblichen Verdächtigen Münster-Tatorten mit 11,05 Millionen linearen Zuschauer*innen der einzige weitere zweistellige Tatort des vergangenen Jahres 2022, wie die ARD-Programmdirektion der dpa am Dienstag, dem 27. Dezember 2022, mitteilte. Das durchschnittliche Publikum schrumpfte dabei von 9,18 Millionen im Vorjahr 2021 auf etwa 8,90 Millionen im Jahr 2022; durchschnittlich sei die Zahl der Zuschauer*innen in den 36 Folgen so niedrig gewesen wie seit 2018 nicht mehr. Damals lag sie bei 8,7 Millionen. Unsere Vermutung: Der kontinuierliche Zuwachs der Folgejahre mag auch der Corona-Pandemie und dem damit zusammenhängenden Lockdown geschuldet sein. Also hat wohl auch das ARD-Flaggschiff Tatort mehr zu kämpfen, als manch Senderverantwortliche es wahrhaben wollten.

PPPPS: Schon kommende Woche geht es in Dresden weiter und wir erfahren, wie es nach dem letzten dezent aufreibenden Fall um Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) steht.

Konfrontation auf dem Basketballplatz: Marco Raschke (Paul Wollin) und Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r) // © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Valentin Menke

Tatort: Schutzmaßnahmen läuft am 1. Januar 2023 um 20:15 Uhr im Ersten und um 21:45 Uhr auf one; anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Die Spur des Blutes; Drehbuch: Paul Salisbury; Regie: Nina Vukovic; Kamera: Julia Jalnasow; Musik: Leonard Petersen; Darsteller*innen: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Tinka Fürst, Roland Riebeling, Joe Bausch, Natalie Spinell, Maira Helene Kellers, Timur Isik, Manfred Zapatka, Paul Wollin, Günfer Çölgeçen, Mido Kotaini, Linda Schablowski, Almut Zilcher; Laufzeit: ca. 89 Minuten; Eine Produktion von Bavaria Fiction (Niederlassung Köln) im Auftrag des WDR für die ARD

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