Rechtens oder gerecht?

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Hinweis: Leichte Spoiler zum Verlauf der Handlung

Ferdinand von Schirach beschäftigt sich – ob nun als Gesprächspartner in Talkshows oder als Autor von Kurzgeschichten und Romanen, Theaterstücken und Drehbüchern – gern im Detail mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens und auch Sterbens, dies gern pointiert, jedoch nicht unfundiert, wenn auch manches Mal allein aus Unterhaltungszwecken verkürzt. 2019 verfilmte der Regisseur Marco Kreuzpaintner von Schirachs Roman Der Fall Collini, in dem es um die scheinbar grundlose Ermordung eines Großindustriellen durch den titelgebenden Fabrizio Collini geht.

Doch entblättert sich nach und nach ein Motiv, das weit in die Geschichte zurückreicht und schließlich auch beim skandalösen so genannten Dreher-Gesetz von 1968, das nichts anderes als die Verfolgungsverjährung für Verbrechen im Nationalsozialismus bedeutete, landet. Der Film wird heute Abend als Free-TV-Premiere im Ersten gezeigt und ist anschließend bis zum 9. August in der ARD-Mediathek verfügbar.

Waffen, Zigaretten und Unglaube

Der Film beginnt damit, dass im Jahr 2001 (wichtig, denn hier durfte man noch in Innenräumen rauchen und kein von Schirach ohne Zigaretten) ein noch namenloser Mann von Franco Nero hochgradig konzentriert gespielt, sich als Fabrizio Collini herausstellen stellen wird, in einem Luxushotel in die Präsidentensuite marschiert (im Buch ist es das Adlon, im Film vermuten wir, dass es das Waldorf Astoria ist), wo er den erwähnten Großindustriellen namens Hans Meyer (Manfred Zapatka) hinrichtet. Nach der Haftanhörung bemüht sich der junge Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) darum, das Mandat für die Pflichtverteidigung zu erhalten. Erst dann wird ihm klar, dass es sich bei dem Opfer des 70-jährigen Collini um seinen Ziehvater handelte. Er ringt damit das Mandat abzugeben, auch weil seine Jugendliebe und Enkelin des Getöteten, Johanna (Alexandra Maria Lara), ihn darum bittet. Doch nach einem Gespräch mit dem Juristen Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) entscheidet er sich, sich dem Konflikt auszusetzen und seinem Berufsethos zu folgen. Das beharrliche Schweigen seines Mandaten jedoch macht ihm die Verteidigung umso schwieriger. Leinen beginnt selber Ermittlungen anzustellen, womit er auch die Geduld von Oberstaatsanwalt Reimers (Rainer Bock) und der Vorsitzenden Richterin (Catrin Striebeck) strapaziert.

Leinen (Elyas M’Barek) muss bei Collini (Franco Nero) eine Mauer des Schweigens durchbrechen. // © ARD Degeto/Constantin Film Verleih

Im Grunde lässt sich die Geschichte in zwei große Teile splitten – zu Beginn die Tat, die Prozessanbahnung, das Abwägen des Verteidigers und das Schweigen des Beklagten und dann im zweiten Teil die Ermittlungen zu den Hintergründen, die im Grunde Treiber der Geschichte sind und uns in aufwändigen, teils auch aufzehrenden Rückblenden in Collinis Heimatdorf Montecatini bringen, in dem ein junger Hans Meyer (Jannis Niewöhner) als SS-Sturmbannführer zugange war. In diesem zweiten Teil spielt der Prozess im Grunde nur als Leinwand für die Erzählung der Geschichte eines Kriegsverbrechens eine Rolle.

Das macht aber insofern nur wenig aus, da sich weder von Schirach noch die drei Drehbuchautoren Christian Zübert, Robert Gold, Jens-Frederik Otto mit den juristischen Feinheiten aufhalten, sondern den großen Wurf einer Gegenüberstellung von „Was ist rechtens?“ und „Was ist gerecht?“ wagen und alles auf den bereits erwähnten Verjährungsskandal von 1968 zuläuft, in dem auch der von Lauterbach wunderbar abgeklärt und arrogant, aber nicht widerlich gegebene Richard Mattinger eine Rolle spielte. 

Der raffinierte Starjurist Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) vertritt die Familie von Johanna (Alexandra Maria Lara). // © ARD Degeto/Constantin Film Verleih

Großes Kino mit kleinen Schwächen

Bei der Art der Befragung Mattingers durch den idealistischen und zwar manchmal überrumpelten, aber immer selbstbewusst der Herausforderung begegnenden Junganwalt Leinen, den M’Barek glaubwürdig spielt, fühlen wir uns wie in einem Hollywood-Gerichtsthriller, wie überhaupt die ganze Inszenierung des offen schwulen Regisseurs Kreuzpaintner (der Mann mit dem Sommersturm) üppig, gediegen und weltkinotauglich ist. Auch die manchmal etwas laute, aber stimmungsvolle Musik von Ben Lukas Boysen hat eher Blockbuster- als TV-Film-Charakter, das ist fein. Vor allem hilft es auch dabei, die eine oder andere Drehbuchschwäche als im Sinne der Handlung für in Ordnung zu befinden und auch manche Länge im Mittelteil zu verzeihen. 

Dass die Rollen fein besetzt sind erfreut ebenso. Gerade Alexandra Maria Lara, die eine der weniger gut ausgestalten Figuren spielt, verleiht Johanna doch mehr Nuancen als die Drehbuchschreiber es nur durchs oft recht plumpe Wort vermochten. Feiner ausgearbeitet sind da manche Spitzen und kleine verbale Hiebe, derer sich Leinen durch die älteren Kollegen ausgesetzt sieht – die selbstgerechte und nicht selten schmierige Arroganz des Alters. Gerade da nahm sich doch der väterliche Hans Meyer aus und der soll nun Alt-Nazi sein? 

Die Tat ist eindeutig, das Motiv jedoch unklar: Oberstaatsanwalt Reimer (Rainer Bock, li.) und Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek) mit der Leiche des Industriellen. // © ARD Degeto/Constantin Film Verleih

Leider macht der Film (und womöglich auch die Buchvorlage) sich nicht die Mühe, auf die vermeintliche Wandlung der Täter von damals einzugehen. Oder war es keine, sondern nahmen sie nur eine Rolle an? Wo es beispielsweise in der Verfilmung von Der Überläufer klar ist, dass Wilhelm Stehauf (dort gespielt von Rainer Bock) überzeugter Nazi und Sadist ist und bleibt und Überläufer Walter Proska, gespielt von Jannis Niewöhner, der hier Täter, im Überläufer wiederum alles andere als das ist, wissen wir beim Fall Collini nicht, ob Hans Meyer sich einfach den Mantel des Gütigen übergeworfen hat. Die Geschichte konzentriert sich voll und ganz auf das Versagen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit, die unmenschlichen Verbrechen der NS-Zeit juristisch aufzuarbeiten oder drastischer formuliert: den teilweise unbestreitbaren Willen diese einfach „unsichtbar“ werden zu lassen.

Darin ist Der Fall Collini ein starkes Stück Aufarbeitung, das es schafft, eben jenes Verhältnis von Recht versus Gerechtigkeit ergänzt um Moral unterhaltsam und aufrüttelnd zu präsentieren. So hätte zwar auf das eine oder andere dramatische persönliche Element wie auch manches Pathos verzichtet werden können, dennoch ist die Literaturverfilmung von Marco Kreuzpaintner als Mischung von Krimi und Drama alles in allem so interessant wie wirksam.

Leinen (Elyas M’Barek, vorne) stößt mit Hilfe seines Vaters (Peter Prager) sowie Nina (Pia Stutzenstein) und Aike (Hannes Wegener, re.) auf erschütternde Dokumente. // © ARD Degeto/Constantin Film Verleih

Der Fall Collini läuft heute um 20:15 im Ersten (Wiederholung 02:45 Uhr) und ist bis zum 9. August in der ARD-Mediathek abrufbar. 

Der Fall Collini; Deutschland 2019; Regie: Marco Kreuzpaintner; Drehbuch: Christian Zübert, Robert Gold, Jens-Frederik Otto, basierend auf dem Roman von Ferdinand von Schirach; Musik: Ben Lukas Boysen; Kamera: Jakub Bejnarowicz; Darsteller*innen: Elyas M’Barek, Franco Nero, Manfred Zapatka, Alexandra Maria Lara, Heiner Lauterbach, Rainer Bock, Catrin Striebeck, Jannis Niewöhner, Peter Prager, Sina Reiß, Hannes Wegener; Laufzeit: ca. 123 Minuten; FSK 12

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