Einfach mal „all die Arschlöcher“ erledigen

Im Polizeiruf 110: Sabine reicht es eben dieser gehörig und dabei hinterlässt sie eine Schneise der Verwüstung. König, Bukow und Team tappen lange im Dunkeln, was in diesem schlüssigen und dichten Film auch am Persönlichen liegt.

Wann ist dieser Moment erreicht, in dem es einfach reicht? Wann ist der Punkt gekommen, an dem ein Schalter umgelegt wird? Jemand beginnt aus Fantasien Realität werden zu lassen, alles auf Links dreht, das Innere nach Außen treten lässt? Bei Sabine (Luise Heyer) jedenfalls ist es der Moment als sie glaubt, nun endgültig nichts mehr zu verlieren zu haben. Ihr Leben – ein Scherbenhaufen. Der Job – so gut wie weg. Der Strom – abgestellt. Der Sohn – soll nicht aufs Gymnasium, weil sie (!) damit überfordert wäre. Zuerst richtet sie die Waffe gegen sich selbst. Doch dann der Gedanke: Warum nicht erst einmal für ein wenig Gerechtigkeit sorgen?

Nichts zu verlieren und viel zu erledigen

Das ist die sehr sozialkritische und emotional aufreibende Ausgangslage des neuen Rostocker Polizeiruf 110: Sabine, die der Film beinahe das erste Drittel über erzählt. Was zu keinem Moment langatmig wirkt, da es uns Zuschauer:innen so ermöglicht, uns in die Figur Sabine, quasi eine Wendeverliererin der zweiten Generation, einzufühlen, ihre Ambivalenzen zu erkennen und so ebenfalls nicht einseitig zu empfinden, was ihre späteren Taten angeht. Insbesondere den ersten Schuss, den sie abgibt, dürften viele als einen „Gut so“-Moment empfinden. Nur dass es bei uns eben in der Fantasie verbleibt.

Sabine (Luise Heyer) mit dem sympathischen Nachbarn Jörg Funkel (Helge Tramsen) und Ehefrau Paula (Berit Künnecke) im Fahrstuhl. // © NDR/Christine Schroeder

Ebenso treffen wir auf eine veränderte Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und einen ruhigeren und, wie er sagt, klar sehenden Alexander Bukow (Charly Hübner). Der Tod seines Vaters scheint die Dinge für ihn sortiert zu haben und so wie er geerdeter auftritt tut dies auch König, die sich wieder in ihrer Rolle als Profilerin einfindet, dabei schlagfertig bleibt, ohne um sich zu schlagen. Außerdem haben König und Bukow zueinander gefunden, irgendwie. Wie so vieles zwischen ihnen ist das noch nicht so recht definiert und neben der Trauerfeier für den Vater, dem Auftauchen von Bukows Halbschwester Melly (Lina Beckmann) und einer möglichen Erkrankung von Chef Henning Röder (Uwe Preuss), bleibt dafür auch gar nicht so viel Zeit. 

Nach einer durchgesungenen und durchgesoffenen Trauerfeier-Nacht müssen die beiden Kriminalhauptkommissare schließlich zum ersten Tatort und sind erst einmal einigermaßen ahnungslos. Einen Hinweis allerdings gibt es: Der Ermordete arbeitete in der alteingesessenen Arunia-Werft, die dichtgemacht und abgewickelt werden soll – in Rostock und Umgebung kennt man das aus dem wahren Leben. Da tobt ein Kampf zwischen Arbeitern, Gewerkschaft und Management. Steht der Mord damit in Verbindung?

Viele Konflikte und viel Gefühl

Steht er nicht. Außer jenem, dass Sabine dort in der Kantine tätig ist. Es dauert lange bis König, Bukow, Pöschel (Andreas Guenther) und Thiesler (Josef Heynert) auf die richtige Spur kommen. Sabine mordet weiter, Rechnungen wollen beglichen werden.

Der Fall gibt dem Team Rätsel auf (v.l.n.r. Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Andreas Guenther, Josef Heynert). // © NDR/Thorsten Jander

Für uns Zuschauer:innen ist zwar von Beginn an klar, wer hier mordet, jedoch nicht immer, wer ermordet werden wird. Denn im ausführlichen ersten Akt melden sich sozusagen verschiedene Personen zum „Opfer der Stunde“ an: Ein prügelnder Nachbar, der großkotzige Manager der Werft, der nicht ganz saubere Gewerkschaftsführer selbiger, ihr Berater bei der Agentur für Arbeit, ein ehemaliger Freund und Bankberater, der sie um einiges Geld gebracht zu haben scheint, die dezent versnobte Lehrerin, … die Liste ist durchaus nicht zu kurz geraten. Und Sabines Frust und Wut sind ausgeprägt. Und darüber, wie die Sache für sie ausgehen wird, macht sie sich ohnehin an keiner Stelle Illusionen.

Hier ist auch ganz tolles Schauspiel-Kino von Darstellerin Luise Heyer geboten, die eine Frau kurz vor dem Zerbrechen darstellt, apathisch und bitter durch die Gegend streifend, nach und nach mit ihrem Leben und sich abschließend, versuchend die letzten Dinge zu regeln, irgendwie. Bis dann dieser erste, eine Moment der vermeintlichen Freiheit kommt: Der erste Schuss. Nun wird sie von der von ihrem Umfeld sozial und emotional Geschändeten zur bestimmenden Rächerin (und nebenher talentierten Lügnerin). Dieser schleichende Wandel zeichnet sich auch in jedem Moment im Mienenspiel von Heyse ab.

Karaoke zu Ehren Veit Bukows (Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner) trällern Ton Steine Scherben. // © NDR/Christine Schroeder

Sehr passend dazu sind auch die Wechsel, insbesondere zu Beginn, im Takttempo des Gezeigten. Die Regie von Stephan Schaller gibt einer Sabine die Ruhe zum Verzweifeln und Bukow den krachigeren Abschied vom Vater sowie das gemeinsam von ihm und König mit Rio Reiser besungene emotionale Annähern auf dessen Trauerfeier. Dieser Takt dreht sich später – laufen die Ermittlungen durch das ganze persönliche Drumherum nicht nur schleppend, sondern auch für uns getragen, legt Sabine ordentlich an Tempo zu.

Überzeugend und traumatisch

Die gut geschriebene (Drehbuch: Florian Oeller), einnehmende, spannende, toll inszenierte und dargestellte und vor allem sehr schlüssige (!) Geschichte lenkt allerdings nicht davon ab, dass hier ein zutiefst deprimierendes und frustrierendes Thema behandelt wird. Hinzu noch eines mit einigem Traumapotenzial.

So sei an dieser Stelle auf zweierlei hingewiesen: Personen, die sich zuletzt vielleicht schon ein wenig neben der Spur oder nicht sonderlich wohl fühlten, emotional mit all den Corona-bedingten Einschränkungen zu kämpfen oder auch sozial direkt darunter zu leiden haben, sich depressiv fühlen, bzw. es sind, sollten von diesem Film womöglich eher absehen. Zweitens: Auf der Homepage vom Ersten sind im Rahmen des Polizeiruf 110: Sabine ein paar Fragen und Antworten zu Depressionen, sowie Hotlines für Betroffene und Angehörige (insbesondere auch Kinder) zu finden. Auf diese wird auch am Ende des Films verwiesen. 

Ansonsten gilt: unbedingt sehenswert!

Charly Hübner (Alexander Hübner), Luise Heyer (Sabine Brenner), Anneke Kim Sarnau (Katrin König) // © NDR/Christine Schroeder

Polizeiruf 110: Sabine: Heute um 20:20 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Polizeiruf 110: Sabine; Deutschland, 2021; Regie: Stephan Schaller; Drehbuch: Florian Oeller; Kamera: Tim Kuhn; Musik: Johannes Lehniger; Redaktion: Daniela Mussgiller; Produzent:innen: Iris Kiefer, Nikola Bock; Darsteller:innen: Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner, Luise Heyer, Andreas Günther, Josef Heynert, Uwe Preuss, Lina Beckmann, Ilja Bultmann, Hendrik Heutmann, Alexander Hörbe, Lea Willkowsky, Lucas Prisor, Sara Fazilat; Laufzeit ca. 88 Minuten; Eine Produktion der Filmpool fiction GmbH im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für Das Erste 

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.