Ratched: Auf liebevolle Weise verdorben

Es war hier schon an anderer Stelle beinahe wortwörtlich zu lesen: Wir sind große, wenn auch kritische, Fans von Ryan Murphy. Bei allem komischen und verworrenen Kram, den der gute Mann hin und wieder abliefert, hat er immerhin Mut, Neues zu probieren, überschreitet Grenzen und scherte sich im Grunde noch nie um „Das könnt ihr nicht machen“-Sager. Sein Œuvre ist entsprechend breit und seine bisherigen Netflix-Veröffentlichungen The Politician, Hollywood, The Boys in the Band, The Prom und eben auch Ratched machen das mehr als deutlich. Die Serie, die (vorerst) auf zwei Staffeln ausgelegt ist, erzählt die Vorgeschichte der fiktiven Mildred Ratched aus Einer flog über das Kuckucksnest und ist nicht zu Unrecht eine der erfolgreichsten Netflix-Produktionen.

Jede*r ist mindestens Zwei 

Ausgangspunkt der Serie ist, dass Mildred Ratched (Sarah Paulson, auch Co-Produzentin) im Jahr 1947 eine Anstellung als Krankenschwester an einer der führenden psychiatrischen Kliniken im Norden Kaliforniens sucht. Allerdings muss Ratched, die eigentlich gar nicht so recht Krankenschwester ist, sich erst einmal in ein Anstellungsverhältnis manipulieren. Es muss ein Erfolg werden, denn in der von Dr. Richard Hanover (Jon Jon Briones) geleiteten Einrichtung sitzt ihr Bruder Edmund Tolleson (Finn Wittrock) nach dem brutalen Mord an vier katholischen Priestern zur psychiatrischen Begutachtung ein. Ratcheds Plan ist es, durch ihre Anstellung die Möglichkeit zu bekommen, ihn zu befreien.

Das verantwortungsbewusste Psychiatrie-Team von Dr. Hanover. // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

So leicht ist das allerdings nicht, denn nicht nur die skeptische und garstige Schwester Betsy Bucket (Judy Davis) steht Mildred im Weg, auch die neuartigen, streitbaren und nicht ohne Konsequenzen bleibenden Behandlungsmethoden von Dr. Hanover ziehen immer wieder die Aufmerksamkeit von Polizei und Öffentlichkeit auf die Klinik, zumal auch Hannover nicht der ist, der zu sein er vorgibt. Edmund wird ungeduldiger und unberechenbarer und auch aus Mildred, die eine elegante und aufgeräumte Fassade aufrecht erhalten möchte, drängt nach und nach eine in ihr schwelende Dunkelheit hervor. 

Soweit zur Basis der Serie, die, wie sich Personen, die schon einmal etwas von Ryan Murphy gesehen haben, werden denken können, um so einige weitere Nebenhandlungen und Charaktere erweitert wird. Bei der Begutachtung Tollesons geht es um nichts weniger, als einzustufen, ob er auf den elektrischen Stuhl oder dauerhaft in eine psychiatrische Anstalt wie der von Dr. Hannover gehört. Hier kommt die Politik und mit ihr der wunderbar unausstehliche, opportunistische und widerlich-sexistische Gouverneur von Kalifornien, George Willburn (Vincent D’Onofrio), ins Spiel. Mit ihm kommt seine Pressesprecherin und Kampagnenleiterin Gwendolyn Briggs (zurecht für den Golden Globe nominiert: Cynthia Nixon) in die Handlung, die eine emotionale Herausforderung und einen charakterlichen Wendepunkt, aber auch Anker für Nurse Ratched bedeuten soll.

Ein Pfirsich, das wissen wir seit „Call me by your name“, ist nicht einfach nur ein Pfirsich. Ratched (Sarah Paulson) und Betsy Bucket (Judy Davis) sehen das auch so. // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Die Liebe zum Abstrusen

Außerdem schnüffelt noch der undurchsichtige, aber schon mal hochgradig unsympathische, Privatdetektiv und Teilzeit-Auftragskiller Charles Wainwright (Corey Stoll) im Auftrag der Milliardärin Lenore Osgood (jippie: Sharon Stone) in der Vergangenheit von Dr. Hannover rum. Charles und Mildred wohnen beide im von der neugierigen und in mehrerlei Hinsicht nicht ganz sauberen Louise (Amanda Plummer) geführten Motel. 

Hinzu kommen die üblichen kleinen und mittelgroßen Geheimnisse einer Horror-Thriller-Soap, viele Dinge die nicht so sind, wie sie scheinen, manchmal aber doch, weil es sich um eine Falsche-Fährte-Rückwärts-Rolle handelt und da wir uns im Jahr 1947 befinden, gibt es natürlich allerlei sexuelle Verunsicherung und Verteufelung. Aus dieser zieht Ratched auch einen Teil seiner dramatischen Wirkung und legt trotz aller Schockmomente und Brutalität zuweilen eine unglaubliche emotionale Sensibilität an den Tag.

Sophie Okonedo als Charlotte Wells, eine der wichtigsten Patientinnen von Dr. Richard Hanover (Jon Jon Briones) // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Dies allerdings war schon immer eine Stärke Murphys sowie seines langjährigen Arbeits-Kompagnons Ian Brennan: Die Verknüpfung des Absurden, Brutalen und Abstrusen, mit dem Menschlichen, emotional tief Gehenden und Aufwühlenden. Ohnehin liegen diese Dinge näher beieinander als wir das im Alltag oder in der ZDF-Vorabendserie gern wahrhaben möchten. Und hier wird auch die Frage ergründet: Ist das Böse in uns? Sind manche so geboren und es muss unweigerlich aus ihnen herausbrechen? Oder werden sie gemacht? Hinzu kommt die Zuneigung Murphys und seiner Leute gegenüber den Ausgestoßenen, gesellschaftlich Verpönten und aus heutiger Sicht juristisch grundlos Verfolgten.

Ein mutiges Experiment

Das führt mal zu Märchengeschichten wie Hollywood oder The Prom, oder eben zu Horrordramen wie Ratched und manchem Handlungsstrang von American Horror Story. Irgendwo war zu lesen, dass Ratched die schlechteste AHS-Staffel sei, die nie produziert worden ist. Das ist, gelinde gesagt, ignoranter Blödsinn. Ratched folgt einem ganz anderen Rhythmus, ist trotz aller Nebenhandlungen wesentlich fokussierter auf das Kernthema – die Entwicklung Mildreds – und gibt den persönlichen Dramen, die Menschen zu Monstern werden lassen können, weit mehr Raum. Ratched ist zum Teil psychologisches Experiment und eine recht intensive Charakterstudie mit dem einen oder anderen hervorragenden Schockmoment, was AHS im Grunde nie war.

Rettung um jeden Preis? Ratched (Sarah Paulson) und Edmund (Finn Wittrock). // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Allerdings mag manch ein*e Zuschauer*in eine reine Horror-Serie erwartet haben und dann gerade aus diesem Grund enttäuscht sein. Was schade ist, denn die vielen Geschichten, die die Serie erzählt und die Themen, die sie, machmal auch nur in kleinen Bemerkungen, anspricht, sind so vielseitig wie wichtig. Auch darin liegt ein gewisser Mut.

Da ist die zur Mitte der Serie sehr stark in den Vordergrund rückende lesbische Liebesgeschichte, inklusive der Angst vor selbiger und natürlich einer heterosexuellen Scheinehe; da ist die heterosexuelle junge Frau, der immer erzählt wurde, sich sexuell auszuleben sei widerwärtig und krank; da sind die missbrauchten Geschwister; die von Männern unterdrückten Frauen; der liebevolle, schüchterne, von Narben gezeichnete Krankenpfleger; die unter einer Belastungsstörung leidende, ohnehin durch Rassismus ausgestoßene Frau; der an Selbstzweifeln und Hybris verzweifelnde Arzt; die ihren wahrlich psychopathischen Sohn beinahe krankhaft liebende Mutter und so weiter und so fort. All diesen am Scheideweg zum Scheitern, Weitergehen, ins Dunkle treibenden oder bereits daran schwimmenden Figuren gibt die Serie (meist) genug Raum zur Entfaltung. 

Gwendolyn Briggs (Cynthia Nixon) will ihre Liebe zu Ratched (Sarah Paulson) nicht verstecken. // // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Eine blutig-bunte Studie

Zur Besetzung lässt sich kaum mehr sagen als: Fantastisch. Beinahe verwundert es, dass nur Sarah Paulson für ihre Hauptrolle als Mildred und Cynthia Nixon in der Nebenrolle von Gwendolyn für die Golden Globes nominiert worden sind. July Davis als Schwester Betsy ist ganz einmalig vielseitig, Vincent D’Onofrio ist grandios widerlich laut, Jon Jon Briones spielt ebenso erratisch wie schon in seiner kleinen Rolle in American Crime Story: Der Mord an Gianni Versace, Sophie Okonedo und Finn Wittrock changieren zwischen Wut, Wahn, Tragik und Verblüffung und Amanda Plummer als Möchtegern-Diva Louise ist schlicht herrlich drüber und drum auch so bitter. 

Lenore Osgood (Sharon Stone) füttert ihren Goldjungen Henry (Brandon Flynn). // © Saeed Adyani/Netflix, 2020

Inszenierung, Looks, Bilder und Musik sind ebenso rund wie passend, was wahrlich kaum überrascht. Inzwischen hat sich uns Zuschauer*innen beim dem Namen Ryan Murphy und Team dann ja doch eine gewisse Anspruchshaltung eingestellt. Die Musik nimmt übrigens Versatzstücke von Bernhard Herrmanns Musik für Alfred Hitchcock, vorrangig aus Psycho, Der unsichtbare Dritte, Vertigo und einiges nicht verwendete, später veröffentlichte Material aus Der zerrissene Vorhang, wie auch manche Stücke Elmar Bernsteins. Nicht nur, dass diese Musik passt, auch sind die inhaltlich thematischen Motive hier und da ähnlich gelagert. Gesamtkonzept und so.

Ratched ist also mehr als nur der Anfang der blutigen Monsterwerdung von Mildred Ratched. Es ist eine durchdachte, alles in allem gut strukturierte Serie, die kaum Längen hat, dafür aber auch eine gewisse konstante Aufmerksamkeit erfordert. Thriller, Horror und Drama mischen sich zu einer hervorragend inszenierten, blutigen, schlagfertig und gesellschaftskritisch geschriebenen, bunten Charakterstudie.

Ratched; USA 2020; Regie: Ryan Murphy, Nelson Cragg, Michael Uppendahl, Jessica Yu, Jennifer Lynch, Daniel Minahan; Drehbuch: Ian Brennan, Evan Romansky und Jennifer Salt; basierend auf dem Charakter Schwester Ratched aus dem Buch „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey und dem gleichnamigen Film der The Saul Zaentz Company; Darsteller: Sarah Paulson, Finn Wittrock, Cynthia Nixon, Jon Jon Briones, Judy Davis, Charlie Carver,  Sharon Stone, Sophie Okonedo, Brandon Flynn, Corey Stoll, Vincent D’Onofrio, Jermaine Williams, Alice Englert, Amanda Plummer, Hunter Parrish, Rosanna Arquette; Laufzeit: 45 – 62 Minuten; FSK: 16; Ryan Murphy Productions; seit 18.9.2020 auf Netflix verfügbar

AS

Hier könnt ihr zwei (sehr unterschiedliche) Trailer sehen:

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