Weihnachten ist eine ernste Angelegenheit

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Somit gibt es zum Ende der Weihnachtszeit am 2. Februar gleich den Hinweis auf die in gar nicht so ferner Zukunft wieder beginnende Vorweihnachtszeit. Und zwar in Form des Weihnachts-Knigge Fettnäpfchenführer Weihnachten – Da habt ihr die Bescherung von Nadine Luck, die uns mit ihrem Fettnäpfchenführer Bayern – Die Maß aller Dinge förmlich in amüsierte Begeisterung versetzt hatte. Das gelingt ihr mit dem Folgebuch leider nicht ganz so, der Lernfaktor ist allerdings erneut recht hoch.

Vom Jahr 2226 in die Gegenwart

Die Ausgangslage ist dabei eigentlich eine herrliche: Wieder werden die diversen „Lektionen“ von einer Geschichte eingerahmt, in der es zu allerlei Fehlern und Missverständnissen, eben jenen Fettnäpfchen, kommt. Gurian reist mithilfe einer Zeitkapsel aus dem Jahre 2226 gut 200 Jahre zurück in die Vergangenheit, um bei seinen Vorfahren die Sinnhaftigkeit des Weihnachtsfests zu erkunden. In der Zukunft ist nämlich Halloween das Maß aller Dinge und nicht mehr das kerzenbeleuchtete Fest samt Advent, Nikolaus und Christkind oder Weihnachtsmann. Er sucht die Hollerbachs auf, seine direkten Vorfahren. Mutter Annette, Vater Jürgen und deren Kinder Sophie und Lukas staunen nicht schlecht, nehmen Gurian aber nach anfänglicher Skepsis gern auf und lassen sich auf das Experiment ein. Der lehrreiche Spaß kann also beginnen.

Allerdings geht es hier nicht sonderlich spaßig, sondern eher verkniffen, forciert und beinahe garstig-borniert vor. In den die 24 Kapitel einleitenden Geschichten jedenfalls springt der Humorfunke nie so recht über. Mutter Annette ist in den meisten „Türchen“ primär grandios zickig und hat eine arg kurze Zündschnur, ihre Kinder sind verwöhnt und jähzornig (Adventskalender-Gate!) und Gatte Jürgen ist bestenfalls höflich desinteressiert, außer er bringt das falsche, vom ahnungslosen aber gutmeinenden Gurian besorgte, Geschenk zum Wichteln der Büroweihnachtsfeier mit. Humorvoll wird es eher wieder in den mit „O du Peinliche“ betitelten erklärenden Einschüben zu. Hier schreibt Nadine Luck mit dem aus dem Fettnäpfchenführer Bayern bekannten Augenzwinkern (zum Beispiel wenn es um das Weihnachtsessen und den Erfolg der Helene Fischer-Show geht: „Weil die Menschen vielleicht denken, dass sie die Weihnachtsente besser verdauen, wenn Helene Fischer Sport macht?“).

Nachhaltiges Wissen

Allerdings zwei: Der Rest passt. Die Erklärungen zu den jeweiligen Situationen sind humorvoll, ohne ins Lächerliche abzugleiten und erläutern in angenehmem Ton das jeweilige Fettnäpfchen. Dabei geht Nadine Luck quasi chronologisch vor. Eine kurze Einleitung, die uns in die Situation führt und erstmal erläutert, was „Weihnachten“ eigentlich heißt. Dann geht um die ersten Lebkuchen (nicht im August!), den Adventskranz, Weihnachtspost, Adventskalender, Nikolaus, Weihnachtsmärkte, Firmenfeiern, Weihnachtsbäume und -lieder, das Fest(gelage), „Gold, Weihrauch und Mythos“ und schließlich das Ende der Weihnachtszeit, eben Anfang Februar. Wir hatten das hier verdrängt. 

Früher war nicht nur mehr Lametta, da war auch der Baumschmuck klassischer. Was Gurken im Baum suchen? Steht im Buch. // © the little queer review

Zusätzlich gibt es reichlich Informationen zur Geschichte von Bräuchen, Entwicklungen von Traditionen und teilweise gar arbeitsrechtlichen Hinweisen. An mancher Stelle bringt Nadine Luck gar eine kleine Mahnung zu mehr Bewusstsein und nachhaltigerem Verhalten ein, ohne dass diese belehrend oder von oben herab wirken würde. Was auch nicht immer leicht ist. Eine ähnlich sympathische Herangehensweise an ein nachhaltigeres Fest hat übrigens auch Katarina Schickling, deren Ideen wir bereits in der letzten Vorweihnachtszeit erläuterten.

Zusätzlich gibt es in nahezu jedem Kapitel die kleinen, grauen Kästchen durch welche wir Leser*innnen mit noch mehr Wissen versorgt werden. Wo zum Beispiel stehen die berühmtesten Krippen? Wer ist der „Zwarte Piet“? Welche Arten von Bäumen gibt es? Wie ist das mit „Früher war mehr Lametta“ und wieso hängen nun Essiggurken aus Glas im Baum? Wo kommt die „Stille Nacht“ her? Und vieles mehr. Der Fettnäpfchenführer ist also definitiv so reich an Informationen, wie an anderer Stelle frei von Witz. Das bewährte Do’s-&-Don’ts-Lesezeichen gibt es auch wieder.

„Kennst Du Horst Bauer?“

Positiv anzumerken ist weiterhin, dass hier nicht einseitig auf ein katholisches oder evangelisches Weihnachten eingegangen wird, sondern beide, wie auch die säkularisierten Formen, ihren Platz gefunden haben und mit reichlich Hintergrundwissen dargestellt werden. Ebenso findet sich im Buch ein kurzes Interview mit Rolf Zuckowski, der sich darüber ärgert, dass seine „Weihnachtsbäckerei“ auch am Heiligabend gespielt wird. Nun ja, er kann die Tantiemen auf diesen einen Tag herunterbrechen und das Geld an die Sternsinger oder so spenden. 

Ebenso positiv ist es, dass Nadine Luck es hier und da versucht, Rollenklischees nicht zu erfüllen und Tochter Sophie unter dem Weihnachtsbaum mit der Playmobil-Ritterburg ihres Bruders Lukas spielt, der derweil den Aufzug ihres Barbie-Hauses testet. Ebenfalls räumt Luck mit der Weißen Weihnacht auf und dem nicht immer ganz einfachen Thema Schwieger-Familienbesuch kritischen Raum ein und empfiehlt im Zweifel „einen tiefen Blick in Omas Eierlikörflasche“ und hat dazu noch ein herrliches Bullshit-Bingo „Kaffeetafel bei Oma“ gebastelt: „Kennst Du Horst Bauer? Der ist gestorben. Mein Jahrgang.“

Alles in allem bleibt also festzuhalten, dass der Fettnäpfchenführer Weihnachten in puncto schmissigen Witzes nicht an den Fettnäpfchenführer Bayern heranreicht, aber doch kurzweilig und lehrreich ist und womöglich gar ein wenig Trost spendend in der hektischen Vor-Weihnachtszeit wirken kann.

Eine Leseprobe findet ihr hier

Nadine Luck: Fettnäpfchenführer Weihnachten – Da habt ihr die Bescherung; 1. Auflage, November 2019; Flexcover, gebunden, 256 Seiten; ISBN: 978-3-95889-272-9; Conbook Verlag; 9,95 €

AS

Dazu angehört: Everyday is Christmas von Sia, A Very Ally Christmas (Soundtrack), Happiest Season (Soundtrack zum gleichnamigen Film), Christmas with The Puppini Sisters, Benjamin Britten: A Ceremony of Carols und Atemlos (through the Night) [Japanese Version] von Xenia Prinzessin von Sachsen (aus Gründen)

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