Normalzustand?

Was ist denn schon normal? Vater, Mutter, Kind – so lange Zeit das „Idealbild“ einer glücklichen Familie (was sich zum Glück geändert hat und mittlerweile zum Glück auch den Kleinsten vermittelt wird). Und in der Beziehung zwischen zwei Menschen? Man lernt einander kennen, entwickelt Gefühle füreinander, geht eine Beziehung ein, verletzt einander vielleicht hin und wieder, aber am Ende ist man füreinander da. Und wenn sie nicht gestorben sind…

So das Idealbild. Und dann gibt es noch ganz andere Beziehungen. Solche mit Hochs und Tiefs, mit Komplikationen und Stress. Man kann oft nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander. Eine solche Beziehung ist die, die Sally Rooney in ihrem Buch Normale Menschen, auf Deutsch 2020 erschienen bei Luchterhand, beschreibt.

Liebe

Rooney begleitet ihre beiden Protagonisten Marianne und Connell bei ihrer normalen oder vielleicht auch nicht ganz so normalen Beziehung. Marianne und Connell besuchen die Schule in Carricklea, im Westen Irlands und studieren später am Trinity College in Dublin. Connells Mutter putzt im Haus von Mariannes Familie zu der Zeit als Connell und Marianne sich näher kommen. Während die Beziehung allerdings in Carricklea zunächst noch ein (offenes) Geheimnis bleibt, ist dies in Dublin anders.

Allerdings ist es wie angedeutet nicht ganz leicht zwischen den beiden. Sie verletzen einander immer wieder, trennen sich mehrfach, gehen Beziehungen mit anderen ein, aber können am Ende doch nicht voneinander lassen. So entspinnt sich eine On-Off-Beziehung, die Sally Rooney über vier Jahre begleitet.

Welten

Die Ausgangslage für Normale Menschen ist also durchaus anregend, denn dazu kommen noch so manche Feinheiten. Marianne wird beispielsweise als eher unattraktive und eigenbrötlerische Einzelgängerin beschrieben, Connell hingegen als groß und doch eher ein Blickfang, der so manches Mädchen haben könnte und eher der gesellige Typ ist. Gleichzeitig besteht zwischen beiden ein deutlicher Klassenunterschied, der zwischen den Zeilen auch immer wieder thematisiert wird. Mariannes Familie ist wohlhabend, Connells dagegen eher nicht. Und interessanterweise haben beide keinen Vater (mehr).

Irgendwie leben beide dennoch in verschiedenen Welten, weshalb die Beziehung eigentlich erst einmal unter keinem guten Stern steht. Und dennoch finden sie zueinander. Und wieder auseinander. Und wieder zueinander. Jedes weitere Mal On und jedes weitere Mal Off lässt die beiden ein wenig wachsen, auch in ihrer Beziehung zueinander. So ist es für Sally Rooney sehr gut und einfach möglich auch die eine oder andere Charakterentwicklung nachzuzeichnen. Marianne wird zunehmend ein sozialerer Mensch, auch wenn sie irgendwie in ihren Beziehungen jenseits von Connell immer an schräge Typen gerät.

Dominanz

Connell wiederum scheint zunehmend zu einem Mann zu reifen, der zwar immer die eine oder andere Unsicherheit zeigt, aber dennoch immer mehr weiß, was er will. Seine etwas länger andauernde Beziehung mit Helen und der Tod eines früheren Mitschülers tragen entscheidend zu seiner und übrigens auch zu Mariannes Charakterentwicklung bei.

Am Ende, der Eindruck drängte sich dennoch auf, geht es aber doch mehr um Marianne. Das „hässliche Entlein“, wie es sich entwickelt. Irgendwie steht sie und ihre Entwicklung noch ein wenig mehr im Fokus als Connell. So ist es nur folgerichtig, dass sie die letzte Entscheidung des Buches trifft und sie Connell betrifft.

All das wird flankiert von einer Reihe von Themen, die sich im Subtext finden. Es geht immer wieder und in unterschiedlicher Intensität um Klassenunterschiede und kaum verhohlene Kapitalismuskritik, um internalisierten Rassismus, um psychische Probleme und Depressionen, sogar Essstörungen werden angedeutet. Es geht um den Unterschied der Lebenswelten in Stadt und Land, um den Übergang von Schule zum Studium und eben um die Entwicklung von zwei jungen Menschen, die eben nicht mit-, aber irgendwie auch nicht ohneeinander können.

Normalität

Das ist sehr schön, denn es gibt der Geschichte eine Tiefe, die weit über die eigentliche Geschichte hinausgeht. Auch wenn am Ende die Frage offenbleibt, was nun „normal“ ist, eine „normale“ Beziehung, man ist geneigt, dass es die zwischen Marianne und Connell existierende Verbindung nicht ist. Und dennoch sehen wir auch im Alltag immer wieder, dass Beziehung eben nicht leicht ist, Arbeit und stetiges Engagement erfordert. Gleichzeitig hat aber jede Beziehung ihre Tücken und ihre eigene Geschichte, so wie auch jeder Mensch.

Aus diesem Grund lässt sich abschließend vielleicht doch festhalten: Marianne und Connell als Individuen und ihre gemeinsame Beziehung hat ihre Besonderheiten. Wir können uns als Außenstehende vielleicht über die eine oder andere Begebenheit und Eigenheit wundern, andere wiederum gutheißen. Am Ende ist es aber vielleicht dennoch eine „normale“ Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen und ihren ganz eigenen Besonderheiten. Am Ende nämlich sind Marianne und Connell auch nur Normale Menschen.

HMS

PS: Ja, ja – wir werden auch die Serie noch besprechen. Bis dahin empfehlen wir euch aber mal die Young Royals.

Normale Menschen von Sally Rooney

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Sally Rooney: Normale Menschen; Aus dem Englischen von Zoë Beck; Hardcover mit Schutzumschlag; 320 Seiten; Luchterhand Literaturverlag; ISBN: 978-3-630-87542-2; 20,00 €, auch als eBook erhältlich

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