Das schöne und geistige Buch

Welch bessere Gelegenheit gäbe es, als ein Buch, das Der schöne Deutsche heißt, um eine Besprechung mit der möglichen Schönheit von Büchern einzuleiten? Eben. Die Biografie des Gottfried von Cramm, eines der besten Tennisspieler aller Zeiten, begeistert optisch nicht nur durch das sorgsam ausgewählte Foto auf dem Cover, sondern durch ein durchgehend eingehaltenes Farbkonzept von weiß, orange und sepia. Dazu ist, wenn wir den Schutzumschlag beiseitelegen das Buch so strukturiert, dass der Rezensent immer wieder darüber streichen musste. Eine Struktur, die auch wenn es hier um Tennis gehen soll, ebenso ein wenig an die eines Golfballs erinnert.

Es reißt uns vom Hocker

Doch, so ist das eben auch, sollte ein Buch nicht nur durch gutes Aussehen (und Geruch), sondern ebenso durch seinen Inhalt überzeugen. Und was soll dazu gesagt werden? Auch da bleibt es in der von Jens Nordalm verfassten, aufwendig recherchierten und zumeist gut strukturierten im Rowohlt Verlag erschienen Biografie Der schöne Deutsche – Das Leben des Gottfried von Cramm über diesen Menschen, der fast schon ein wenig zu gut zu sein scheint, zeitlebens Männer wie Frauen liebte, wenn auch aufgrund seiner Lebenszeit von 1909 bis 1976 nur letztere ehelichte, der ein galanter, aber nie arroganter, den Tennis genauso leidenschaftlich liebender und lebender wie das Ende der 20er- und den Beginn der 30er-Jahre Tausendsassa war, durchaus schön.

Der Rezensent muss (zu seiner Schande?) gestehen, vor dem Buch Gottfried von Cramm, der auch als Tennis-Baron bezeichnet wird und aus ältestem Adel stammt, nur als Nebengeräusch im Halbbewusstsein gehabt zu haben, da ändert es auch nichts, dass die taz ihn einmal, wie Nordalm in seiner Einleitung schreibt, als „schwulen Antifaschisten“ bezeichnete. Ob Jens Nordalm davon ausgeht, dass es manchen Leserinnen und Lesern so geht? Wer weiß. Jedenfalls geht er gleich zu Beginn in eine bezeichnende Szene in den USA aus dem Jahr 1937, die nicht nur von Cramms Wesen, sondern vor allem auch seine Wirkung auf Publikum und die internationale Welt verdeutlicht. Nur so viel: Es hielt niemanden auf den Protest-Stühlen.

Nicht nur ein Mann, eine ganze Zeit

Fortan dürfte es egal sein, inwieweit der Name bisher für eine Person von Bedeutung war, wir möchten wissen, wer dieser „vornehme, bescheidene und freundliche“ Mann, dieses „Gegenmodell zu den Nazis“ ist. Das arbeitet Nordalm, der unter anderem Philosophie und deutsche Literatur und Sprache studiert hat, auf den kommenden gut 250, reich und wunderbar vielseitig bebilderten Seiten heraus. Doch nicht nur das.

Nein, der Autor, der wie erwähnt intensiv für Der schöne Deutsche recherchierte, unter anderem im Archiv der Familie von Cramm auf Schloss Bodenburg, das 1905 durch die Hochzeit der Mutter Gottfried von Cramms, Jutta von Cramm, geborene von Steinberg-Brüggen, auf die von Cramms überging, zeichnet auch das Bild einer Familie, einer nicht nur beinahe neidisch-machenden Mutter-Sohn-Beziehung.

Ebenso ist es die Geschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist ein Who-is-Who der Berliner Partyszene der erwähnter späten 20er- und Frühren 30er-Jahre, voller feiner Bonmots zu der Zeit von unter anderem Franz Hessel oder Curt Moreck. Wir gehen gemeinsam mit Gottfried von Cramm und seiner damaligen Frau Elisabeth „Lisa“ von Cramm, geborene von Dobeneck, die auch lesbischen Liebschaften zugetan gewesen sein soll, ins Eldorado, treffen dort Marlene Dietrich, Gustaf Gründgens, Alfred Kerr, Jean Cocteau und einige mehr. Weiter in die Jockey Bar oder die Sherbini-Bar, auch mal ins Ciro, wohin auch Gottfrieds Mutter „Jutta von Cramm mit ihren Söhnen ganz selbstverständlich [geht], wenn sie in Berlin ist.“

Lebendigkeit kennt keine Grenzen…

Diese Zeit lässt Jens Nordalm unglaublich lebendig werden; durch seinen sehr direkten, aber uns nie zu Leibe rückenden Schreibstil, schafft er es uns diese Zeit beinahe nachfühlen zu lassen. Wohl auch nicht umsonst dankt er am Ende des Buches Florian Illies, der im Übrigen in seinem gerade erschienen Titel Liebe in Zeiten des Hasses* das Buch Jens Nordalms in der Bibliographie erwähnt.

Genauso lebendig beschreibt der Leiter des Feuilletons des Magazins Cicero aber auch die Momente der Familie auf ihren Gütern; gibt uns dazu sehr willkommene, kleine Informationen, mit denen wir auf kommenden Zusammenkünften ein wenig augenzwinkernd angeben können. Wie jener, dass das Schloss Oelber als Schlosskulisse für den Film Das Spukschloss im Spessart mit Liselotte Pulver diente. 

Beinahe mitfiebern lässt er uns bei so mancher Beschreibung der Tennisturniere, derer es nicht wenige, aber auch nicht überbordend viele im Buch gibt und von denen auch Menschen, die keine besondere Affinität zu diesem Sport haben, angetan sein dürften. Jens Nordalm gibt diese mit einer Spannung wieder, dass es beinahe völlig gleich ist, um welchen Sport es sich hier handelt. Dass er dabei ebenfalls andere große Spielerinnen und Spieler der Zeit zu Wort kommen lässt, auch in Bezug auf ihr freundschaftliches Verhältnis zu Gottfried von Cramm, zieht uns nur noch tiefer in diese Welt hinein. Wir sind dabei, es interessiert.

…bis die Gestapo kommt

Wenn der Autor dieses große Interesse auch an mancher Stelle ein kleinwenig auf die Probe zu stellen versucht. Einige Kapitel enden mit einem Sprung zurück und wir wissen nicht wie lang, werden dann teils recht unvermittelt in eine gänzlich andere Situation geworfen. So kurz vor Schluss eines aufreibenden Matches und plötzlich wieder Berlin? Eine Erklärung in einem der letzten Kapitel mag uns damit versöhnen: Nordalm wollte uns nicht den Schwung nehmen. 

Ein treffend gewähltes Wort, sowohl in Bezug auf die beschwingte Berliner Zeit, als auch auf das Tennisspiel von Gottfried von Cramm, der vor allem für seinen Aufschlag bewundert und gefürchtet, wie auch für sein Fair-Play geschätzt wurde. In Deutschland wie im Ausland. Doch auch das schützte ihn, inzwischen von Lisa von Cramm geschieden, nicht im März 1938 von der Gestapo wegen Vergehen nach dem von den Nazis inzwischen verschärften § 175 RStGbB festgenommen und nach einer „im pseudojuristischen-rassistischen Nazijargon“ gehaltenen Verurteilung ins Gefängnis gesperrt zu werden.

Durchaus glücklich könnte er sich hier geschätzt haben, vermuten wir, vermutet auch Nordalm, wurden doch viele homosexuelle Inhaftierte bereits zu der Zeit in die Konzentrationslager gebracht. Eine Person, die vor allem für seine Freilassung kämpft, ist seine Mutter, die in ihren reichlich zitierten, teils bitteren, teils wunderbar süffisanten, Tagebucheinträgen nie auch nur ein schlechtes Wort über Gottfried von Cramms Liebe zu Männern verlor. Eher ist durch ihren Kampf um seine Freilassung wie durch ihre Gastfreundschaft seinen Freunden gegenüber eine ebenso freigeistige Haltung bei ihr zu vermuten, wie bei Weggefährten wie Hubert von Meyerinck. Weggefährtinnen und -gefährten der von Cramms gibt es ohnehin einige, oder wenigstens Bekanntschaften – immer wieder können wir erstaunt sein, welchen illustren und vielfältigen Namen wir begegnen.

Besser damals als heute?!

Nicht zuletzt ist Der schöne Deutsche auch eine reflektierte Bestandsaufnahme, nicht nur, wenn Nordalm anmerkt, dass das Urteil gegen Gottfried von Cramm immerhin bis zum 17. Mai 2002 galt, als sich ein sehr träges Deutschland endlich einmal dazu herabließ, diese „nationalsozialistischen Unrechtsurteile“ aufzuheben. Sondern auch, wenn er, der ebenfalls Geschichte studiert hat, Momenten des Lebens und Erlebens von damals durch kleine, elegant eingeflochtene Einschübe, eine sehr konkrete Heutigkeit gibt. 

Zuweilen geht das allerdings auch sehr deutlich, etwa wenn wir erfahren, wie sehr Gottfried von Cramm nach einer kurzen Hoffnung des Aufbruchs mit der jungen, bleiernen, Bundesrepublik hadert, diese ihn auch hindert, wie überhaupt die Welt ein Stück bigotter geworden ist und wir hier auch die Tragik einer scheinbar für Großes geschaffenen Existenz erfahren, die zwar auch später nie hinten runterfällt, aber auch nie mehr den Glanz von einst erfahren darf, und Jens Nordalm nun im Vergleich zu den Jahren um 1930 schreibt: „Den Menschen um Lisa und Gottfried von Cramm fühlen wir uns näher als den Menschen dieses Nachkriegsdeutschlands – und wenn es dieselben sind.“ Dieses Nachkriegsdeutschland ist auch noch jetzt.

AS

*Das Buch Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929 – 1939 von Florian Illies ist am 27. Oktober bei S. Fischer erschienen. Unsere Besprechung folgt demnächst. 

Jens Nordalm: Der schöne Deutsche. Das Leben des Gottfried von Cramm; 1. Auflage, September 2021; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen; 288 Seiten, zahlreiche Abbildungen; ISBN: 978-3-498-00207-7; Rowohlt Buchverlag; 24,00 €; auch als eBook erhältlich

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