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„Es fühlt und denkt mich“

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„Nun hab dich mal nicht so, das wird schon.“ – „Du musst nur an was Schönes denken!“ – „Wenn du einfach sagst ‚ich trinke das Glas jetzt nicht‘, reicht das doch.“ – „Ey, du bist echt so ein Hypochonder! Krass, voll lustig.“ – Diese und andere Sätze dürfen sich viele psychisch Erkrankte gern anhören. Ob nun Depressive, Suchterkrankte, Phobiker, Zwangserkrankte oder andere. Mal weil die Erkrankung nicht bekannt ist, mal weil es dem Gegenüber schlicht unangenehm ist oder es einfach kein Verständnis für derlei „Spinnereien“ hat. 

Der Journalist und Buchautor Kester Schlenz hat sich daran gemacht in seinem Erfahrungsbericht Ich bin bekloppt… und ich bin nicht der Einzige von seiner psychischen Krise zu erzählen. Seinen Weg zu der Erkenntnis, dass er das allein nicht mehr schaffen würde, der Suche nach einem Therapeuten, seinem Aufenthalt in einer Klinik und mehr. Schlenz, der unter einer Zwangserkrankung leidet, berichtet neben seiner Geschichte über „den Weg hinaus aus der Hölle im eigenen Kopf“ auch von anderen Erkrankten und gibt allgemeine Hinweise und Informationen, die für Betroffene oder Angehörige von großem Nutzen sein können. Ebenso wirbt er für mehr Verständnis und Akzeptanz gegenüber psychisch Erkrankten. Das gelingt in der Kürze alles in allem erstaunlich gut und ist dabei noch unterhaltsam, wenn auch an mancher Stelle forciert „lustig“, was aber absolut zu verschmerzen ist.

Mehr als nur ein Erfahrungsbericht

Zu Beginn berichtet Kester Schlenz erst einmal, wieso er dieses Buch gar nicht hätte schreiben sollen, jedenfalls wenn es nach der Meinung einiger Kolleg.innen und Freund.innen gegangen wäre. Schließlich exponiert er sich damit sehr und könnte so schnell der Verrückte sein. Dem hält Schlenz entgegen: na und?! Außerdem sei es gerade aus diesem Grund wichtig, mit der eigenen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und den Terminus „psychische Krankheit“ ein wenig vom ihm anhaftenden Stigma zu befreien. Ähnliches ließe sich genauso über Outings von Schauspieler.innen, Spitzensportler.innen oder, was weiß ich, Torhüter.innen sagen, das mal so am Rande. 

Weiter geht es mit einer Art Überblick. In den treffend bezeichneten Kapiteln „Was? Du auch?“, „Der unsichtbare Feind – Es kann jeden erwischen“ und „Wie es sich anfühlt, psychisch krank zu sein“ arbeitet Schlenz in erster Linie seine eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen auf und nutzt diese als Beispiel für mögliche Ab- und Verläufe, geht aber auch hin und wieder ins Allgemeine, zieht Co-Patient.innen aus seiner Zeit in der Klinik oder Menschen aus seinem Umfeld heran.

Das, sein kumpelhafter Schreibstil und die thematische Gliederung, die hin und wieder auch Zeitsprünge zulässt, lassen das Buch bei allem Ernst fließend und angenehm lesbar sein. Insbesondere für Leserinnen und Leser, die Ich bin bekloppt… in einer Zeit, in der sie sich vielleicht noch unsicher sein mögen und ein wenig Orientierung suchen, dürfte das durchaus hilfreich sein.

So auch das folgende Kapitel „Das Therapeuten-Bingo“, in dem es darum geht, wie langwierig und auch aufwühlend die Suche nach einer passenden Therapeutin oder einem Therapeuten sein kann. Insbesondere wenn es einem nicht gut geht, ist diese Suche natürlich entsprechend quälend und stellt einen auch immer wieder vor die Herausforderung des Weitersuchen-Wollen-Müssens. Hier gibt Kester Schlenz hilfreiche Hinweise für „Neulinge“.

„In der Klapse“ mag nicht für alle etwas sein

Aber – jetzt kommt es – das Kapitel „In der Klapse – Bericht aus dem Inneren einer psychosomatischen Klinik“ könnte gerade diesen nach Orientierung Suchenden im schlimmsten Fall eher Angst machen statt sie ihnen zu nehmen. Er beschreibt den Alltag so realitätsnah wie möglich und macht deutlich, dass eine Klinik keine tote Zone ist, dass Patienten Menschen sind und es absolut auf einen selber ankommt, ob es gelingt sich dort einzurichten oder eben nicht. Er beschreibt völlig treffend die Empfindungen, die beim Ankommen in der Klinik aufkommen können, die ersten Zweifel, die Sorge um das Leben „dort draußen“, er beschönigt da nichts. Berichtet weiter von der Herausforderung von Konfrontationstherapien; von anderen Patientinnen und Patienten, von denen man nicht jeden mögen kann, aber auch von der Möglichkeit von Freundschaften. Dennoch mag es für Personen, die ihre ersten Schritte in Richtung Therapie gehen möchten, erst einmal abschreckend sein, einen Klinikaufenthalt in solch ausführlicher Klarheit geschildert zu bekommen. Vielleicht überspringt man diesen Teil in jenem Fall fürs Erste und nimmt sich seiner zu einem späteren Zeitpunkt an.

Therapie ist ein schwieriges Feld. // © the little queer review

Hinzu kommen Einschübe des Autors, in welchen er das Konzept „grundsätzliche medizinische Versorgung“ als Auslegungssache entlarvt und auch sachliche Kritik an seiner Klinik übt, die man dort aber nicht hören wollte und sie direkt auf seine Krankheit schob. Eine Sache, die Schlenz mit dem Kommentar abtut, er wolle dort auch keine Revolution starten. Klar, doch allein die von ihm an dieser Stelle angesprochene Problematik wäre ein eigenes Buch wert. Mir persönlich gefielen diese Momente, anderen mögen sie als unpassend erscheinen. 

Nach diesen zwei sehr ausführlichen und sehr wichtigen Kapiteln, die, wie Schlenz auch selber schreibt, im Grunde das Herz des Buches sind, geht es dann geraffter und teilweise wieder ein wenig allgemeiner weiter. Eine kleine Übersicht über diverse Formen psychischer Erkrankungen; der mögliche, positive Ablauf eines Therapeutengesprächs (am Beispiel eines sehr fokussierten Therapeuten); ein paar Gedanken zu der Rolle, die das persönliche Umfeld spielt; was tun bei Suizidgedanken; Medikamente; Ursachenforschung; Entspannungstechniken; Lese- und Hörtipps; etc. … 

Die Offenheit, mit der Kester Schlenz uns an das Thema heranführt oder, für diejenigen, die sich aus welchen Gründen auch immer bereits damit befasst haben, in seine Geschichte und Art des Umgangs damit einweiht, ist beachtlich. Es gibt ein, zwei ähnliche Bücher zum Thema Alkoholismus und auch Depression (eines davon empfiehlt er), doch ist eine Erkrankung wie seine noch mal ein etwas anderes Thema. Warum, das wird einem auch durch manch eine Anekdote, die er zu erzählen weiß, klar. Natürlich abgesehen davon, dass eine Erkrankung in ihrer Folge eine andere nach sich ziehen oder mit sich bringen kann, aber auch das unterschlägt er natürlich nicht.

Ohne ein stabiles Umfeld ist alles ungleich schwieriger

Hilfreich für Kester Schlenz war es sicherlich, dass er ein ihn alles in allem unterstützendes Umfeld hatte. Seien es seine Ehefrau Gesa, seine damalige Chefin Anne Volk oder auch sein erster Therapeut und später guter Freund Martin. Dieses emotionale Polster haben natürlich nicht alle, allerdings, gerade wenn das nicht gegeben ist: Ein guter Grund mehr, sich „externer“ Unterstützung zu versichern.

Doch gerade wenn man auf queere Menschen blickt, ist ein stabiles Umfeld in so einigen Fällen leider nicht gegeben. Sei es aufgrund doppelter Scham, vor allem für Leute die gegenüber ihrer Familie und dem weiteren Umfeld vielleicht noch ungeoutet sind. Oder aber diejenigen, die dazu stehen, deren Homo-, Bi- oder Transsexualität jedoch schlicht nicht akzeptiert wird. Situationen, in denen man sich selbst entgleitet und dann sagt die Mutter zu ihrem Kind so etwas wie „Hättest du dir ein weniger schweres Leben ausgesucht, wärst du jetzt auch nicht so oft traurig.“

Auch jene, die womöglich erst zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben zu ihrer Sexualität finden oder stehen können, Existenzen an denen schon ein „erstes Leben“, eine Familie hängen.

Queere Menschen sind eine Risikogruppe in Hinblick auf psychische Erkrankungen. Die Probleme beim Coming-Out, das Gefühl des „Anders-Seins“, die Frage danach, wem man sich anvertrauen kann, erlebte und befürchtete Diskriminierung (auch und vor allem im privaten Umfeld) oder auch internalisierte Homophobie, all das sind nicht nur Kleinigkeiten. Es sind untersuchte und bekannte Risikofaktoren. Hierauf bewusster, sensibler und auch öffentlicher zu schauen, ist dringend geboten.

Ich bin bekloppt und ich bin nicht der Einzige von Kester Schlenz

Kester Schlenz vermittelt in einem sehr persönlichen Buch, wie mit einer psychischen, beziehungsweise psychosomatischen Erkrankung umgegangen werden kann. Nicht nur, dass er sich den Leserinnen und Lesern im Rahmen gewisser Grenzen völlig öffnet, auch mag er so einigen helfen, sich vor sich selbst besser öffnen zu können und das ist ein großer Verdienst für ein (kleines) Buch. 

Schlenz, Kester: Ich bin bekloppt… und ich bin nicht der Einzige – Mein Weg aus der Psychokrise; 1. Auflage August 2020; 224 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-442-39353-4; Mosaik Verlag; 18,00 €

AS

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