Nichtschwimmer im sich drehenden Wind

Beitragsbild: Cornelia (Saskia Rosendahl) und Fabian (Tom Schilling) // © Lupa Film/Hanno Lentz/DCM

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Es ist seltsam: Alle einhundert Jahre wiederholen sich die 20er. Das führte mit dem Beginn der 2020er dazu, dass sehr viele Personen sich mal besser und mal schlechter dazu hinreißen ließen, die 20er des vergangenen Jahrhunderts mit den kommenden zu vergleichen. So Tanz-auf-dem-Vulkan-mäßig. Stehen wir nun wieder an der Schwelle eines großen gesellschaftlichen Umbruchs?  Kommt da ein Kipppunkt? Und natürlich, „dank“ der AfD: Weimarer Verhältnisse? Letztes hielten und halten wir für ein wenig übertrieben, aber Panik geht eben besser über die Ladentheke, als sortierte Analyse. 

Eine zeitlose Geschichte, die den „Vorabend“ der Machtergreifung Adolf Hitlers und der Nazis im Rahmen eines großen und doch wieder intimen Gesellschaftsbildes zeigt, ist zweifelsohne Erich Kästners großer Großstadtroman Fabian. Die Geschichte eines Moralisten oder auch Der Gang vor die Hunde, wie die erst 2013 im Atrium Verlag erschiene, rekonstruierte Originalfassung des 1931 nur gekürzt veröffentlichten Buches heißt. Nun hat sich kein geringerer als Dominik Graf (zuletzt: Tatort: In der Familie (1)) daran gemacht, die Geschichte zu verfilmen. Das nicht selten beeindruckende Ergebnis kann seit heute in den Kinos begutachtet werden.

„Die Geschichte heilt sehr schwer“

Der Film orientiert sich dabei inhaltlich sehr eng am Buch, bleibt auch bei den typisch kästnerischen, prosaisch-ironischen, mit romantischer Bitterkeit verfeinerten Dialogen und durch zwei erzählende Stimmen auch der einrahmenden Geschichte ganz nah bei Erich Kästner. Allein das sorgte bei uns an mancher Stelle für Gänsehaut (Disclaimer: Das Buch gehört zu den Lieblingen des Rezensenten). 

Fabian (Tom Schilling) lebt bunt // © Lupa Film/Hanno Lentz/DCM

Berlin, 1931: Jakob Fabian (Tom Schilling), Germanist, Anfang 30, arbeitet tagsüber als Werbetexter in einer Zigarettenfabrik, denn irgendwie muss ja Geld reinkommen, das Zimmer bei Witwe Hohlfeld (Eva Medusa Göhne) muss schließlich bezahlt werden. Nachts zieht er mit seinem besten Freund aus wohlhabendem Hause, Doktorand Labude (Albrecht Schuch), der sich in seiner Doktorarbeit ganz passend am großen Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing abrackert, durch die Kneipen und Bordelle oder auch Künstlerateliers. Labude, Doktorand, betrachtet die unsicheren Zeiten und das Erstarken der Nazis mit Skepsis und Sorge, versucht dem mit politischem Aktivismus entgegenzuwirken. Fabian hingegen ist eher pessimistischer Beobachter, Kommentator. Eines Tages lernt er die Rechtsreferendarin Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl) kennen und beide, obschon eigentlich von der Liebe abgewandt, verlieben sich ineinander. Doch ist für den eher sensiblen Fabian der Pragmatismus von Cornelia nur schwer zu akzeptieren, darüber hinaus sieht sich Labude mehr und mehr mit Problemen des Herzens und des Geistes konfrontiert. Fabians Welt gerät mehr und mehr aus den Fugen…

Wer sich nun denkt, das klinge irgendwie nach vergleichsweise wenig Handlung im Sinne einer treibenden Kraft: Ja. Vielmehr handelt es sich um ausführliche Betrachtungen der gesellschaftlichen Zustände und das ist natürlich passend arrangiert in einer damals wie heute versifft vielfältigen Großstadt wie Berlin möglich (zuzüglich eines Ausflugs nach Dresden). So spielt es auch für jene, die das Buch nicht kennen, auch erst einmal keine Rolle, Dominik Graf trägt uns als Regisseur und Co-Drehbuchautor (mit Constantin Lieb) prompt in die Betrachtungen eines Moralisten hinein und lässt uns, so wir uns darauf einlassen möchten, die kommenden drei Stunden nicht mehr heraus.

„Wer ein Optimist ist, soll verzweifeln“

Jedoch, zugegeben: Wir brauchten anfangs ein wenig, um uns auf Tom Schilling als Jakob Fabian einzustellen. Zwar kennen wir ihn als den bedächtigen Melancholiker mit zurückhaltender Lebenslust, aber das ist eben auch das „Problem“. Diese Rolle hat sich möglicherweise ein wenig überlebt?! Es geht – zwar denken wir hier und da unweigerlich an Schilling in Oh Boy (auch schon weil eine Szene aus dem Film sein könnte: „Fabian setzte sich aufs Fensterbrett.“) oder an seinen Gerhard Richter Kurt Barnert in Werk ohne Autor. Dennoch gibt der Berliner Schauspieler seinem Fabian hier ganz eigene Züge und mit der Zeit kommt er uns immer näher.

Fabian (Tom Schilling) und Labude (Albrecht Schuch) in einer Kneipe // © Lupa Film/Hanno Lentz/DCM

Wie ein liebevoller Berserker gibt sich Albrecht Schuch seinem Stephan Labude hin. Das ist ein beeindruckendes Spiel, das der komplexen, tragischen und ethisch-humanistischsten Figur der Geschichte vollends gerecht wird. Famos! Saskia Rosendahl spielt die selbstbewusste und doch unsichere Cornelia Battenberg mit der passenden Mischung aus Zuneigung und Zurückgezogenheit, dabei auch immer Spiegel von Fabians Unsicherheiten und seinem Changieren, sich selber nicht zu genügen und doch andere schuld sein zu lassen.

Allgemein ist die Besetzung gelungen, überall schöne Besonderheiten. Dass Meret Becker die Irene Moll spielt, war so naheliegend wie der Nackte im Kit-Kat-Club, Petra Kalkutschke als Frau Fabian spielt die Mütterlichkeit so hinreißend, dass man meint, sie anfassen zu können und Anne Bennent als frauenliebende „Atelierbetreiberin“ Baronin Ruth Reiter, spielt so getrieben wie abgeklärt. Mehr noch als für andere Geschichten, ist die Besetzung hier bei Fabian oder Der Gang vor die Hunde neben dem Drehbuch das alles Entscheidende für Erfolg oder Misserfolg der Umsetzung. Denn es geht eben um dieses Panoptikum der vielen verschiedenen Menschen, denen Fabian zu ganz unterschiedlichen Gelegenheiten begegnet und die alle ihren Teil dazu beitragen werden, dass er seine Haltung zum Leben verändern wird.

„Wirst du mich lieb behalten?“

Dominik Graf hat das im Presseheft passend als „Gesichter, die ein Wissen über die Vergangenheit vermitteln sollen“ bezeichnet. Diese Vergangenheit ist spürbar, ebenso wie die Ungewissheit der Zukunft und die der Liebe sowieso. Denn im Kern ist die durch Kästner autobiografisch geprägte Geschichte (Schilling bezeichnet Fabian perfekt als „fatalistischen Melancholiker“ und ergänzte, dass er da auch einiges von Kästner hätte) auch eine Liebesgeschichte, die sich dank der Chemie zwischen Schilling, Rosendahl und Schuch ganz wunderbar selbstverständlich zum Rest fügt und im Film mehr Raum bekommt als das im Buch der Fall ist. Auch ist zu merken, dass Graf seinen Schauspielerinnen und Schauspielern Raum gibt, dass er manches Mal fast übergangslos zu drehen schien.

Fabian (Tom Schilling) und Irene Moll (Meret Becker) // © Lupa Film/Hanno Lentz/DCM

Für manche wunderbar, für andere vielleicht überfordernd ist die Inszenierung Grafs, der uns mit einer Kamerafahrt von Hanno Lentz am Heidelberger Platz vom Jetzt in die 30er-Jahre holt, die er aber durchgehend zeitlos wirken lässt. Sei es die Kleidung, seien es die Orte oder einzelne Kniffe, wie zum Beispiel die Stolpersteine, wir wissen, dass wir in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts sind, doch lassen sich diese Menschen und Bilder auch zu anderer Zeit erzählen. Anfangs kracht es bildtechnisch, da ist Alarm, kurz fühlt mensch sich hier an den knalligen Anfang von Moulin Rouge erinnert. Nur wechseln die im 1,33:1-Format gedrehten Bilder noch von grobkörnig zu gestochen scharf, ein schneller Schnitt, Nahaufnahme, dann wieder Distanz durch Glas, dann Fabian und Irene Moll wie auf einer Bühne, ausgeleuchtet und doch verschwommen.

Da ist viel Spiel im Spiel und was nach kurzer Eingewöhnung von uns goutiert wurde, mag für andere wie erwähnt ein wenig zu viel, zu anstrengend, zu ablenkend sein. Andererseits: Es steht eben auch Dominik Graf drauf, der mit Fabian oder Der Gang vor die Hunde, den er als Traum bezeichnete, wohl sein Meisterwerk abgeliefert hat. Ein Genuss ist der Film auch insofern, als dass Graf und Lieb es mit ihrem Buch und Graf eben durch seine von Lentz toll gefilmten Bilder schaffen, die erwähnte Zeitlosigkeit zu präsentieren, ohne uns die ganze Zeit ein „Seht her! Es passiert wieder!“ um die Ohren zu hauen. 

Fabian (Tom Schilling) und Cornelia (Saskia Rosendahl) // © Lupa Film/Hanno Lentz/DCM

Apropos Ohren: Die Tonqualität ist teilweise… holprig. Gerade hier, wo die Wirkmacht sich vor allem durch die fein ziselierten Beschreibungen und Dialoge entfaltet, ist das durchaus störend, die erste halbe Stunde teils sehr anstrengend. Später ist das besser austariert, die gute Musik von den Graf-Vertrauten Sven Rossenbach und Florian Van Volxem schneidet dann nicht mehr, ähnlich wie die Hintergrundgeräusche, ständig ins gesprochene Wort. Es steht zu befürchten, dass sich vor allem Zuschauerinnen und Zuschauer, die zu den erwähnten Skeptikern gehören, dadurch vollends verabschieden könnten. Was nur allzu tragisch wäre.

So ist Fabian oder Der Gang vor die Hunde letztlich auch realistischer Eskapismus, scharfe Satire ohne Zynismus, eine tragische aber nicht verlorene Geschichte, Warnung und Hoffnungsschimmer zugleich, denn, in leichter Abwandlung: Das Leben ist eine der interessanten Beschäftigungen, trotz alledem.

QR

Fabian oder Der Gang vor die Hunde startet am heutigen Donnerstag, 5. August 2021 in den Kinos. 

Fabian oder Der Gang vor die Hunde; Deutschland, 2021; Regie: Dominik Graf; Drehbuch: Constantin Lieb und Dominik Graf, basierend auf dem Roman von Erich Kästner; Musik: Sven Rossenbach, Florian Van Volxem; Kamera: Hanno Lentz; Produzent: Felix von Brehm; Darsteller*innen: Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Michael Wittenborn, Petra Kalkutschke, Eva Medusa Gühne, Elmar Gutmann; Laufzeit: ca. 176 Minuten; FSK 12

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