Eine bedrohte Wunderwelt

Beitragsbild: Links das Cover & rechts ein Koala, der nicht nur was Besonderes ist, weil er auch mal in australischen Weihnachtsbäumen sitzt. // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Neid ist glücklicherweise eine Empfindung, die mich nur äußerst selten befällt. Beim Blättern, Anschauen und Lesen des Prachtbandes Geheimnisse der Tierwelt – Phantastische Illustrationen von Ben Rothery jedoch überkam mich dieses Gefühl an der einen oder anderen Stelle. Das lag nicht an den fantastischen Illustrationen Rotherys. Um seine Zeichenkunst beneide ich ihn nicht, was das angeht, bin ich lieber Betrachter statt Produzent. Nein, ich empfand einen leichten Neid darauf, dass er seine Kindheit und Jugend zwischen Großbritannien und Südafrika verbrachte. Dass er faszinierende Tiere aus der Nähe beobachten konnte. Dass er mit Helmperlhühnern aufgewachsen, dem Klippschliefer begegnet und mit Brillenpinguinen geschwommen ist. Ich freue mich für ihn, aber ich hätte das auch gewollt.

Zebra – gut geschützt durch den Motion-Dazzle-Effekt, den Ben Rothery im Band beschreibt. // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Nun, letztlich leben wir alle immer irgendwie auch durch andere und in dieser Hinsicht ist der zwar nur kaum einhundert Seiten dicke, aber inhaltlich geballte und an faszinierenden, detailgenauen und lebensechten Illustrationen reiche, im Januar im Frederking & Thaler Verlag erschienene, großformatige Text-Bildband quasi perfekt. Er lässt uns in die, wie es der Titel ganz richtig verspricht, geheimnisvollen und phantastischen Tiefen der Tierwelt eintauchen und lädt dabei immer wieder zum noch einmal Zurückblättern und erneut Betrachten ein.

David Attenborough und Indiana Jones

In seinem Vorwort beschreibt Rothery, dass er sich als „frustrierten Naturkundler bezeichnet, der im Körper eines Zeichners gefangen lebt“ und der als Teenager immer eine Mischung aus David Attenborough und Indiana Jones sein wollte. Nun erforsche er die Natur eben übers Zeichnen und Schreiben, dabei ginge es ihm jedoch nicht nur um möglichst präzise Tierbilder, sondern auch das Wissen und das Verständnis, „was sich unter Fell und Gefieder abspielt.“ Diese auch nach wie vor noch beinahe kindliche Neugier ist Geheimnisse der Tierwelt durchweg anzumerken. Es entsteht der Eindruck, dass er die Texte nicht nur für die Leser*innen schreibt, sondern sie auch gern selber als Informationswerk heranziehen wird.

Ein Zwerg- und ein Pantherchamäleon. Auch ihre Vielseitigkeit erläutert Ben Rothery. // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Gegliedert ist das Buch in Teile wie „Verborgene Beziehungen“, „Verborgene Familienbande“, „Verborgene Fähigkeiten“, „Tarnung“ und „Federn“, „Sexualdimorphismus“ oder „Konvergente Evolution“. Dabei gibt es neben vielen hochinformativen Dingen auch allerlei Kurioses zu erfahren. Zum Beispiel dass der Fangscherenkrebs mit seinen meist verborgen liegenden Gelenkarmen sein Ziel in einer so hohen Geschwindigkeit angreift, dass die dabei erzeugte Energie das „aufgepeitschte Wasser zum Kochen bringt.“ Kann sich der Krebs zur Beute also noch ein Ei machen. Allerdings sicherlich kein Okaritokiwi-Ei, denn die Eier dieses kleinen Laufvogels sind bis zu sechsmal größer als Hühnereier, wie wir lernen.

Kraken: Hochintelligent, vielseitig und unglaublich spannend. // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Rothery geht dabei, wie der Aufteilung zu entnehmen ist, also nach Eigenarten, Verhaltensweisen und bestimmten Mustern, Lebensweisen und so weiter der verschiedenen Tiere vor. Dabei erläutert er aber auch die Lebensräume und -bedingungen, die ja ohnehin im Zusammenhang mit den diversen Besonderheiten und Anpassungen stehen. Sei dies dann durch konvergente Entwicklung (wie beispielsweise bei Fledermäusen und Vögeln) oder sei es die sich unterscheidende Entwicklung von Tieren einer Spezies, wenn sie isoliert leben, was bis zur Entstehung völlig neuer Arten führen kann. 

Geschlechtswechsel, Tarngefieder und Halswirbel

Generell wäre das Wort „Anpassungsfähigkeit“ als Zwischenüberschrift beinahe eines jeden Kapitels verwendbar. Ob nun die Anemonenfische, die ihr Geschlecht wechseln können, der Klippschliefer, der an den Hängen des Tafelbergs durch seine Fußsohlen hin- und herspringen kann, die Großkatze Nepelparder, die vorrangig in Bäumen lebt und sich perfekt tarnen kann, oder eben die auch als Eselspinguine bekannten Brillenpinguine, die durch ihr schwarz-weißes Gefieder im Wasser förmlich verschwinden (wobei das für nahezu alle Pinguine gilt, es sind ja nicht umsonst die besten Tiere der Welt).

Der Nebelparder ist die kleinste aller Großkatzen und lebt vor allem in Bäumen. Aber es gibt noch mehr zu erfahren… // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Sehr interessant sind auch die Verwandtschaftsverhältnisse, die Rothery hier „aufdeckt“ nachdem er uns zuvor von Kommensalismus, Mutualismus und Parasitismus berichtet hat. So ist der engste Verwandte des kleinen Klippschliefers ganz naheliegend der Elefant (wieso das so ist, bleibt allerdings leider ein Geheimnis) und das eher gedrungene Okapi hat genauso viele Halswirbel wie die Giraffe. Ebenfalls bleibt nicht unerwähnt, dass die eigentlich in Südamerika heimischen, extrem coolen Nandus sich inzwischen auch erfolgreich in freier Wildbahn in und bei Lübeck angesiedelt haben, wovon man ja durchaus bereits gehört haben kann.

Die Harpyie: Nicht grundlos nach einem Mischwesen der griechischen Mythologie benannt und es gibt viel zu erfahren. // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Einen gefühlt recht großen Raum nehmen in verschiedenen Varianten die Vögel und ihre Lebenswelten ein. Ob nun die diversen Laufvögel (hier wird auch mit dem Kopf-in-den-Sand-stecken aufgeräumt), Flamingos und ihre Knie, Eulen, Pinguine, die beeindruckende und respekteinflößende Harpyie, die verschiedenen Paradiesvögel und der wunderbare Kakapo. Dazu erläutert er noch das „Geheimnis der Farbe“ der teils aufregenden Gefieder von Nektarvögeln, Kolibris (auch, wieso diese sich teils so ähnlich sehen, obschon sie eigentlich kaum etwas miteinander zu tun haben) und eben Paradiesvögeln. Außerdem erklärt er ausführlich die Strukturen von Federn, die er als eine der „komplexesten und fantastischsten Strukturen in der Natur“ bezeichnet. Ja.

Vakanz-Kette statt Mietendeckel

Doch wir erfahren auch, was es mit der Vakanz-Kette bei Einsiedlerkrebsen auf sich hat (auch für uns Menschen interessant und sicherlich zielführender, als Mietendeckel und Enteignung), warum der Komodowaran trotz Einzelgängertum in Gruppen jagt und wieso ein Biss zum Töten der Beute reicht und warum eigentlich die Löwinnen die ganze Arbeit machen und die Löwen primär brüllen und Duftmarkierungen setzen. 

Ganz verschiedene Federn im Detail. // Bild: © Ben Rothery/Frederking & Thaler Verlag

Was den subjektiven Lernfaktor des grandios und aufwendig gezeichneten Bandes angeht, kommt es auch darauf an, inwieweit sich die Leser*innen bereits mit diesen Themen befasst haben. Einiges in dem Band war mir gänzlich neu, anderes hatte ich im Hinterkopf und wieder anderes ist durch Dokumentationen, andere Bildbände und Reisen durchaus sehr präsent. Spaß macht das Buch aber in jedem Fall, allein schon, wie erwähnt, dank der wirklich fantastischen Illustrationen. Und die Texte sollten sowohl jüngere als auch ältere Interessierte ansprechen. In Anbetracht des Aufwands, der Liebe zum Detail und der Vielseitigkeit ist im Übrigen auch der Preis von knapp dreißig Euro nahezu lächerlich gering.

Bewusstsein und Wertschätzung

Nicht zuletzt, und da sind wir dann wieder bei David Attenborough, schildert Ben Rothery auch, wie gefährdet all die phantastisch illustrierten und bemerkenswerten Tiere sind. Er beschreibt knapp, aber eingängig (auch dank einer für jeden verständlichen Grafik des Nahrungsnetzes der afrikanischen Savanne), die komplexen Verbindungen von Ökosystemen und Nahrungsnetzen. Beginnend bei der Pflanze und sich von dort auffächernd und welche Auswirkungen schon nur das Entfernen eines einzelnen Organismus haben kann. 

So trägt der wunderbare Band Geheimnisse der Tierwelt eindrücklich, unterhaltsam und ausgezeichnet dazu bei, mehr Aufmerksamkeit zu schaffen, auch indem wir die Tierwelt besser verstehen und schätzen lernen.

AS

Ben Rothery: Geheimnisse der Tierwelt – Phantastische Illustrationen; 96 Seiten; ca. 120 Abbildungen; Übersetzung aus dem Englischen: Marcus Taeschner; Hardcover; Format: 28,0 x 37,8 cm; ISBN: 978-3-95416-337-3; Frederking & Thaler Verlag; 27,99 €

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