Die Unschuld ist nur einen Steinwurf weit entfernt

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Immer wenn wir von Chronologien sprechen, denken wir nicht nur in erster Linie an kleinbedruckte Mammutwerke und ausufernde Dokumentationen im Dritten Programm, sondern vor allem an zeitliche Abläufe, die primär an Orten, Plätzen und prominenten Gestalten eines Zeitabschnitts festgemacht werden. Dass eine solche, nennen wir es nun prosaisch Chronik, jedoch auch anhand intimer Portraits und Aktfotografien von Menschen aufbereitet werden kann, veranschaulicht der Fotoband Innocence von Andreas Fux, der in diesem Sommer im Salzgeber Buchverlag erschienen ist.

Anonym in Zeit und Raum

In dem gewohnt hochwertig aufgemachten, in Italien gedruckten Band versammeln sich knapp 80 Fotografien des 1964 in Berlin geborenen, im Ostteil der Stadt aufgewachsenen Fotografen, die als eine Art Blick hinter die Kulissen vor den Kulissen verstanden werden können, setzen sie sich doch größtenteils aus Motiven zusammen, die ihm Rahmen anderer, teils bereits in Buchform veröffentlichter, Shootings entstanden sind.

© Andreas Fux / Salzgeber Buchverlage

Mit einer Werkschau haben wir es allerdings nicht zu tun, eher mit einem Abriss von Fux’ – der noch immer ausschließlich analog fotografiert, somit also wohl „[n]ächtelange Klausur in der Dunkelkammer“ hält, wie Björn Koll es in seinem Vorwort zum Band schreibt – Fotografien der etwa letzten dreißig Jahre. Dass dabei darauf verzichtet wird, die Bilder zu benennen und zu datieren, mag zuerst irritieren, entpuppt sich aber als bildgewordenes Chronik-Fazit: Gute Fotografie ist zeitlos und weiß dennoch etwas über Zeit und Mensch zu erzählen. Zumal sich aufmerksamen Beobachter*innen des Bandes und Leser*innen des Vorworts, durchaus manch eine grobe zeitliche Zuordnung ermöglicht.

Sünde ohne Schimpf und Schande

Beinahe verheißungsvoll öffnet Innocence mit der Fotografie eines Skinheads, der eine Buchstabenfolge in den Bauch geritzt hat, die ausgesprochen „Sinners“ ergibt (hier gibt es eine Art Making-of-Fotografie; Achtung: Blutig und mit Jahresangabe versehen). Nun wollen wir, wie Koll schreibt, hier nicht mit „Sündenfall, Erbsünde, Schlangen oder Äpfel[n]“ anfangen (oder Sodom und Gomorrha, was Model Nicolas immerhin tätowiert hat), aber dass die hier versammelten Typen eher weniger „Kommerz!“ sondern vielmehr „Widerstand!“ schreien, wird auch jenen schnell klar, die sich zuvor nicht groß mit Andreas Fux befasst haben (was vor allem in Berlin jedoch schon einer Unmöglichkeit gleichkäme). 

© Andreas Fux / Salzgeber Buchverlage

Das Spannende und auch Anziehende an diesem Band, der trotz des Shooting-Mixes kein Zufallswirrwarr geworden ist, sind die Verschiedenheit der dargestellten jungen Männer und auch die sich immer wieder verändernden Positionierungen. Keiner wird so gezeigt wie ein anderer. Die Individualität äußert sich also nicht nur in den mannigfaltigen Tattoos und Piercings der meisten Portraitierten, sondern auch in der Art wie Fux sie durch die Kamera betrachtet.

Objekt Mensch und Mauer

Innocence verknüpft dazu verschiedene Definitionen von Körperkult – sowohl jene, die das Gestalten beziehungsweise Inszenieren des eigenen Körpers bedeutet, als auch jene ganz im Sinne der Sexualität, dem individuellen Körper als sexualisiertes Objekt, mit dem wir als Betrachter*innen zumindest im Geiste machen können, was wir wollen. Herausfordernde Blicke manch Portraitierter tun ihr Übriges, rücken jedoch wieder das Subjekt in den Vordergrund, lassen die Objektivierung verblassen.

© Andreas Fux / Salzgeber Buchverlage

Dass Objekte allerdings durchaus lebendige Aussagen treffen können, weiß Andreas Fux nur zu gut, ist er, der der Prenzlauerberger Fotokünstlerszene angehört und noch heute in der Marienburger Straße residiert, doch auch bekannt für seine die so genannte Wendezeit begleitenden Fotos, von denen sich einige im Jahr 1990 aufgenommene in Mein schwules Auge #16 – Berlin Gay Metropolis Special finden (wie auch Modelfotografien aus seiner Ostberliner-Zeit). 

Mutige Intensität

Eine Verknüpfung von beidem schaffte er mit der eindeutig politischen Serie Kerberos und Chimaira (2010), die der Fotograf im Windkanal auf dem Wissenschaftscampus der Humboldt-Universität in Berlin-Adlershof aufnahm. Hierin machte er über die häufig unreflektierte Verknüpfung von Kleidungscodes der Fetischszene mit der Ästhetik von Diktaturen, speziell dem Nationalsozialismus, aufmerksam. Einem Thema, dessen sich Dirk Becker in Schriftform auch in seinem Essay Die Lederszene für einen Augenblick annimmt.

© Andreas Fux / Salzgeber Buchverlage

Leider sind in Innocence keine Bildteile dieser Serie enthalten (aber: is’ halt keine Werkschau), sehen wir hier doch nahezu ausschließlich Aufnahmen, die im hauseigenen Studio vor unverputzter, weißer oder schwarzer Wand entstanden. Dies jedoch vermittelt einen intimeren Eindruck in dieser kleinen Zeitreise, die die verlagsseitige Betonung auf „Berlin bad boys“ gar nicht gebraucht hätte. Aber hier spricht wohl der Kommerzgedanke über diese antikommerziellen Typen, deren Betrachtung sich mehr als einmal lohnt und die neben Zeitverläufen, Lust, Mut und Muster vor allem Intensität artikulieren. 

AS

Andreas Fux: Innocence; Juli 2022; Hardcover, gebunden; 128 Seiten; 79 Fotografien in Duoton/Farbe, 32 x 24 cm; Texte in deutscher und englischer Sprache; ISBN: 978-3-95985-639-3; Salzgeber Buchverlage; 49,00 €

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