Lakonischer Schmerz und sein Witz

Familienbücher, also solche über die eigene Familie, nicht selten die verstorbenen Teile jener, stehen gerade – oder häufiger? – hoch im Kurs. Auf- und Verarbeitung, die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit, aber nicht selten auch eine Form der Abrechnung stehen dabei im Vordergrund. Mit ihrem Buch Vati, dem Nachfolger, aber nicht der Fortsetzung, der Bagage, legt die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer eine autofiktionale Familiengeschichte mit besonderem Blick eben auf ihren Vater vor. Jedoch nicht als eine Variante von „Was ich dir schon immer mal sagen wollte“, sondern als eine differenziert-zaghafte, womöglich vergebende Liebesbekundung.

Wir sind alle Versehrte

Helfer arbeitet dabei in ihrem im Hanser Verlag erschienen Roman, mit dem sie auch der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021 ist, mit zusammengesetzten Erinnerungen. Teils sind es ihre eigenen, teils die ihrer Schwestern Gretel und Renate, teils die ihrer Stiefmutter. Dabei kommt es zu Lücken: Helfer lässt manche Teile des Puzzles, das die Geschichte ihres Vaters und ihrer Familie auch ist, bewusst aus, was sie uns Lesenden mitteilt: „[…] und wenn man nicht alles weiß, kann man es beim Erzählen immer noch schöner machen, als es war, das fällt einem, wenn man alles weiß, dann viel schwerer.“ So finden sich auch Stellen in dem autofiktionalen Buch, in dem die Autorin mögliche Gespräche imaginiert und uns wissen lässt, dass sie sich vorstellen möchte, so habe man gesprochen.

Ihre Erzählung beginnt Helfer mit einer Reise mit ihrem Vater nach Berlin in den Neunzigerjahren, wo ihre Schwester Renate lebte, und einem kulinarischen Ausflug in ein Schwulenlokal. Hier erlebt sie einen gelösten, lachenden Vater, den sie so selten erlebt hat; kurz vor Schluss wird sie auf diese Episode zurückkommen. Auf den etwa 160 Seiten dazwischen erzählt Helfer in leichten Sprüngen vor allem von ihrer Kindheit in der Region Bregenzerwald, wo der Vater, selber eines Beines verlustig, ein Kriegsopferversehrtenheim leitete. 

„Sterben wollen vor lauter Angst! So ein Aufwand!“

Immer begleitet von dem Wunsch oder Wunschtraum eines Tages zu studieren und eine eigene Bibliothek zu besitzen. So durchziehen Vati einerseits der immer wieder scheiternde Versuch nach „mehr“ und die Bibliomanie des Vaters, Josef, die ihn sich auch „Asozial!“ verhalten ließ. Die Familie ebenso beinahe in den Abgrund abstürzte, sie zwar nicht ruinierte, wie die Stiefmutter ein mögliches Szenario skizziert, doch aber erschütterte. Was jedoch nur indirekt durch die Bücherleidenschaft des Vaters kam. Viel eher spielte eine ihn zeitlebens begleitende Ängstlichkeit eine wesentliche Rolle.

An nicht wenigen Stellen bekommen wir den Eindruck, dass ihr Vater eigentlich nicht für diese Welt gemacht war, jedenfalls nicht für diese Zeit von Krieg und direkten Nachkriegswehen, breitbeiniger Verdrängung und lautem „Voran!“ rufen. So wird das Buch von einer Melancholie getragen, die auch uns erreicht. Ihren Vati als tollen Vater zu bezeichnen würde da weder ihr noch uns einfallen; ihn für seine Missgriffe und seine unentschlossene Selbstbezogenheit zu verurteilen aber auch nicht.

Zumal auch ihn die Tragik begleitet, er Verlust erlebt. Den natürlich auch Monika Helfer und ihre Geschwister, es gibt noch einen Bruder, Richard, erleben. Doch den Vater wirft das so aus der Bahn, dass dies schließlich die Familie in Teilen entzweit, Privilegien Geschichte sind und sich mit allem möglichen arrangiert werden muss. Ihr Vater erinnert an nicht wenigen Stellen ein wenig an den verhinderten Bruder von Georges-Arthur Goldschmidt in dessen ebenfalls für den Buchpreis 2021 nominierten Roman Der versperrte Weg.

„Morgen ist auch noch ein Tag“

Helfer bedient sich in ihren Erinnerungen dabei ein, zwei erzählerischer Kniffe, die uns meist unvermittelt ins Jetzt (etwa wenn sie versehentlich eine Datei löscht) oder in eine andere, jüngere Vergangenheit holen, auch solcher, die uns den Eindruck geben, am Entstehungsprozess des Buches beteiligt zu sein. Auch sie selber wird von Tragik und Schmerz begleitet, ohne den man nicht schreiben könne, doch geht sie im Gegensatz zum Vater deshalb nicht für einige Zeit ins Kloster. Sie schreibt, war es doch schon immer ein Traum, ihren Namen eines Tages auf einem Buchrücken zu sehen.

Und wie sie hier schreibt! Diese Geschichte könnte eine*n ohne Weiteres in ein tiefes, dunkles Loch werfen, doch das tut sie nicht. Teils stiller, manches Mal etwas lauterer Humor lässt auch all das Absurde in der Geschichte deutlich hervortreten. Wie eine Farce muten da manche Momente an, wenn etwa ein wütender Onkel einen Weihnachtsbaum zu Fall bringt. „Eine ungünstige Verkettung von Umständen“ könnte ein Untertitel von Vati lauten. Tut er nicht, auch gut. 

Sowohl das Tragische wie auch das Komische werden von Monika Helfer lakonisch ausgebreitet. Was an einigen Stellen zu einer noch stärkeren Wirkung führen mag, als würde sie eine Emotion über vier Seiten beschreiben. Denn so sind wir geneigten Leser*innen an der Entwicklung der dahinterliegenden Emotion beteiligt, müssen selber fühlen, statt es uns sagen zu lassen. Sätze wie „Ich sinke auf die Knie ins Gras und sehe das Unglück, noch bevor es ausgesprochen wird“ treffen sicherlich den innersten Kern.

„War er denn mein Freund?“

Auch, weil es Sätze sind, in denen wir eine Liebe spüren, die viele Autor*innen sich oft gern sparen, womöglich weil sie fürchten, man würde ihnen vorwerfen, zu berührt über die eigene Geschichte schreiben. Man weiß es nicht. Helfer spart nicht mit Gefühlen, ohne eine gefühlige Geschichte geschrieben zu haben. Ihre Aufrichtigkeit lässt uns fühlen, lässt uns nachempfinden. So auch, als ihr Vater in den Neunzigerjahren glücklich beim Berlinbesuch ist, wo man alles sein könne, es so viele verschiedene Arten zu leben gebe, sie dies bemerkt und gleichsam feststellt, noch vor Dekaden wäre dieser Mann in der großen Stadt unvorstellbar gewesen.

An vielen Stellen vermischen sich also Zeit- und Gefühlsebenen; Einschätzungen von damals, einem anderen Damals und heute vermengen sich zu jenem differenzierten Bild einer Zeit und eines Mannes, das zwar unvollständig, ein wenig unscharf, aber nicht unverständlich bleibt. Vati ist kein Monster, wie es sie so oft in Nachkriegserzählungen gibt, er ist kein Antiheld, schon gar kein Held, sondern einer, der suchte und nie wirklich fand und am Ende dem Glück anheimfiel.  

AS

PS: Bei allen Büchern, die wir besprechen, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind, wollen wir uns die Frage stellen: Sollte dieses Buch in der Breite gelesen werden? Der Rezensent meint: Unbedingt. Allein schon, weil das schlanke Buch auf so vielen Eben zu erreichen weiß und sicherlich auch einer jüngeren Generation einen Blick auf Verhältnisse geben mag, die ihnen womöglich eher fremd sind. Er befürchtet allerdings, dass nicht wenigen die Motivation fehlt, sich auf die Geschichte und Rhythmus einzulassen.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Monika Helfer: Vati; 1. Auflage, Januar 2021; 176 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-446-26917-0; Hanser Verlag; 20,00 €; auch als eBook erhältlich

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