„Keine Besserung zu erzielen“: Die Geschichte von Franz Doms

„In der Strafsache gegen Franz Doms wird der Antrag auf Wiederaufnahme auf Kosten des Antragstellers als unzulässig verworfen.“

Sondergericht, Strafkammer I, Mitteilung an Franz Doms, 5. Februar 1944 aus Franz. Schwul unterm Hakenkreuz

Mit dieser Mitteilung war das Schicksal des gerade einmal 21-jährigen Wieners Franz Doms endgültig besiegelt: Das Urteil gegen ihn würde in Kürze vollstreckt werden. Verurteilt wegen wiederholter „widernatürlicher Unzucht“ (aka seiner Homosexualität), außerdem als Arbeitsverweigerer und „Gelegenheitsverbrecher“ gesehen, sah es die Todesstrafe vor. Am 7. Februar 1944 um 18 Uhr 41 Minuten und ein paar Sekunden „hallt der dumpfe Aufschlag des niedersausenden Fallbeils […] durch die Korridore und Stiegen des E-Traktes“ des Gefangenenhauses.

„Er ist ein vollständig haltloser,…“

Auf dieses – vergessene – Schicksal macht uns der ORF-Journalist Jürgen Pettinger aufmerksam, der seinem preisgekrönten Radio-Feature Mit einem Warmen kein Pardon! Der Fall Franz Doms. aus dem Jahr 2017 folgend nun ein Buch zu eben diesem jungen Mann vorgelegt hat, in dem er zumeist formvollendet Fakten und Fiktion zu vermengen weiß. Dies wohlgemerkt ohne Franz Doms als Canvas für eine dramatische Young-Adult-Lovestory mit Kriegshintergrund zu nutzen.

Stattdessen orientiert er sich in FRANZ. Schwul unterm Hakenkreuz, so der Titel des im September vergangenen Jahres bei Kremayr & Scheriau erschienen Bandes, selbst bei fiktionalisierten Teilen vor allem an an anderer Stelle vermittelten Fakten und auf Sachkenntnis gestützten Vermutungen. Ausschlaggebend sind Ermittlungs- und Gerichtsakten zum Fall Franz Doms, aber auch solche allgemein Ermittlungen gegen „Warme“ betreffend.

© Wiener Stadt- und Landesarchiv

Entlang dieser erzählt Pettinger die Lebens- und Leidensgeschichte Doms’, ergänzt Gesprächsszenen, schafft gekonnt eine Atmosphäre des immer stärker kriegsgezeichneten Wien, gibt uns das Gefühl, nachvollziehbar an Franz Doms Gedanken zu partizipieren und lässt uns des bedrückenden, dauerhaften Verfolgtseins gewahr sein (bisweilen liest sich FRANZ, als würden wir es mit der Vorlage für ein filmisches Dokudrama zu tun haben). Dem voraus geht ein Vorwort des QWIEN – Zentrum für queere Geschichte Co-Leiters, Andreas Brunner, der uns einen fixen Abriss der Biografie Doms’ und zum § 129 des österreichischen Strafgesetzes (vergleichbar mit dem § 175 StGB) aus dem Jahr 1852, der „Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts“ mit schwerem Kerker bis zu fünf Jahren bestrafte, gibt.

„…seinen widernatürlichen Trieben gegenüber…“

Dieser kurzen Einordnung können wir Leser:innen nur dankbar sein, da sich Pettinger bei der Auswahl der den Ermittlungen und Verhandlungen entnommenen Textteile nicht streng an die Chronologie hält, sondern sie passend den Lebensentwicklungen Doms’ einbindet (Ermittlungen fanden zeitverzögert oder auch parallel statt, wie uns Jürgen Pettinger auch Nachfrage schreibt). Hier hilft es noch einmal ins Vorwort zu schauen, in dem die drei Festnahmen beziehungsweise Haftstrafen (1940, 1941 und final 1943), die Doms bis zu seiner Hinrichtung durchzumachen hatte, kompakt aufgeführt sind. In diesem Sinne wäre für eine dritte Auflage (die zweite ist derzeit in Produktion) auch ein Zeitstrahl im Anhang wünschenswert. 

Darüber hinaus allerdings bleiben nicht viele Wünsche offen, wenn es einmal so formuliert werden darf. Jürgen Pettinger schafft es, uns auf eindringliche Art und Weise und doch ohne Melodrama oder allzu sex- oder gewaltdurstende Beschreibungen am Leben des jungen Mannes teilhaben zu lassen. Wenn auch im Kapitel „Schädelgymnastik“ sehr deutlich die – simplen – Foltermethoden beschrieben werden, mit denen ein passendes Geständnis aus Franz herausgeschlagen werden soll. 

„…machtloser Verbrecher, bei dem…“

Viel grausamer wirken da schon die kühl, sachlich-bürokratischen Vermerke des auf die Homo-Jagd spezialisierten Kriminalassistenten Karl Seiringer, womöglich selber ein „Warmer“, wie Kurt, ein Freund von Franz, einen gar nicht mal so abwegigen Gedanken äußert. Ebenso jene der Gerichte:

„Sein unwiderstehlicher widernatürlicher Drang wurde dann neuerdings mit aller Deutlichkeit im Herbst 1942 offenbar. […] benutzte er diesen Strafurlaub, um seinem alten Laster zu frönen.“

Landgericht Wien als Sondergericht, Anklageschrift (Verfahren gegen Franz Doms), 16. Oktober 1943 aus FRANZ. Schwul unterm Hakenkreuz

Mit Kälte und Grausamkeit ging man gegen homosexuelle und queere Personen vor, die, unter Druck, in Angst, immer wieder dazu bereit waren, einander zu verraten, nur um weniger hart bestraft zu werden und vielleicht dieses Mal noch mit dem Leben davon zu kommen. Verrat ist also immer wieder ein Thema; Missgunst auch, die aber kommt von allen Seiten, damals wie heute. Franz Doms wollte sich alldem lange nicht fügen, suchte nach Ausflüchten, machte falsche Angaben. Auch dies sollte ihn im Bewusstsein Seiringers verankern.

„…von Freiheitsstrafen kein erzieherischer oder…“

Jürgen Pettinger widersteht dankenswerterweise der nicht ganz abwegigen Versuchung, Franz zu einem Märtyrer zu verklären, ihn zu einem großen Helden, einem „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“-Sager zu machen. Franz bleibt ganz Mensch, nicht selten einer, den wir packen und schütteln wollen, dies geschieht im Buch im Grunde in Form seiner Schwester Josefine.

Damit sei auch erwähnt: FRANZ. Schwul unterm Hakenkreuz ist nicht frei von Wärme und Liebe, Menschlichkeit und Mitgefühl. Nicht zuletzt auch verkörpert durch den real existierenden Pfarrer Eduard Köck; die Endnoten verweisen auf dessen akribisch geführtes und von Pettinger greifbar beschriebenes Dienst-Tagebuch. Andere Quellen sind neben dem Wiener Stadt- und Landesarchiv schließlich auch Werke von Lutz van Dijk oder Willi Weinert.

„…abschreckender Erfolg mehr zu erwarten ist.“

Schreibt übrigens erstgenannter nicht selten Bücher, die hervorragend für Jugendliche und junge Erwachsene zugänglich sind, so gilt dies auch für Jürgen Pettingers Buch, das ohne große Sorgen auch 14-Jährigen in die Hand gegeben werden kann. Überhaupt dürfte es eine vielschichtige Ergänzung für den Schulunterricht darstellen, auch in der Bundesrepublik Deutschland (spätestens hier hülfe dann aber wirklich ein Zeitstrahl und eine ganz genaue Überprüfung aller zeitlichen Angaben).

Mit treffendem Ton, uns Leser:innen erreichenden und unmittelbaren Worten, einer präzisen Mischung von Fakt und Fiktion und nicht zuletzt viel dem Text zu entnehmender Menschlichkeit bringt Jürgen Pettinger uns mit FRANZ. Schwul unterm Hakenkreuz eine der vielen vergessenen Geschichten von während des Nationalsozialismus verfolgten und per Gesetz ermordeten homosexuellen Menschen nahe. 

QR

PS: Der § 129 bestand in Österreich auch über die Zeit nach 1945 hinaus, ähnlich also dem deutschen § 175. Erst eine kleine Strafrechtsreform aus dem Jahre 1971 schaffte das Totalverbot ab. Jedoch standen homosexuelle Prostitution oder „Werbung“ für Homosexualität unter Strafe. Ebenso lag das Schutzalter bei 18 Jahren, für heterosexuelle Sexualkontakte hingegen bei 14 Jahren. Erst in den Jahren 1997 und 2002 wurden diese gesetzlichen Diskriminierungen aufgehoben. 

PPS: Sehr empfehlenswert ist diese Besprechung von Books are gay as fuck, die sich im Übrigen auch einen Zeitstrahl wünscht.

PPPS: Uns ist an mancher Stelle untergekommen, dass nicht wenige mit der Kombination aus Sachbuch und Roman hadern. Das wundert uns, sollten doch gerade queere Menschen in Bezug auf Fluidität ein offenes Mindset haben. Just saying. 

PPPPS: Im Dezember 2021 wurde das Grab von Franz Doms geschändet

Jürgen Pettinger: Franz. Schwul unterm Hakenkreuz; September 2021; Hardcover, gebunden; 192 Seiten; 13,5 x 21,5 cm; ISBN: 978-3-218-01286-7; Kremayr & Scheriau; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

Das Zitat in der Überschrift ist der Anklageschrift vom 16. Oktober 1943 entnommen, vgl. S. 133; Die Zwischenüberschriften sind einer Aussage des Oberstaatsanwalts ebenfalls vom 16. Oktober 1943 entnommen, vgl. S. 159 f.

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