Heimat? Welche Heimat?

Das mit der Heimat ist so eine Sache. Sie vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, von Zugehörigkeit. Und wir in Deutschland können uns in der glücklichen Lage schätzen, sogar einen Heimatminister zu haben. Einen, der auch deutlich sagt, wer hier nach dessen Dafürhalten keine Heimat hat, beispielsweise wenn er die unbestellte Abschiebung von 69 Afghanen an seinem 69. Geburtstag begrüßt. Gut, dass Horst Seehofer jüngst bekundete, „Sehnsucht nach Privatheit“ zu haben. Heimat wird also auch politisch gern instrumentalisiert.

Ortskräfte im Fokus

Um Afghanistan geht es im Moment auch aus einer anderen Perspektive. Das Ende des NATO-Einsatzes steht bevor und auch die Bundeswehr hat ihren Abzug bereits eingeleitet. Eine Frage, die im Moment immer mehr aufkommt, ist, ob und welche Ortskräfte mit nach Deutschland genommen werden können. Es handelt sich um Übersetzerinnen und Übersetzer, Fahrer und (vermutlich nur wenige) Fahrerinnen, Küchenpersonal, etc.. Menschen also, auf deren Unterstützung die Bundeswehr bei ihrem Einsatz angewiesen war und ist, um am Hindukusch auch nur irgendwie klarzukommen.

Wenn die Bundeswehr abgezogen ist, stehen diese Menschen erst einmal ohne Job da – was mehr als ärgerlich ist, denn ihren Lebensunterhalt sollen sie ja auch nicht mit dem Anbau von Mohn verdienen. Weit schlimmer aber wiegt, dass diese Personen in den Augen der Taliban vielfach als Kollaborateure gelten. Für die Taliban, Islamisten oder andere extreme Kräfte gelten diese Menschen nun als Verbrecher und müssen um ihr Leben fürchten. Die Aufrichtigkeit der Zusagen der militant-islamistischen Taliban, den Ortskräften nicht nach dem Leben zu trachten und sie ein normales Leben führen zu lassen, darf wohl aus guten Gründen angezweifelt werden.

Kollaborateure müssen Konsequenzen fürchten

Beispielsweise in der Biografie des jugoslawischen Diktators Tito haben wir gelesen, wie in autoritären Systemen mit Kollaborateuren umgegangen wird und deren Deportation ist in vielen Fällen wohl noch fast das geringere Übel. Oder wie wir in dem Thriller Das Ende der Wahrheit von Philipp Leinemann sehen konnten, der kürzlich auf arte lief (und noch bis 9. Juni in der Mediathek verfügbar ist) und der unter anderem zeigt, welche dramatischen Konsequenzen ein homosexueller Mensch der im Grenzgebiet zwischen dem fiktiven Zahiristan und dem realen Afghanistan lebt, aus seiner… nennen wir es mal nur bedingt freiwilligen Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst erfährt.

Diese Menschen müssen um ihr Leben fürchten, wenn Deutschland sie nicht aufnimmt. Afghanistan ist ihre Heimat, aber Sicherheit und Geborgenheit finden sie dort sicher nicht mehr, von Zugehörigkeit ist nicht ansatzweise zu sprechen. Ähnlich wie es die Autorin Asal Dardan in ihrem Buch Betrachtungen einer Barbarin beschreibt, diese Menschen werden sich bald fremd im eigenen Land fühlen, wenn nicht Deutschland ihnen Zuflucht und eine Perspektive bietet.

Zuverlässigkeit ist ein hohes Gut

Natürlich kann Deutschland nicht der Zufluchtsort für alle von Krieg und Terror bedrohten und betroffenen Menschen sein, aber diejenigen, die sich für Deutschland und seine Sicherheit eingesetzt haben, die dürfen wir nun schon einmal gar nicht im Stich lassen. Ob der Frieden in Afghanistan halten wird, kann nur die Zeit zeigen. Wer weiß, vielleicht finden wir uns schneller dort wieder als uns lieb ist. Wenn wir uns weiter in der Welt engagieren wollen – wobei wir das eigentlich weniger wollen, sondern es vielmehr in unserem eigenen Interesse liegt, dass wir das tun – dann tun wir gut daran, unsere Partnerinnen und Partner gut und zuverlässig zu behandeln. 

Die nun vorgeschlagene Regelung, dass Ortskräfte, die in den letzten zwei Jahren die deutschen Kräfte unterstützten, einen Antrag auf Asyl stellen können, ist zwar ein Anfang, aber die Frist scheint willkürlich gesetzt und auch viel zu kurz bemessen, mag gar zynisch anmuten. Dass das Bundesverteidigungsministerium bei solchen Fristsetzungen allerdings hin und wieder fragwürdige Entscheidungen trifft, ist nicht neu, erst kürzlich haben wir das auch bei der Rehabilitierung homosexueller Soldaten gesehen und kritisiert.

Unsere Verantwortung für unsere Helferinnen und Helfer vor Ort schließt mit ein, dass wir Ortskräften eine Perspektive bieten. In diesem Fall kann sie wohl nur in Deutschland sein, denn aus ihrer eigenen Heimat werden sie fliehen müssen. Und Deutschland muss ihre neue Heimat werden. Darauf müssen sie sich verlassen können. Denn wenn nicht, dann werden an anderen Krisenherden keine Ortskräfte mehr mit Deutschen zusammenarbeiten wollen. Statt über Waffenlieferungen an die Ukraine zu debattieren, böte sich vielleicht auch für die eine oder andere Oppositionspartei hier die Chance, sich durch eine klare Position zu profilieren und außen- und sicherheitspolitische Weitsicht mit Menschlichkeit zu verbinden.

HMS, Mitarbeit AS

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