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Eine Flucht mit Herz und Blut

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Zuletzt aktualisiert am 28. Juni 2020

Es ist schon manches Mal auf erschreckende Weise spannend mitzubekommen wie Länder und Staaten, in denen Homosexualität angeblich gar nicht oder so gut wie gar nicht existiert, beispielsweise dem Iran, Tschetschenien, Südsudan oder Uganda, nicht nur in aller Stille brutal gegen Homosexuelle vorgehen, sondern Gesetze gegen etwas erlassen, dass eigentlich nicht existiert. Wie existent nicht nur Homo- und Transsexuelle in diesen Ländern sind, sondern wie real auch die Gefahr für Leib und Leben dieser oft auch jungen Menschen ist, schildert der Autor und Historiker Lutz van Dijk in seinem neuen Roman Kampala – Hamburg.

David & David

David, 18 Jahre aus Hamburg, Schüler der elften Klasse, wohnt mit seiner etwas älteren Schwester und deren einjährigem Sohn zusammen, nachdem er es bei seinen immer streitenden Eltern nicht mehr ausgehalten hat. David, 16 Jahre aus Kampala, der Hauptstadt Ugandas, ebenfalls Schüler, wohnt mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen. Beide verbindet bis auf den gleichen Namen und ihr Schwulsein erstmal nichts. Bis David aus Kampala sich bei Planet Romeo mit dem Namen Freedom Fighter 4 (Freiheitskämpfer eins bis dreikommaneun waren schon unterwegs) anmeldet und einige Zeit später im Chat (hier mal wichtigster Status ever) auf David aus Hamburg „trifft“. Der hat nach einigen Begegnungen mit der Safe-Space-Gruppe im Café des örtlichen mhc (Magnus-Hirschfeld-Centrum) das dringende Bedürfnis schwulen potentiellen Flüchtlingen zu helfen. Was sich gut trifft, da David aus Kampala nach dem Lynchmord an seinem guten Freund Isaac, mit dem er auch seine erste schwule Mensch-Erfahrung gemacht hat, und der brutalen Attacke auf seinen besten-Freund-mit-Extras Julian, dringend aus Uganda weg möchte und muss. Der Vater Julians hat, nach der von ihm ausgehenden Attacke auf seinen Sohn, alle Hebel in Bewegung gesetzt um David der homefeindlichen Justiz Ugandas zu übergeben. David verspricht David zu helfen.

Lutz van Dijk, Mitbegründer von HOKISA (Homes for Kids in South Africa), einer Hilfsorganisation die Kinder und Jugendliche in Kapstadt versorgt, die von AIDS betroffen sind, legt mit Kampala – Hamburg zwar eine fiktive Flucht-Geschichte vor, aber doch eine, die so oder so ähnlich passiert sein kann und immer wieder wird passieren können.

Satellitenbild Kampala

Dabei konzentriert sich Lutz van Dijk in erster Linie auch auf den Inhalt und die informative Nachhaltigkeit seiner Erzählung und weniger auf den Erzählstil. Das lässt das Buch sehr geradlinig und einfach lesbar sein, unterstützend wirkt da die gewählte Erzählform, beide Davids berichten im Stil von Tagebucheinträgen. Durchaus ein Vorteil, da es sich in erster Linie wohl an eine recht junge, zuweilen nicht sehr leseaffine Leserschaft wendet, die einem auch mal mit dem Satz „Wieso soll ich denn lesen? Es ist doch Sonntag!“ begegnen kann.

Mitleids-Pornographie? Nein, danke!

Was nun nicht heißt, dass es für Leser abseits von Schulhöfen nicht auch ein sehr interessantes Erlebnis sein wird. Van Dijk sieht von Beschönigungen ab und konfrontiert den Leser mit der harten und brutalen Realität im Umgang der afrikanischen Länder mit sexuellen Minderheiten. Dies wird von ihm eindringlich und schauderhaft geschildert, ohne dass er in Mitleids-Pornographie abdriftet, was durchaus ein Verdienst ist. Bei allem Leid durch Tod, sinnlose Gewalt und kalte Ignoranz, kommen aber auch tiefe Menschlichkeit und enge, freundschaftliche Bindungen und ein wenig Humor nicht zu kurz. Das Buch betreibt also keine Schwarzmalerei, es stellt hingegen die Gründe und den Ablauf einer Flucht so realistisch, ungeschönt und transparent wie möglich und nötig dar. 

Etwas ärgerlich ist es dann allerdings, als zum Ende des knappen Buches der Satz fällt: „Mehr kann ich hier leider nicht verraten.“ Zuvor wurde nicht nur eindrücklich geschildert, mit welchem Aufwand und welcher Akribie allein die Vorbereitung einer Flucht betrieben werden muss, sondern es wurden auch sprachliche Entsprechungen für Dinge gefunden, die zu deutlich nicht benannt werden sollten. Das dies nun ausgerechnet an einem im Verlauf der Geschichte immer wieder angesprochenen als am schwierigsten zu bewerkstelligenden Punkt aufgegeben und mit diesem Spruch abgehakt wird, sieht nach Faulheit aus und stößt sauer auf. 

Denn spannend ist es, David aus Kampala auf seiner Fluchtroute zu folgen und alle Höhen und Tiefen mit ihm zu durchleben. Mit David aus Hamburg mitzufiebern, mit ihm zuversichtlich zu sein, wenn ein Schritt gelingt und zutiefst besorgt zu sein, wenn der Kontakt nach Afrika mal wieder abbricht. Ein Effekt verstärkt durch die o. g. Erzählform. Dazu kommt noch eine sich durch die Texte, die die beiden austauschen, entwickelnde Ebene einer Liebesgeschichte aus Distanz, die aber, nun ja, eher gewollt wirkt. Mir fielen jedenfalls die Worte Helfersyndrom und Abhängigkeitsverhältnis ein, aber hey… da wird ein jeder letztlich rauslesen, was er möchte.

Ein bildender Roman

Kampala – Hamburg kann, wenn auch nicht als Bildungsroman, so doch als bildender Roman bezeichnet werden. Neben der wie bereits erwähnt sehr informativen Erzählung erläutert der Autor in insgesamt 35 Anmerkungen u. a. einige Begriffe aus afrikanischen Sprachen, stellt uns Minister und Präsidenten Afrikas in ihrer ganzen homophoben Pracht vor, erklärt noch einmal kurz das Schengen-Visum, bringt den Völkermord an den Tutsi in Ruanda auf und zählt die 13 Länder auf, die nach wie vor die Todesstrafe gegen Homosexuelle verhängen. Ebenso finden sich am Ende des Buches die Kurzbiografie des 2011 ermordeten Uganders David Kato, der 2004 SMUG (Sexuelle Minderheiten Ugandas) gründete, sowie ein knapper Text zur „Verfolgung sexueller Minderheiten in Uganda – und anderswo“, der dazu einlädt sich vertiefend mit der Thematik auseinanderzusetzen. 

So bleibt unterm Strich eine recht deutliche Empfehlung. Auch als Geschenk für die pubertierende Nichte oder den pubertierenden Neffen oder die jeweiligen Eltern. Ein Buch also, das nicht nur in der Community gelesen werden sollte. 

AS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

van Dijk, Lutz: Kampala – Hamburg – Roman einer Flucht; 1. Auflage März 2020; broschiert, 176 Seiten; mit Abb.; ISBN: 978-3-89656-283-8; Querverlag; 12,00€; eBook 9,99€

Auch mal einen Besuch wert: Homepage Lutz van Dijk

  1. […] Mit der bereits 80. Ausgabe der #allabendlichqueer-Lesungen wird am heutigen Dienstagabend die Kooperation der Literatunten mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin im Rahmen deren Pride-Programms fortgeführt. Teil dieser Kooperation sind neben #allabendlichqueer-Neulingen auch die eindrucksvollsten Autor.innen der vergangenen Monate. Nachdem zum Start Dennis Stephan aus seinem aktuellen Roman Und in mir ein Ozean vorlas und auch Hans Pleschinski aus seiner Königsallee vortrug, liest am heutigen Abend nun der renommierte Autor Lutz van Dijk aus seinem aktuellen im Querverlag erschienenen Buch Kampala – Hamburg. […]

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