Mehr Moor für deine Stadt

Herbstzeit ist Nebelzeit. Es wird wieder kühler, der Nebel zieht durch Täler, um Flüsse und Seen und morgens sammelt sich der Tau auf Gräsern und Blättern. Eigentlich eine schöne Jahreszeit. Während der anderen Jahreszeiten nehmen wir die Feuchtigkeit in der Luft nicht ansatzweise so sehr wahr wie im Herbst. 

Feuchtigkeit ist auch das Schlüsselelement in einem Landschaftstyp, dem viele von uns deutlich zu wenig Beachtung schenken: dem Moor. Moore können nur existieren, wenn genügend Wasser und Feuchtigkeit vorhanden sind und gleichzeitig auf Vegetation treffen. Moore waren schon lange vor uns Teil unserer Landschaften, bis wir jedoch beschlossen haben, den größten Teil von ihnen trockenzulegen.

Schlüsselrolle im Klimaschutz

Eine doofe Idee, wie sich heute zeigt, denn eigentlich sind Moore enorme Kohlenstoffsenken, können also im Kampf gegen den Klimawandel eine Schlüsselrolle spielen. Dass sie in der breiteren Diskussion kaum auftauchen, mag daher verwundern und das sollte geändert werden.

So dachte sich das auch die Moorforscherin Franziska Tanneberger, die gemeinsam mit der Journalistin Vera Schroeder von der Süddeutschen Zeitung das Buch Das Moor – Über eine faszinierende Welt zwischen Wasser und Land und warum sie für unser Klima so wichtig ist verfasst hat. Erschienen ist es Anfang 2023 bei dtv und war als Wissensbuch des Jahres in der Kategorie Unterhaltung nominiert.

Ein kleiner Mooralmanach

In sieben Kapiteln führen uns die beiden Autorinnen – de facto dürfte der Inhalt von Tanneberger stammen, während Schroeder vermutlich die redaktionelle Arbeit übernommen hat – an diese besondere Landschaft heran. Wir erfahren, was ein Moor ist und wann eine Landschaft eben keines ist, welche Rolle das Zusammenspiel von Wasser, Pflanzen, Torf und Tieren spielt. Sie nehmen uns mit in einige größere Moorlandschaften dieser Welt, namentlich SibirienIndonesien und das Kongobecken.

Auch den Mooren in Deutschland ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Es sind dieser nicht mehr zu viele, zumindest wenn wir die intakten betrachten, die nicht unablässig Treibhausgase absondern. Es geht anschließend um Moor- und Klimaforschung und um die Bedeutung, die nasse Moore für den Kampf gegen den Klimawandel besitzen. Möglichkeiten der Landwirtschaft werden unter dem Begriff der „Paludikultur“ in Kapitel sechs erörtert, bevor es abschließend acht Schritte gibt, die uns bei der „Moorwende“ hilfreich sein könnten.

Moorwissen und -menschen

Das Thema „Moor“ wird also in aller Breite und Fachkunde abgehandelt. Die Fülle der Informationen und der Erkenntnisgewinn bei der Lektüre sind nicht zu unterschätzen. Die Leserinnen und Leser merken Franziska Tanneberger förmlich an, welch eine Menge an Wissen sie zum Thema Moor gesammelt und hier sehr strukturiert und wohlportioniert aufbereitet hat. Wenn es rein danach geht, dann war dieses Buch in jedem Fall ein Favorit für das Wissensbuch des Jahres.

Dass sie hier nicht allein auf weiter Flur ist, ist leicht ersichtlich, denn einige Namen von Kolleginnen und Kollegen tauchen immer wieder gerne auf. Außerdem stellt sie in späteren Kapiteln immer wieder „Moormenschen“ vor, die ihr Leben in und mit dem Moor verbringen. Eine charmante Idee, die wir beispielsweise auch bei Kristina Lunz gesehen haben oder auch in dem Sammelband Kriegsreporterinnen der Journalistin Rita Kohlmaier.

Nicht ganz zu Ende gedacht?

Wenn es allerdings um Aspekte der Landwirtschaft und der Nutzung der Moore geht, dann stellen sich zumindest mir noch einige Fragen. Ja, unter dem Stichwort Paludikultur geht Tanneberger dieses Thema ganz offensiv an. Sie berichtet von der Möglichkeit, das Schilf zum Dachdecken zu nutzen oder von Pflanzen, die unsere Großeltern bereits als Heilmittel einsetzten. Es geht auch um die Energiegewinnung mittels Solarpanels oder der Nutzung von Rohrkolben als Verpackungsmaterial.

So begrüßenswert diese Ansätze sind, die aktuelle Nutzung entwässerter Moore durch Landwirtinnen und Landwirte ist jedoch viel intensiver. Ja, sie geht auch darauf ein, dass die Bäuerinnen und Bauern bei diesem Wandel mitgenommen werden müssen. Aber leider berücksichtigt Tanneberger aus meiner Sicht zu wenig, wie groß der Einschnitt in die Arbeit und Wertschöpfung der Landwirtinnen und Landwirte wäre. Drei Bündel Schilf für Reetdächer können eben hektarweise Futtergetreide nur bedingt kompensieren, um es plakativ auszudrücken. Ich bin zu wenig Fachmann, um das abschließend zu beurteilen, aber hier scheint mir eine Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu klaffen, die viel größer scheint, als es wünschenswert wäre.

Wie ein trockengelegtes Moor

Dazu kommt – und das ist ebenfalls vor allem eine persönliche Wahrnehmung – dass die Tonalität des Buches ein wenig herausfordernd ist. Ähnlich wie ihr Autorenkollege Jan Haft, dessen Buch Wildnis ebenfalls in diesem Jahr als Wissensbuch nominiert war, erzählt sie viel aus ihrem eigenen Leben und wie sie im Einklang mit Natur und Moor lebt und dies in ihrem täglichen Handeln umsetzt. Das ist irgendwie gut, kann aber schnell etwas komisch wirken.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ein gewisser Tilo Jung mit seinem Vorwort das Buch eröffnet hat. Der Hauptstadtjournalist Jung wird von vielen für seine unkonventionelle Art immer wieder gefeiert. Wirklich viel Inhalt konnte ich bei ihm leider bisher nur selten erkennen, weshalb sich meine Sympathie ihm gegenüber sehr in Grenzen hält. Wenn sich Tanneberger und Schroeder vielleicht dachten, mit ihm als Vorwortgeber einen kleinen Coup gelandet zu haben, war für mich damit gleich zu Beginn ein unangenehmer Kontrapunkt gesetzt, der unglücklicherweise und unbewusst die weitere Lektüre beeinflusst hat.

Aber erneut: Das mag auch persönliche Wahrnehmung sein, denn rein inhaltlich gibt es an Das Moor sonst für mich wenig auszusetzen. Franziska Tanneberger und Vera Schroeder haben hier ein überaus spannendes und informatives Buch verfasst, das eine von uns sonst sträflich vernachlässigte Landschaft und ihre Rolle für Mensch und Tier betrachtet. Egal, dass es am Ende nicht Wissensbuch des Jahres geworden ist, in jedem Fall ist Das Moor sehr lesenswert.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Dr. Franziska Tanneberger, Vera Schroeder: Das Moor. Über eine faszinierende Welt zwischen Wasser und Land – und warum sie für unser Klima so wichtig ist; März 2023; mit einem Vorwort von Tilo Jung; 256 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN 978-3-423-28324-3; 24,00 €

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