Kein weißer Fleck, keine weiße Weste

Ein Jahr ist es nun her, dass in Belarus gewählt wurde und Alexander Lukaschenko verkünden ließ, die Wahl mit 80,1 Prozent gewonnen zu haben. Widerspruch regte sich, Proteste entzündeten sich, es sollten die größten Massenproteste werden, die es in dem Land je gegeben hatte. Sie waren verknüpft mit der Hoffnung auf Veränderung. Dem dringenden Wunsch nach Veränderung. Ohne diesen wären sie gar nicht entstanden. Gesichter dieses Wunsches, Gesichter, die die Hoffnung manifest werden lassen sollten, sind vor allem die von drei Frauen: Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo.

Drei Frauen und die Vielen

Um diese drei Frauen geht es in dem Buch Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit der Journalistin Alice Bota, das vor kurzem im Berlin Verlag erschienen ist. Doch eigentlich geht es noch um viel mehr in dieser Mischung aus Reportage und Kommentar. Das Buch stürzt sich nach einer hilfreichen kleinen „Gebrauchsanleitung“ und einer Erläuterung des Ist-Zustands (Stand Juni 2021) in die Analyse, wie es zu der Situation in Weißrussland kam. Wieso dieses Mal, im August 2020, die Menschen und vor allem sichtbar so viele Frauen, die sich doch eigentlich als unpolitisch sahen, „Nein“ sagten und meinten es müsse Schluss mit Lukaschenkos Regime sein.

Ein wesentlicher Punkt, dass jene, die sich „in Gleichgültigkeit eingerichtet“ hatten, dies nicht mehr mitmachten, sei Lukaschenkos Umgang mit der Corona-Krise gewesen. Vor allem seine Herabwürdigung der toten Angehörigen vieler Belarussinnen und Belarussen. Dass der Staat freiwilligen Helferinnen Steine in den Weg legte, dass die Zahlen der Corona-Toten gefälscht wurden, dass Ärztinnen und Ärzte zum Lügen angehalten worden seien – dieser „staatliche Zynismus“ sei nicht mehr verkraftbar gewesen, arbeitet Bota in Gesprächen mit verschiedenen Personen heraus.

Auch der Weg zur Wahl trug einiges dazu bei, standen doch die drei Frauen zuerst nicht in vorderster Reihe. Es war Swetlana Tichanowskajas Ehemann, Sergej, der sich um das Amt des Präsidenten bewerben wollte und dann von Lukaschenkos Sicherheitsapparat inhaftiert wurde, so dass sie sich schließlich registrieren ließ, was Lukaschenko auch nur zuließ, da sie eine Frau war und ohnehin chancenlos sein musste. Maria Kolesnikowa unterstützte, bevor sie sich „Sweta“ anschloss, Viktor Babariko, der gute Aussichten zu haben schien, zumal er kremlnah ist und Putin gepasst hätte, doch auch dieser wurde inhaftiert. Der Mann Veronika Tsepkalos, Valery, wollte ebenfalls Präsident werden, wurde jedoch nicht zur Wahl zugelassen.

In diesem Kapitel, wie auch jenem, das sich konkret mit dem Wahlbetrug Lukaschenkos auseinandersetzt und den meisten der folgenden, nutzt Alice Bota, die das Büro der Wochenzeitung Die Zeit in Moskau leitet und für den postsowjetischen Raum zuständig ist, viele Mittel, um uns Leserinnen und Lesern die Problematik nahe und uns ins Geschehen zu bringen. Immer wieder häufig anonymisierte Gesprächspartnerinnen und manches Mal -partner (so den Lukaschenko-Biografen Alexander Karbalewitsch, der dem illegitimen Präsidenten pathologische Züge bescheinigt), historische Quellen und Zusammenhänge (die sie zumeist kongenial verständlich und nachvollziehbar verknüpft), Studien und Statistiken (deren teils gegenseitige Widersprüche sie uns nicht verschweigt) und auch ihre eigenen Beobachtungen. Übrigens betont die Autorin auch immer wieder, dass nicht gewiss sei, ob Tichanowskaja die Wahlen gewonnen habe.

Liebe lässt sich nicht erzwingen

Vor allem zeichnet Bota ein sehr komplexes, ausgewogenes und nicht unkritisches, aber doch kompakt vermitteltes Bild einer alles andere als homogenen Gesellschaft, die dennoch im Wunsch nach besagter Veränderung vereint ist. Das lässt sich auch wieder an den drei Frauen festmachen, um die es im Buch auch im Detail in jeweils einem Kapitel teils auch sehr kritisch gehen wird. So stark sie sich miteinander verbunden fühlten, so unterschiedlich sind sie. Swetlana Tichanowskaja, die unpolitische Ehefrau, die mit diesem Label zufrieden war, Maria Kolesnikowa, die feministische Künstlerin, die zwischen Stuttgart und Minsk pendelte und Veronika Zepkalo, die engagierte und ehrgeizige Funktionärsgattin. 

Es steht also auch die Frage im Raum – waren das nun feministische Proteste? Ging es um „Frauen an die Macht“? Nein, eher nicht. Alice Bota räumt dem Feminismus in ihrem Buch dennoch viel Raum ein. Zum einen erläutert sie uns anschaulich und mit großem Lernpotential, wie anders „Feminismus“ in postsowjetischen Gesellschaft definiert und betrachtet wird, hier natürlich mit einem engeren Blick auf Belarus. Dazu lässt sie unter anderem Elena Gapova zu Wort kommen, die „1997 an der Europäischen Humanistischen Universität in Minsk das erste Institut für Gender Studies im osteuropäischen Raum gegründet“ hat. Die Universität wurde 2004 geschlossen und ist nach Vilnius umgesiedelt (wo mittlerweile auch Swetlana Tichanowskaja im Exil lebt), Gapova lebt inzwischen in den USA. Sie sagt, es ging vor allem um Bürgerrechte, aber das beträfe Frauen ja wohl auch. 

Die Aktivistin Irina Solomatina hingegen ärgert sich über den trügerischen Eindruck, denn die Proteste der Frauen in weißen Kleidern, mit beschwichtigenden Zeichen und plakatierten Forderungen nach Veränderung vermitteln könnten. Es handele sich nicht um Feministinnen, sie seien in den für sie vorgesehenen Rollen geblieben (was zumeist stimmt, wie Bota belegt) und über Frauenrechte würde auch nicht gesprochen. Auch Veronika Zepkalo entdeckte diese erst im ukrainischen Exil thematisch für sich.

Wie erwähnt arbeitet Alice Bota das fein heraus, auch indem sie Studien und Umfragen heranzieht, die belegen, dass viele der Frauen, die protestierten, durchaus für das klassische Mann-Frau-Kinder-Familienbild plädieren und auch nicht unbedingt in einer freien Demokratie würden leben wollen. Das wiederum erklärt sich auch dadurch, dass viele weißrussische Frauen Wählerinnen Lukaschenkos waren – er war ein echter Mann, versprach Stabilität, ein System, in dem alles so funktioniert, wie es sollte (natürlich gibt es da Unterschiede zwischen den Generationen etc.). Erst als dieses nach und nach erodierte und Lukaschenko Frauen und Familien gegenüber deutlich ausfälliger wurde, wandelte sich diese Einstellung – jedenfalls in Bezug auf den vermeintlich starken Mann. Erschwerend kommt nun hinzu, dass die Brutalität des Regimes und die grausamen Bedingungen unter denen Frauen und Männer wahllos verhaftet und inhaftiert worden sind, um gebrochen zu werden, immer deutlicher wurden und noch werden (und die Bota eindrücklich und quälend beschreibt) und die Liebe zur Heimat nicht gleichbedeutend mit der zum Staat sei; erzwingen lasse sich diese ohnehin nicht.

„Das Zögern des Westens“

Die Frauen von Belarus ist also auch eine recht tiefe Analyse der Verfasstheit der belarussischen Gesellschaft, der Frauen dieser Gesellschaft und deren Lebensentwürfe. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der Lernfaktor des Buches ist enorm. So prangert Bota es auch an, dass „wir“ hier im „Westen“ ein sehr hochnäsiges Verhältnis dem „Osten“ gegenüber hätten. Das ist sicherlich innerhalb Deutschlands für viele in Bezug auf Deutschland nichts Neues – die aus Ostdeutschland stammende SZ-Journalistin Cerstin Gammelin veröffentlichte dieser Tage erst Die Unterschätzten – Wie der Osten die deutsche Politik bestimmt (was wir zeitnah besprechen). Doch ist für uns schnell alles Russland – siehe der „Russlandfeldzug“, der doch die gesamte Sowjetunion betraf. Oder unpolitisch: In welchem Beitrag lesen wir schon, dass Marc Chagall im heutigen Weißrussland (damals Russisches Kaiserreich) geboren wurde? Auch gegen diese Ignoranz und dieses gewollte Unwissen schreibt Bota fabelhaft an.

An dieser Ignoranz mag es auch liegen, dass über die Proteste dieses vormals weißen Flecks in Europa in Deutschlands einschlägigen feministischen Medien nicht berichtet wurde, vermutet die Journalistin: Emma, Pinkstinks, Missy Magazine – sie alle blieben leer, was dieses Thema anging. Auch in den sozialen Medien blieben die Feministinnen mit hoher Reichweite still, bemerkt, erörtert und kritisiert Bota – zurecht. Auch hier mag wieder die sehr unterschiedliche Herangehensweise an den feministischen Begriff, beziehungsweise die damit verknüpften Ziele, ausschlaggebend sein. Wo hier für Quoten gestritten wird, wird dort, wo Frauen Ingenieurinnen sind, für Familiengeld gestritten. Es sind unterschiedliche Lebenswelten und in aktivistischen Kreisen zählt dies nochmals doppelt. Was eigentlich äußerst bitter ist, wenn der Kampf für Menschen-, Bürger- und Freiheitsrechte mit Frauen in der ersten Reihe nicht genug hergibt, um Hashtag-tauglich verbreitet zu werden. 

So steht am Ende die Frage: Gilt das alles als „schon gescheitert oder noch nicht gesiegt?“ Tja, die Forderungen von Tichanowskaja sind bekannt, vor allem jene über Sanktionen an das Geld des Regimes zu gehen und Politik nicht auf Bildern, sondern Werten aufzubauen. Doch ob sie gehört werden? Die EU war zuerst engagiert, dann weniger. Dass Lukaschenko den Blogger und Journalisten Roman Protassewitsch aus einem Linienflug holen ließ, der zuvor abgefangen und entführt wurde, mag mit „das Beste“ sein, was den auf Veränderung hoffenden passieren konnte. So sah man in (West-)Europa, wie konkret die Bedrohung ist. Genau wie die Vorfälle um die Olympionikin Kristina Timanowskja, die nun Asyl in Polen bekommen hat. Oder der „erhängt“ in Kiew aufgefundene belarussische Aktivist Witali Schischow, der mit seiner Organisation Belarussisches Haus der Ukraine belarussische Flüchtlinge unterstützte. Die ukrainische Polizei ermittelt wegen Mordes (angemerkt sei, dass er auch Kontakt zu rechtsextremistischen Kreisen gehabt haben soll).

Warten auf die Zukunft?

Und doch wurde letzte Woche Viktor Babariko zu 14 Jahren Lagerhaft verurteilt; der Prozess gegen Maria Kolesnikowa, der die Gründung einer extremistischen Vereinigung mit dem Ziel der illegalen Machtergreifung vorgeworfen wird, begann, sie muss mit bis zu 12 Jahren Haft rechnen. Russlands Präsident Wladimir Putin macht keinerlei direkte Anstalten, Lukaschenko fallenzulassen. Der Alltag im Land sähe so aus, als wäre nichts passiert, sagte heute Morgen im Deutschlandfunk erst Tatiana Shchyttsova, die an der nun in Vilnius befindlichen erwähnten Europäischen Humanistischen Universität als Professorin für Philosophie tätig ist, sich aber auch oft, wie am heutigen Morgen, in Minsk aufhält. Was aber nicht heiße, dass niemand mehr Veränderung wolle, viel eher herrsche Angst.

Und, auch das betont Bota zum Ende ihres so lesenswerten Buches, die Wirkungen solcher Proteste entfalten sich oft erst mit einer gewissen Verzögerung. Das könnten eben auch mal ein paar Jahre sein. Und dann steht die nächste Frage im Raum: Wie einigt sich diese so heterogene Gesellschaft auf die Zukunft?

Nicht nur weil diese Frage eine spannende sein wird und sie uns nach Lektüre des Buches näher ist, ist Die Frauen von Belarus lesenswert. Alice Bota schreibt packend, informativ und lehrreich; sie hält uns den Spiegel vor, konfrontiert uns mit Gewalt, anderen Lebenswelten und zwingt uns, über den Tellerrand zu blicken, ohne jemals reißerisch zu sein. Eines der besten Sachbücher des Jahres. 

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Eine Leseprobe findet ihr auf der Buchseite des Verlages.

Alice Bota: Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit; 1. Auflage, Juli 2021; Klappenbroschur; 240 Seiten; Berlin Verlag; ISBN: 978-3-8270-1442-9; 18,00 €, auch als eBook erhältlich

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