Verlegene Verleger

Nach der Auszeichung (v. l. n. r.): Reiner Wendling (Assoziation A), Wladimir Velminski (Ciconia Ciconia), Johann Ulrich (avant-verlag), Petya Lund (eta Verlag), Ingo Držečnik (Elfenbein Verlag), Gunnar Cynybulk und Ludwig Lohmann (Kanon Verlag) sowie Klaus Lederer und Stephan Schwarz // Foto: © Schirin Moaiyeri

Treffen sich ein Elefant, ein Weißstorch und ein Affe. Sie assoziieren sich in avantgardistischer Manier, um den Etat zu besprechen. Nun, das mit der Pointe klappt nicht so ganz, aber dennoch lässt sich mit diesen beiden Sätzen die Shortlist für den Berliner Verlagspreis zusammenfassen, der am 13. November zum bereits fünften Mal vergeben wurde. Der Große Berliner Verlagspreis ging an den avant-verlag von Johann Ulrich, die beiden kleineren Preise an Wladimir Velminski und seinen Verlag Ciconia Ciconia sowie den Elfenbein Verlag, der mit Ingo Držečnik bei der Verleihung im Deutschen Theater vertreten war.

Drei Berliner Verlage wurden somit für ihre Arbeit geehrt und ihnen ein großes Publikum geboten. Drei weitere schafften es aus insgesamt 66 Einreichungen auf die Shortlist: Assoziation A, der eta Verlag sowie der Kanon Verlag, die eine große Bandbreite des Berliner Verlagswesens repräsentieren.

Eine Hauptstadt und ihre Bücher

Nach kurzer Anmoderation der Preisverleihung durch Knut Elstermann von Radio Eins nämlich illustrierten die beiden Senatoren für Kultur und Europa, Klaus Lederer (Die Linke), sowie für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Stephan Schwarz (parteilos; für SPD), in unterschiedlichem Informationsgrad die Bedeutung der Buchbranche für die Hauptstadt. 10 000 Bücher erscheinen jährlich in Berlin, mehr als in Frankfurt oder München.

Mehr als 8 000 Menschen seien unmittelbar im Verlagswesen beschäftigt – den stationären Buchhandel, Bibliotheken et cetera noch nicht eingerechnet. Die Buchmacherei also ist ein gewichtiger Faktor im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben der Hauptstadt, so die unabgestimmte, aber übergreifende Conclusio der beiden politischen Vertreter.

Speeddating mit den Verlagen

Moderator Elstermann lud die – mit Ausnahme des eta Verlags – ausschließlich männliche anwesende Verlegerschaft in alphabetischer Reihenfolge zum Speeddating, bei dem sie in einem jeweils etwa fünfminütigen Gespräch über ihren Verlag, die Geschichte und das Programm erzählen durften. Jedes dieser Speeddatings wurde abgeschlossen durch einen Tipp an das anwesende Publikum zu einem Titel aus dem aktuellen Programm, zum Beispiel als Weihnachtsgeschenk. Hier bedient sich Elstermann also fast schon schamlos der zuvor noch nie dagewesenen Idee, Verlagsmenschen nach ihren Weihnachtstipps zu fragen. Ach warte, gab’s doch schon mal, nämlich hier (und am 4. Dezember 2022 schon wieder). 😉

Knut Elstermann im Gespräch mit Reiner Wendling // Foto: © the little queer review

Das Speeddating begann jedenfalls mit Assoziation A, einem Verlag, der sich laut dem anwesenden Reiner Wendling in der Tradition der Protestbewegungen sieht und sich dem Kampf gegen den Autoritarismus verschrieben hat. Davon zeugen die meisten der Publikationen des Verlags, der zudem auch einen Schwerpunkt auf importierte Bücher aus Lateinamerika legt – weil ein Kollege offenbar ein Faible für die Kulturregion besitzt.

Avantgarde und Annexion

Der später mit dem Hauptpreis ausgezeichnete avant-verlag hat sich dem gesellschaftskritischen Schreiben verschrieben. „Bücher definieren sich über Inhalte und stammen aus verschiedensten Ländern“, so der anwesende Verleger Johann Ulrich. Comics und Graphic Novels sind eine andere, besondere Form der Kunstvermittlung, die neben der klassischen Literatur bislang eher unter einem Nischenpublikum Beachtung gefunden hätte. Gerade dass viele junge Autoren in diesem gesellschaftskritischen Verlag nachkämen und hierunter vor allem auch Autorinnen seien, sei eine spannende Entwicklung. Dass der avant-verlag besonders eine hohe Zahl an Autorinnen hätte, fand auch in der späteren Laudatio noch einmal lobend und anerkennend Erwähnung. Und die Freude Ulrichs über die Auszeichnung mit dem Großen Berliner Verlagspreis konnten wir in seinen Augen sehen, als er mit den Tränen rang.

Tagespolitischer wurde es beim kleinen Verlag Ciconia Ciconia, zu deutsch: Weißstorch. Der Verlag – 2014 als Reaktion auf die russische Annexion der Krim gegründet – versucht laut Gründer Wladimir Velminski, vor allem Wort und Bild ausdrucksstark in zumeist geringer und durchnummerierter Auflage an das interessierte Publikum zu bringen. Der Weißstorch steht somit sinnbildlich für die Literatur und die Inhalte, derer sich Ciconia Ciconia über seine Autorinnen und Autoren – zumeist aus und über Osteuropa und in der Regel auch dezidiert politisch – in die Welt zu bringen verschrieben hat.

Billardkugeln und Balkan

Der Elfenbein Verlag – ebenfalls mit dem kleineren Preis bedacht – hat sich auf Lyrik spezialisiert. Einer der beiden Gründer, Ingo Držečnik, erläuterte, wie aus einem Zeitschriftenprojekt in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre ein ganzes Verlagsgeschäft wurde – wollte er doch eigentlich Wissenschaftler werden. Als Kapitalspritze musste damals der Verkauf von zwei Autos dienen.

Osteuropäisches Lokalkolorit vom Balkan hat der eta Verlag der gebürtigen Bulgarin Petya Lund und ihrer Kollegin Elvira Veselinović zu bieten. Die Autorinnen und Autoren – die bis auf eine Ausnahme heute noch alle am Leben sind – stammen aus Bulgarien und zunehmend auch aus Staaten des Westbalkans. Bosnien und Herzegowina, Kroatien und vor allem Montenegro liegen den beiden Frauen am Herzen, auch wenn es gerade bei so kleinen Sprachen oft eine besondere Herausforderung sei, gute Übersetzerinnen und Übersetzer zu finden. Elvira Veselinović Übersetzung von Stefan Boškovićs Roman Der Minister hat uns im vergangenen Sommer jedoch gezeigt, was in dem Verlag steckt.

Und der erst 2020 gegründete Kanon Verlag rund um Verleger Gunnar Cynybulk und Ludwig Lohmann zeichnet sich ebenfalls durch seine Vielstimmigkeit aus. Wie in der Musik, sind es gerade die Vielfalt und die verschiedenen Stimmen und Perspektiven, die das Programm des jüngsten unter den nominierten Häusern besonders ausmachen.

Mutig, unkonventionell und leistungsbereit

Die Auszeichnung von avant, Ciconia Ciconia und Elfenbein sind also mehr als konsequent und zeigen einige verschiedene Aspekte, die die Jury um Sebastian Ruzicska, Cornelia Geißler, Volker Heller, Manja Hellpap, Nina Wehner sowie Olivia Wenzel bei ihrer Auswahl offenbar beherzigte: Erstens zeigt sich, dass es wohl einen gewissen Mut in der Buchbranche gibt, auch unkonventionelle Wege zu gehen. Ob es die Auszeichnung von Kim de l’Horizons Blutbuch vor einem Monat ist oder nun die von avant, nicht-traditionelle Formen der Darbietung, von Literatur und Darstellung, scheinen gerade in solche Zeiten zu passen, wie wir sie erleben.

Es ist nicht die klassische „Altherrengeschichte“ oder das bewährte Konzept, das ausgezeichnet wird, sondern jemand, der oder die den Mut aufbringt, selbst ins Risiko zu gehen – siehe der Verkauf der Autos der beiden Elfenbein-Gründer (mittlerweile verfügen sie offenbar wieder über fahrbare Untersätze) –, dann wird sie oder er belohnt. Das zeichnet eine Leistungsgesellschaft aus.

Ein politischer Preis

Zweitens: Der Berliner Verlagspreis ist auch politisch, aber nicht politisiert. Die Auszeichnung von Ciconia Ciconia ist ebenso eine Anerkennung für die Arbeit, die Wladimir Velminski und sein Team seit dem ersten Aufflammen des Ukrainekriegs auf der Krim und im Donbass leisten (hierzu lest ihr übrigens bald ein Gespräch mit dem Verleger). Mit dem eta Verlag stand ein Verlag zur Wahl, der den Kulturraum Balkan in den Blick nimmt. Assoziation A ist als verlegerisches Erbe der Protestkultur ein Sprachrohr für Stimmen gegen den Autoritarismus. Und auch der Gewinner des Hauptpreises – avant – will explizit politische und gesellschaftliche Debatten anstoßen.

Daher lässt sich eindeutig sagen: Mit den ausgezeichneten Verlagen haben Menschen und Ideen eine Bühne bekommen, die sich für die Probleme unseres Alltags interessieren, die einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Debatte leisten und die die Vielfalt unserer Gesellschaft und ihrer unterschiedlichen Positionen im demokratischen Spektrum abbilden.

Eure queer-reviewer

PS: An der Bar beim anschließenden Empfang aufgeschnappt: „‘Tschuldigung, mein Verlag war hier heute nominiert. Kann ich also ne Flasche Sekt mitnehmen?“ Das lassen wir mal unkommentiert (und ohne Nennung des betreffenden Verlags) stehen.

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert