Reads like Teen Spirit

Beitragsbild: Buchcover Was ist mit uns auf NYC-Skyline bei Nacht. Foto: © HMS, the little queer review

New York im Sommer – nicht gerade das Erste, woran man denkt, wenn man dieser Tage in den oft grauen Himmel des Spätherbsts guckt. Doch das hält uns nicht davon ab, uns ins Setting in dem sich Becky Albertallis und Adam Silveras Geschichte Was ist mit uns abspielt, hineinzuversetzen. Die beiden erzählen die Geschichte einer jungen, schwulen Liebe, von Freundschaft, Erwartung, Enttäuschung und Pubertät. Und das funktioniert überwiegend sehr gut.

Gay-Cinderella im New York-Stil

Teenager Arthur, Sohn einer halbwegs wohl situierten Familie aus Georgia, verbringt die Sommerferien vor dem letzten Schuljahr mit seinen Eltern in New York, um ein Praktikum in der Anwaltskanzlei zu absolvieren, in der seine Mutter arbeitet. Eines Tages trifft er im Postamt auf den gleichaltrigen Ben, der die Überbleibsel seiner Beziehung mit seinem Ex-Freund an diesen versenden möchte. Arthur und Ben finden sich auf Anhieb sympathisch, verlieren einander jedoch im Gewusel der Metropole NYC. 

Es beginnt zuerst eine beiderseitige und mitreißende Suche nach dem anderen. Als sie einander schließlich finden, beginnt eine neue Suche, nämlich nach der, wie zwei in Liebesdingen relativ unerfahrene Jungen das gemeinsame Glück versuchen zu finden. Ben und Arthur durchleben dabei so manche Höhen und Tiefen und über allem schwebt die Frage, wie diese Beziehung nach Arthurs Rückkehr nach Georgia weiterlaufen kann und soll.

Soziale Medien und reale Realitäten treffen aufeinander

Wie wir nicht zuletzt seit Gossip Girl wissen, das ganze oder zumindest halbe New Yorker Leben der 2010er-Jahre spielt sich im Universum der sozialen Medien ab. Instagram und Co. sind omnipräsent und dienen den Protagonisten und ihren Freundinnen und Freunden als Mittel zur Selbstdarstellung, aber auch, um die Mitmenschen fast schon auszuspionieren. So wie das viele von uns wohl in unserem Alltag machen dürften. Und nicht nur Instagram, auch Harry Potter, Super Mario oder die eine oder andere populäre Kaffeehauskette finden sich in Was ist mit uns wieder. 

Das hat vermutlich weniger mit Schleichwerbung zu tun als vielmehr mit dem tatsächlichen Alltag „dieser jungen Menschen“ – und erneut: wohl nicht nur von ihnen. Der regelmäßige Touch Gayness und „typischer“ schwuler Inhalte darf dabei natürlich nicht fehlen, wird aber alles andere als klischeehaft illustriert. Albertalli und Silvera zeigen also erneut ein gutes Gespür dafür, welche Lebensrealität die junge Generation heute hat und beschreiben diese überaus treffend. 

Arthur & Ben erzählen eine detailreiche Geschichte

Sehr eindrücklich macht das Autorenduo diese Lebensrealitäten, indem sie sich abwechselnd in die eine oder die andere Realität eines der beiden Jungen begeben. Die gesamte Geschichte ist in der Ich-Form geschrieben und erzählt stets aus der Sicht von Ben oder Arthur. Wie sie die aktuelle Situation wahrnehmen, was sie bewegt, warum sie ihre Entscheidungen genau so treffen, wie sie das tun und was sie dabei bewegt. Kapitelweise wechseln sich Arthur und Ben also ab, sodass uns immer wieder eine andere Perspektive vermittelt wird. Das lässt beim Leser oder der Leserin ein sehr eindrückliches Gefühl zurück, denn man weiß genau, es passiert nun etwas aus Sicht von Arthur und im nächsten Kapitel werden wir erfahren, wie Ben das nun wahrgenommen hat, was er daraus macht und wie es nun weitergeht. Das bringt uns beide Hauptcharaktere sehr nahe, auch wenn selbst aufmerksame Leserinnen und Leser hin und wieder zurück zum Anfang des Kapitels blättern müssen werden, um festzustellen, ist es nun Bens oder Arthurs Sicht, die hier beschrieben wird. 

Aufmerksames Lesen lohnt sich aber auch deshalb, da die vielen Details – vor allem als Arthur und Ben noch auf der Suche nacheinander sind – oft bereits ein Hinweis auf spätere Handlungen und Entwicklungen sind beziehungsweise im Rückblick noch einmal erklärt werden. Auch bei Harry Potter werden bereits im ersten Band Details erwähnt, die völlig abseitig erscheinen, aber in Band sieben entscheidend zum Ausgang der Geschichte beitragen werden. In abgespeckter Form finden die Leser dieses Spiel auch in Was ist mit uns wieder.

Eine Hommage an unser aller Leben

Auch thematisch gehen Albertalli und Silvera teils sehr subtil auf viele Punkte ein, die in unserem alltäglichen Leben Bestandteil einer fortwährenden Diskussion sind. Es geht zwischendurch immer mal wieder um Homophobie, Alltagsrassismus, soziale Unterschiede und Aufstiegschancen und natürlich um die erste Liebe, um die erste Beziehung und das erste Mal. Neben der Liebe geht es auch viel um Freundschaft, Vertrauen und manchmal auch um voreilige Schlüsse und daraus entstehende Missverständnisse, was wieder sehr an Gossip Girl erinnert.

Das Autorenteam verpackt somit so manch größere gesellschaftliche Frage in einer nicht ganz einfachen (aber wann ist Liebe schon einfach), aber sehr ansprechenden und nachvollziehbaren Liebesgeschichte. Zwei Jungen wachsen in einer der wohl aufregendsten Städte der Welt auf – oder verbringen dort zumindest einige Zeit – und werden mit den Problemen und Herausforderungen des Alltags konfrontiert. Eine Hommage an unser aller Leben sozusagen.

Ein lesenswerter Roman, allerdings nicht frei von Längen

Dennoch hat der Roman zwischendurch einige Längen. Während der erste Teil, als Ben und Arthur noch auf der Suche nacheinander sind, äußerst spannend und packend geschrieben ist und man richtig mit den beiden mitfiebert, kommt danach die eine oder andere Passage, die uns vermutlich näherbringen soll, welche Unsicherheit bei der ersten Liebe vorhanden ist, dass man nichts falsch machen will und wie doch vieles schief geht. Und natürlich sollen die zuvor aufgebauten Charaktere hier noch weiter ausdefiniert und weitergeschrieben werden. Das ist wie gesagt ganz nett, aber führt zu der einen oder anderen Länge in Was ist mit uns.

Becky Albertalli und Adam Silvera haben unabhängig voneinander bereits Bestseller geschrieben, in denen junge, hübsche homosexuelle Jungen sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen (Love, Simon oder Was mir von dir bleibt). In Was ist mit uns zeigen die beiden Autoren, wie gut sie harmonieren, wie ihre Erzählstile zusammenpassen und sie damit eine ansprechende und fesselnde Coming-of-Age-Geschichte kreieren. Gleichzeitig ist eben nicht alles in New York automatisch Gossip Girl und Upper East Side, sondern gerne auch etwas geerdet und „normales Leben“. Das Buch ist also sehr für die Nikolausstiefel der jungen Generation – Teenager, junge Erwachsene – aber auch für die Weihnachtstüten der „Erfahreneren“ geeignet, zeigt es doch auf sehr erfrischende Art und Weise, wie die junge Generation heute tickt.

Becky Albertalli & Adam Silvera: Was ist mit uns (OT: What If It’s Us); 1. Auflage 2019; Übersetzung: Christel Kröning, Hanna Fliedner; 416 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN: 978-3-03880-030-9; Arctis; 19,00 € 

HMS

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