Bonnie & Bonnie sind eine kleine Hamburger Perle

Die erste Liebe ist etwas Besonderes. Alles ist so neu, vieles ungewohnt und von den bevorstehenden Schmerzen will man nichts wissen. Doof nur, wenn es dann doch schiefgeht und man viel zu schnell wieder in den Alltag und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. In dramatischer Form erzählt der Film Bonnie & Bonnie eine solche Geschichte. Die deutsche Produktion läuft am 1. Juli 2021 um 23:15 Uhr im Rahmen der vierten Auflage der Reihe rbb Queer.

Religiös-konservative, toxische Lebenswelten 

„Sie ist für mich die reinste Form der Liebe. Wir stürzen uns hinein, ohne uns vor den Konsequen- zen zu fürchten“, sagt der Regisseur Ali Hakim über die erste Liebe und was ihn dazu brachte, diese in seinem Langfilmdebüt zum Aufhänger zu machen. Es geht um die junge Liebe von zwei Mädchen, Yara und Kiki, in Hamburg-Wilhelmsburg. Durch einen in doppelter Hinsicht arg inszenierten „Zufall“ treffen die beiden auf der Straße aufeinander und verlieben sich prompt, aber von Beginn an gibt es leider einen Kratzer. 

Kiki (Sarah Mahita) kellnert nach einer Vorstrafe in einer Bar, Yara (Emma Drogunova, Der Trafikant) arbeitet im Kiosk schräg gegenüber. Da hätte man sich mal über den Weg laufen können, oder? Statt dass es über ein Prank-Video von Yara und ihrer Wilhelmsburger Clique geschehen müsste. In diesem Sinne doppelt und arg inszeniert, wenn auch eines einen Schmunzler, das andere eher ungläubiges Kopfschütteln hervorruft. 

© Salzgeber

Das Umfeld der beiden ist konservativ geprägt und kann mit den aufkeimenden Gefühlen nur schwerlich umgehen. Die gesellschaftlich und religiös konservative Inhaberschaft der Bar, in der Kiki arbeitet, strotzt von Testosteron und überbordender, machohafter, toxischer Männlichkeit, die Kiki schlicht zum Objekt degradiert. Leider ein Bild, mit dem Frauen egal welcher sexuellen Orientierung noch heute allzu häufig kämpfen müssen.

Fast noch schlimmer hat es aber Yara erwischt. Sie ist in eine albanisch-stämmige Familie hineingeboren, ihre Schwester Layla (Natalia Rudziewicz) hat sich bereits vor einiger Zeit aus ihr verabschiedet, bzw. wurde aus dem kollektiven Gedächtnis der Familie gestrichen. Der alleinerziehende Vater scheint überfordert, der offiziell arbeitslose Bruder Bekim (Slavko Popadic) hängt allzu häufig in der Kneipe ab und baggert Kiki an. Und Yara muss halt funktionieren, denn irgendjemand hat den Haushalt am Laufen zu halten und für die kleine Schwester da zu sein. Konservatismus und fast schon archaisches Familienbild inklusive versuchter Zwangsverheiratung sind also bei Yara inklusive.

Viele Stärken, kleine Schwächen

Es ist unter diesen Umständen nicht selbstverständlich, dass Yara und Kiki doch zueinander finden, im Gegenteil, alle Umstände sprechen eigentlich gegen sie. Und doch schaffen sie es, aus ihren Käfigen auszubrechen. Es gibt wunderbare Szenen an einem Hamburger Hafengelände, in der niedersächsischen Provinz und im auf den ersten Blick so einfachen Alltag. Aber das Umfeld, in dem beide stecken, ist leider alles andere als das. Selbstverwirklichung steht dort natürlich nicht im Vordergrund, egal ob es sich um sexuelle oder eine Art handelt, so war es auch für Regisseur Ali Hakim ein weiterer – und folgerichtiger – Punkt diesen Drang zu beschreiben, „auch wenn das Streben nach Glück manchmal ins Verderben führen kann“, wie er sagt. 

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So müssen sich Kiki und Yara schon fast gezwungenermaßen entscheiden: Unsere Liebe oder unser altes Leben. Somit erzählt Bonnie & Bonnie von verschiedenen Tabus, wie denen von genannter Selbstverwirklichung, Sexualität, gleichgeschlechtlicher Liebe, und eben gleichzeitig die Geschichte einer ersten großen Liebe. Beides sehr glaubwürdig und dicht erzählt, was bei der Menge an den vielen angesprochenen Themen beinahe verwundert. Dadurch dass sie die Darstellung der Lebenswelt der beiden jungen Frauen aber so greifbar anfühlt, reichen auch kurze Einsprengsel, um uns glaubhaft zu machen, wer dort wie tickt. Und wer quasi eine tickende Zeitbombe ist.

Ein wenig unbeholfen wirken hingegen die Momente, in denen die Mechanismen von Social Media auch dazu beitragen „Bonnie und Bonnie“ als eben die beliebten Außenseiter wirken zu lassen, die die Masse der digital-affinen Bevölkerung hinter sich weiß. Das spielt natürlich, wie auch der Titel, auf Bonnie und Clyde an, die trotz ihrer Verbrechen in der Bevölkerung beliebt waren, ein gewisses Ansehen besaßen und es „denen“ mal zeigten. Dafür dass der Film hier auch einen Gedankenprozess bei uns Zuschauer*innen anstoßen will, inwieweit Social Media das Verhalten der Protagonistinnen beeinflusst, kommt das dann nicht nur zu kurz, sondern wird wie erwähnt unbeholfen eingesetzt. Zumal es eine Szene gibt, in der Yara vor der Kamera körperliche Gewalt erfährt und bei aller Realitätsbezogenheit des Films wundert es dann doch, dass dieser Moment keinen größeren Effekt hat.

Selbstbewusst und selbstbestimmt

Lasst euch aber durch Titel und die Anleihen bei der Story Bonnie & Clyde’s nicht in die Irre führen: Der Film erzählt die Geschichte nicht in neuem, lesbischem Gewand nach. Apropos: Lesbische Liebe wird hier auch sehr körperbewusst gezeigt, was freut. Entsteht doch manches Mal der Eindruck, dass, wenn es sich nicht um eine L Word-Variante oder den einen oder anderen französischen Film handelt, da arg zurückhaltend inszeniert wird, gerade im Lichte der Darstellung von Gewalt gegen Frauen in ähnlichen Filmen.

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Auch in diesem Film findet sich Gewalt gegen Frauen – ob verbal, durch Verhaltensweisen impliziert oder direkt und physisch. Wie jedoch beide Frauen damit umgehen und versuchen entweder im Rahmen dieses Gewaltverhältnisses zu existieren, aber auch mehr und mehr den Ausbruch wagen, natürlich begleitet von Unsicherheiten, schließlich liebt Yara ihre Familie, will auch ihre Schwester nicht zurücklassen, ist stark gezeichnet, geschrieben und gespielt.

Bonnie & Bonnie besticht also durch eine klare und meist glaubwürdige Erzählung, zwei faszinierende und vielschichtige Hauptfiguren, toll inszenierte Szenen und teils beißende Dramatik. Eine kleine Hamburger Perle. 

Der Film läuft am 1. Juli 2021 um 23:15 Uhr im Rahmen der vierten Auflage der Reihe rbb Queer und ist anschließend für drei Monate in der ARD-Mediathek abrufbar.

Bonnie & Bonnie; Deutschland, 2019; Regie: Ali Hakim; Drehbuch: Maike Rasch, Ali Hakim; Darsteller*innen: Emma Drogunova, Sarah Mahita, Slavko Popadic, Kassel Hoxha, Emma Torner, Miguel Ribeiro Da Saude, Milena Tscharnke, Zoran Pingel, Anton Nürnberg, Natalia Rudziewicz; Laufzeit: ca. 90 Minuten; FSK: 16; Edition Salzgeber; erhältlich auf DVD, als VoD und Download

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