Was den Machtmenschen Laschet menschlich macht

Bild: Cover © Klartext Verlag / Foto © the little queer review

Die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Kurzzeitministerpräsidenten von Thüringen wurde Ende 2020 für die (teils satirischen) Jahresrückblicke wieder aus allen Archiven gekramt. Über Corona schon fast vergessen läutete sie das Ende von Annegret Kramp-Karrenbauer an der CDU-Spitze ein. Mitte Januar soll nun endlich ein Nachfolger gewählt werden und unter den Aspiranten auf den Posten ist auch der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet.

Mit Kemmerich verbindet Laschet aber noch eine weitere Gegebenheit: Beide stammen aus Aachen und Kemmerichs Schwester Claudia zählte schon früh in der Karriere Laschets zu dessen Unterstützerinnen. Diesen Umstand und viele weitere – die meisten haben mit Kemmerich wenig zu tun – erfährt man bei der Lektüre des Buchs Der Machtmenschliche – Armin Laschet. Die Biografie von Tobias Blasius (Funke-Mediengruppe) und Moritz Küpper (Deutschlandradio), das im Spätsommer 2020 im Klartext Verlag erschien. Die beiden Autoren zeichnen in Der Machtmenschliche Leben und Werdegang des Aachener Politikers nach, erläutern seine Herkunft und Prägungen. Und über allem schwebt immer die Frage: Hat Armin Laschet das Zeug zum nächsten Bundeskanzler?

Ein Mensch mit vielen Facetten

Armin Laschet hat viele Facetten, die Blasius und Küpper sauber herausarbeiten. Er ist Aachener und durch seine Herkunft sehr stark geprägt. Er ist Europäer, was die Autoren aus der Herkunft aus dem Dreiländereck mit Belgien und den Niederlanden wie auch aus seiner Zeit im Europäischen Parlament von 1999 bis 2005 herleiten. Er ist als Oppositionsführer und später Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zunehmend zu einem Machtfaktor in der CDU-Führung geworden und hat dennoch stets ein offenes Ohr für die Bürgerinnen und Bürger aus Aachen, NRW und darüber hinaus.

Armin Laschet (l.) als Kleinkind mit Mutter Marcella und den Brüdern Patrick (o. r.) und Remo (u. r.) in Aachen-Burtscheid im Dezember 1967 // © privat

Gleichzeitig ist Armin Laschet bekennender Katholik, durch den christlichen Glauben tief geprägt, Familienvater, Bruder, Sohn und Ehemann. Er ist Journalist, der die Mechanismen der Medien nur zu gut kennt und für sich zu nutzen weiß, dabei aber auch gerne mal einen zu viel raushaut, um „authentisch zu bleiben“. Die Scherben muss er hin und wieder dann auch aufsammeln. Er kann auch mal aufbrausen, aber gleichzeitig verzeihen, ist wohl ein guter Chef, der fördert und fordert. Er genießt seine Zigarillos mit Leidenschaft und hat für so manchen anderen Schnickschnack wiederum kaum Verständnis.

Laschets Rollen in einer linearen Chronik

All das und vieles mehr erfährt man als Leserin oder Leser der Biografie über Armin Laschet. Blasius und Küpper beleuchten die vielen Rollen, die Armin Laschet hat, hatte oder vielleicht auch haben will. Sie sprechen augenscheinlich mit vielen Vertrauten und Weggefährten des heutigen Ministerpräsidenten, darunter NRW-Innenminiter Herbert Reul, Bahn-Vorstand und Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla oder dem früheren Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Sie sprechen auch – das wird spätestens im Epilog klar – mit Laschet selbst. Aber anders als Ich kann, ich will und ich werde, die Biografie von Kristina Dunz und Eva Quadbeck über die scheidende CDU Vorsitzende Kramp-Karrenbauer, ist Der Machtmenschliche eine linear angelegtes Buch ohne Interviews und Statements von Laschet selbst.

Stattdessen halten sich die beiden Autoren in der Regel mehr oder weniger an die Biografie Laschets. Erst geht es darum, wie Laschets politisches Interesse geweckt wurde, dann sein Parteibeitritt, familiäre Beziehungen und erste politische Erfahrungen in Aachen. Dann Bonn in der kurzen Zeit als Bundestagsabgeordneter – ein Parkett, das Laschet als Hauptstadtkorrespondent und Mitarbeiter der Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger und Rita Süssmuth sowie zuvor auch des Aachener Abgeordneten Hans Stercken gut kannte. Weiter geht es nach kurzer Zeit ohne Politik ins Europaparlament und von dort ins Integrationsministerium des Landes NRW unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.

Laschet arbeitete unter anderem für die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die er hier in München begleitet // © privat

All diese und einige weitere Stationen verbinden die beiden Autoren sehr gekonnt mit der Erläuterung gewisser Eigenschaften und Prägungen Laschets, schaffen Querverbindungen und machen dabei in der Regel einen sehr guten Job bei der Informationsverarbeitung. Nur das Kapitel „Der Privatmann: Kulturfreund und Genussmensch“ wirkt ein wenig eingeschoben und baut weniger linear auf der Biografie auf als die anderen, was den Informationsgehalt allerdings nicht schmälert.

Trotz Lob kein unkritisches Loblied

Der Machtmenschliche ist dabei allerdings keine unkritische Lobeshymne auf Laschet, im Gegenteil. Die beiden Biografen machen relativ deutlich, dass sie einen gewissen Aachener Klüngel erkennen – Gerhard Schröder und Hannover lassen grüßen (Einschätzung des Rezensenten). Auch die Dreifachrolle des jungen Laschet als politischer Korrespondent aus Bonn, Mitarbeiter bei der Bundestagspräsidentin und eigenständiger Kommentator lassen sie nicht unkommentiert – eine Verquickung, die Lobbykontrollorganisationen heutzutage wohl nicht mehr ruhig schlafen ließe und für die meisten politischen Karrieren dieser Tage wohl das Aus bedeuten würden.

Laschets gleichzeitige Tätigkeiten als politischer Korrespondent, wissenschaftlicher Assistent und Kommentator wären heute wohl nicht mehr so möglich // © privat

Dennoch, die Karriere von Armin Laschet ist vermutlich anders verlaufen als viele das dachten – inklusive seiner selbst. Manchmal, das kennen wir von der Kanzlerin, kann und muss man Sachen wohl einfach aussitzen. Oder wegmoderieren. Oder man braucht einen gewissen Instinkt, die jeweilige Lage einzuschätzen und für sich zu nutzen. Und diese Fähigkeiten, diesen Instinkt machen sie bei Laschet ebenfalls aus. Durch die detaillierte Befassung mit Laschets Biografie, seinen einzelnen Stationen, seinen Vorbildern und Förderern, zeichnen Blasius und Küpper sehr deutlich und eindrucksvoll nach, wie Armin Laschet denkt, welche Abwägungen er trifft und wie er entscheidet. Und das funktioniert gut.

Nach dem Schulz-Zug auf einen anderen aufgesprungen

Das dachte sich vermutlich auch der Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen, der durch sein Buch Die Schulz-Story im Wahlkampf mit dem früheren SPD-Vorsitzenden und -Kanzlerkandidaten Martin Schulz bekannt wurde. Schulz‘ Heimatstadt Würselen liegt übrigens in der direkten Umgebung Aachens. Feldenkirchen bat Laschet im November beim WDR-Format Die Konfrontation zum Gespräch und zitierte augenscheinlich aus dem Buch von Küpper und Blasius.

Anders als deren Buch ist das Zwiegespräch von Laschet und Feldenkirchen aber weit weniger informativ und schon gar nicht konfrontativ, wie der Sendungstitel vermuten lässt. Stattdessen schafft es Feldenkirchen positive Eigenschaften – beispielsweise Laschets im Buch so gut herausgearbeitete Moderations- und Kompromissfähigkeit – die man von einem standhaften Demokraten erwarten sollte, negativ zu konnotieren. Auch Feldenkirchens Einschätzungen, beispielsweise dass die CDU derzeit so zerstritten wirke wie die SPD in ihren schlimmsten Zeiten, können wir nicht nachvollziehen. Die CDU sucht – nicht ohne Kontroverse – einen Nachfolger für AKK, ja. Aber sie ist nicht ansatzweise so eine intrigante Partei wie die SPD.

Armin Laschet zeigt Markus Feldenkirchen die Kirche St. Michael in Aachen-Burtscheid, wo er früher Messdiener war. // © WDR/Beckground TV

Laschet – wie wir bei Blasius und Küpper auch erfahren – hat Feldenkirchens Buch „mit Genuss“ (S. 176 – nein, nicht im eingeschoben wirkenden Kapitel „Der Privatmann“) gelesen und kann ob seiner eigenen Prägung als Journalist nicht nachvollziehen, dass Schulz sich von Feldenkirchen begleiten ließ: „‘Niemals‘ würde er so etwas zulassen, beteuert Laschet immer wieder im kleinen Kreis. Dafür kennt er sich und sein zuweilen ebenfalls impulsives Gemüt wohl zu gut“ (ebd.), heißt es bei Blasius und Küpper, um nur ein Beispiel zu nennen, wie die beiden Autoren verschiedene Facetten des Armin Laschet wunderbar zusammenführen.

Ein lesenswertes Buch, unabhängig vom neuen CDU-Vorsitz

Ist Der Machtmenschliche also ein lesenswertes Buch? Die klare Antwort lautet: Ja! Tobias Blasius und Moritz Küpper gehen in ihrer Analyse des Menschen wie auch des Machtpolitikers Laschet tief ins Detail, durchwühlen Archive, sprechen mit Wegbegleiterinnen und -begleitern und zeichnen das Bild einer zutiefst politischen Persönlichkeit. Sie sparen die Schwächen Laschets nicht aus, was Der Machmenschliche davor bewahrt, eine kritikfreie Lobeshymne auf den NRW-Ministerpräsidenten zu werden. Das klingt Michael Bröckers Biografie von Laschets Juniorpartner um den CDU-Vorsitz, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, nicht unähnlich.

Familienausflug der Laschets nach Kopenhagen im Juni 2009: Patrick, Marcella, Armin, Carsten, Heinz und Remo Laschet (v. l.) // © privat

Und selbst, wenn Armin Laschet nächste Woche bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterliegen sollte, er dürfte weiterhin ein wichtiger Akteur in der politischen Welt der Bundesrepublik bleiben. Blasius und Küpper titulieren ihn unter anderem als „Stehaufmännchen“. Laschets Qualitäten als Moderater und Moderator sind auch an anderer Stelle gefragt, zum Beispiel, wenn 2022 mit neuen parlamentarischen Mehrheiten ein neuer Bundespräsident gesucht sein sollte. Also unabhängig vom Wahlausgang nächste Woche ist Der Machtmenschliche eine spannende Lektüre für alle politisch Interessierten, denn Armin Laschet bietet viele spannende Facetten, die das Buch zu entdecken erlaubt. Und, wie Laschet abschließend auch bei Markus Feldenkirchen erläutert: „Es hat jedenfalls nicht geschadet, unterschätzt worden zu sein.“

Tobias Blasius und Moritz Küpper: Der Machtmenschliche. Armin Lascht – Die Biografie; 1. Auflage, September 2020; 384 Seiten; mit Bildteil, teils unveröffentlichter Privatbilder; gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-8375-2335-5; Klartext Verlag; 25,00 €

HMS

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