The American Way of Health

Beitragsbild: Ein verlassenes Krankenhaus in Missouri. Buchcover © C.H. Beck Verlag / Bild. © the little queer review

Während wir in Deutschland fast seit Weihnachten darüber debattieren, ob nun genügend Impfdosen gegen Corona zur Verfügung stehen und wer für welch ach so schlechte Deals mit den Pharmaunternehmen verantwortlich ist, vergessen wir immer wieder, welch gutes und leistungsfähiges Gesundheitssystem wir dennoch haben. Ganz anders sieht das in Amerika aus, dem Land der scheinbar doch nicht unendlichen Möglichkeiten.

Der bekannte Historiker Timothy Snyder (Über Tyrannei; Der Weg in die Unfreiheit) wurde im Dezember 2019 schwer krank, erlebte den Jahreswechsel 2019/20 zwischen medizinischem Gerät und hat seine Erlebnisse und seine Gedanken zum Gesundheitssystem in den USA niedergeschrieben. In dem im C.H. Beck-Verlag erschienenen Buch Die amerikanische Krankheit – Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital lässt er uns daran teilhaben und zeigt, wie sehr ein leistungsfähiges Gesundheitssystem unser aller Leben beeinflusst und verbessert. Oder wie es dies nicht tut, wenn die Politik hierauf keinen Wert legt.

Tagebuch eines kranken Menschen und Systems

Neben der Schilderung seines persönlichen Krankheitsverlaufs – nach nicht vollständigen Behandlungen in München und den USA hatte er „einen Abszess von der Größe eines Baseballs in der Leber, und die Infektion hatte sich in mein Blut ergossen“ (S. 9; und autsch) – geht Snyder vor allem auf vier Punkte ein: Er befasst sich mit einem Menschenrecht auf Gesundheitsversorgung und damit, wie bereits bei den Kindern, bei Geburt und Erziehung auf eine gute gesundheitliche Versorgung – auch der Eltern und vor allem der Mutter – geachtet werden muss.

In der zweiten Hälfte seines Pamphlets schreibt er darüber, wie wir Wahrheiten in Bezug auf unsere eigene Gesundheit und das gesamte System nicht erkennen (wollen). Es geht hier – wie so oft bei Snyder – im Kern um Freiheit und darum, wie ein funktionierendes Gesundheitssystem diese ermöglicht. Und es geht auch sehr deutlich um das Missmanagement der Coronakrise unter Präsident Trump (den er konsequent nur als „Herr Trump“ bezeichnet). Abschließend berichtet er von überarbeiteten Ärzten und Pflegepersonal, die sich mit Bürokratie herumschlagen müssen und schlechte Arbeitsbedingungen vorfinden. Aus diesen Gründen hätten sie keine Gelegenheit, sich Zeit für ihre Patienten zu nehmen und ohnehin kaum Mitspracherechte.

Gesundheit = Standortvorteil

Das System in den USA allerdings ist mit unserem alles andere als vergleichbar. In Deutschland und Europa sind viele Leistungen (fast) umsonst. Kaum jemand hierzulande muss dank des beitragsfinanzierten Versicherungssystems Angst haben, wegen einer Krankheit in die Armut zu rutschen. In den USA ist das anders. Dort hatte die Obama-Administration versucht, wenigstens Grundzüge einer Krankenversicherung, wie wir sie in Europa kennen, einzuführen und „Herr Trump“ und Mitch McConnell haben sich am Ende die Zähne daran ausgebissen, dieses System wieder vollends abzuschaffen.

Ein solches Gesundheitssystem, wie wir es haben, ist ein Standortvorteil, den wir oft nicht zu schätzen wissen. Das glaubt auch Snyder. Er lebte einige Zeit in Wien, sein ältestes Kind ist dort geboren. Von Geburtsvorbereitungskursen oder betreutem Stillen, wie es in Österreich üblich ist, hat man in den USA nie gehört. „Der Unterschied besteht darin, dass die Ärzte in Europa Zeit haben, etwas zu tun, das über das Ausstellen von Rezepten hinaus geht“, so Snyder beispielsweise (S. 50). Wir mögen damit teils andere Erfahrungen machen, wenn wir ebenfalls wochen- und monatelang auf einen Termin beim Facharzt warten oder eben auf eine Massenimpfung. 

Aber die gesellschaftliche Perspektive auf Gesundheit umfasst so viel mehr, nämlich vor allem Familienpolitik, gesellschaftliche Akzeptanz und soziale Standards und ein Denken (einen Grundgedanken), das nicht zuletzt von Solidarität geprägt ist. Snyder hat in seinen Ausführungen hierzu recht. Das System bei uns funktioniert zumeist. In den USA ist das oft nicht so. Snyder schreibt: „In Amerika ist die Geburt der Ort, an dem unsere Geschichte über die Freiheit stirbt“ (S. 75). Das ist eine steile These. Aber eine, die er weiter erläutert und die sich durch das Buch hindurchzieht.

Kluge Synthesen durchziehen das Buch

Vor allem durch Kapitel 3, das Herzstück seines Buchs, in dem er die Verknüpfung zwischen Gesundheitssystem und Freiheit herstellt und analysiert. Und ganz wie in den vorigen Kapiteln schafft Snyder es, auf den ersten Blick wenig zusammenhängende Fakten und Probleme zu einer argumentativ schlüssigen Synthese zusammenzuführen. Wie beispielsweise die mangelnde Meinungs- und Pressevielfalt – auch und vor allem auf lokaler Ebene – dazu beitrug, die Coronakrise zu verschlimmern. Oder wie Bürokratie, Lobbyismus und wirtschaftliche Interessen einer besseren Gesundheitsversorgung für alle Amerikanerinnen und Amerikaner entgegenstehen (wobei letzteres nicht so viel Denkakrobatik bedarf).

So mancher Zusammenhang mag zwar, wie erwähnt, ein wenig weit hergeholt wirken, aber Snyder schafft es auch hier immer, alle von ihm angesprochenen Punkte konsequent und kompakt zusammenführen. Sie lassen sich subjektiv nachvollziehen. Vor allem in der Kombination mit der persönlichen Erfahrung eines Klinikaufenthalts (noch einmal: vor Corona) zeigt er wie immer sehr gekonnt Zusammenhänge auf, die nicht jeder sofort sieht, die aber durchaus einleuchten, wenn man sie einmal bemerkt.

Symptome und Einzelfälle

Allerdings sollte man bei der Lektüre auch immer im Kopf haben, dass es sich sowohl bei dem Aufenthalt von Snyder als auch bei vielen der Beispiele, die er für das Versagen der US-Administration während Corona anführt, um Einzelfälle handelt. Bedauerliche Einzelfälle, die sich so oder so ähnlich oft wiederholen und Symptome eines systematischen Versagens sind.

Dennoch, und das sollten Leserinnen und Leser genauso im Kopf haben, ist es keine nach wissenschaftlichen Methoden erhobene Stichprobe, wenn Snyder auf seinen eigenen Krankheitsverlauf oder auf die teils sehr tragischen Todesumstände einzelner im Zusammenhang mit Corona aufmerksam macht. Als Leserin oder Leser sollte man deshalb immer im Hinterkopf haben, dass in Die amerikanische Krankheit wesentliche Punkte und Missstände angesprochen werden, dies aber keine vollständige oder repräsentative Analyse ist und sein kann.

Gesundheit auf der Welt

Mit verschiedenen Gesundheitssystemen und Problemen haben wir uns hier auch schon auseinandergesetzt. Hierunter fallen das eher humoristische Buch Doc Why not? von Mark Weinert, der einige Zeit in Neuseeland als Anästhesist arbeitete, oder der Forderungskatalog von Krankenpfleger Alexander Jorde, der die Schwächen des deutschen Pflegesystems aufdeckt. Timothy Snyder dürfte Jordes Thesen nicht kennen, aber vermutlich würde er ihnen zustimmen,auch wenn Jorde einzelne Errungenschaft des amerikanischen Systems wiederum sehr lobt.

In Die amerikanische Krankheit schreibt Snyder nun eine ganz neue Kategorie von Buch zu der Thematik. Es geht hier viel fundamentaler darum, was ein funktionierendes Gesundheitssystem für uns bedeutet und was uns als Gesellschaft fehlt, wenn es ein solches nicht gibt. Snyder tut das, was er am besten kann: Er berichtet aus seinem Erfahrungsschatz, zieht Vergleiche und offenbart Verknüpfungen, die wir oft nur ahnen konnten.

Sein Buch verbindet persönliche Erfahrung mit einer zwar nicht unbedingt repräsentativen, aber doch in die richtige Richtung zeigenden Analyse der Bedeutung eines funktionierenden Gesundheitssystems für eine liberale Demokratie. Auf jeden Fall ist Die amerikanische Krankheit ein sehr lesenswertes Büchlein, das uns teils auch jenseits von Corona auf den Wert einer demokratischen Gesundheitsversorgung hinweist. Gerade jetzt, da die Welt mit der schwersten pandemischen Lage seit einem Jahrhundert konfrontiert ist.

„Die amerikanische Krankheit“ von Timothy Snyder kann so sehr auf das US-Gesundheitssystem, wie auch auf das System Trump bezogen werden. Ein so aktuelles wie zeitloses Buch.

Timothy Snyder: Die amerikanische Krankheit – Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital; September 2020; 158 Seiten; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-406-76136-2; C.H. Beck Verlag; 12,00 € (auch als eBook erhältlich, 9,49 €)

HMS

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