Tröstende Worte

Corona verlangt uns allen viel ab, am meisten aber wohl jenen, die durch die Pandemie jemanden verloren haben. Ja, der Tod gehört zum Leben dazu, aber dennoch ist es für viele mehr als hart, damit umzugehen, zumal, wenn es keine Gelegenheit gab, richtig Abschied zu nehmen. Thea Dorn greift diese Problematik auf und arbeitet sie in ihrem im Penguin Verlag erschienenen Briefroman Trost – Briefe an Max auf.

Corona und Verarbeitung

Der Roman behandelt die Geschichte der Berliner Journalistin Johanna, deren Mutter Edda im Frühjahr 2020 nach Florenz reiste, sich dort mit Corona infizierte und zurück in München im Anschluss verstarb. Johanna leidet unter der Situation und der Verarbeitung und findet ohne Vorankündigung Anfang Mai 2020 eine Karte ihres philosophischen Lehrers Max im Briefkasten. Hieraus entsteht ein den ganzen Frühling und Sommer überdauernder Briefwechsel, im Rahmen dessen Johanna sich ihren Frust von der Seele schreibt und schildert, wie sie versucht, den Tod der Mutter und die allgemeine gesellschaftliche Lage in der Pandemie zu verarbeiten.

Johanna greift dabei eine Reihe von Facetten auf, die viele Menschen seit Ausbruch der Pandemie bewegt haben dürften. Es geht um ihre eigene Krisenbewältigung, darum, ob sie der Mutter einen Vorwurf machen soll, dass sie leichtsinnig nach Italien gereist war, oder doch eher sich selbst, weil sie – anders als ihre Mutter – eher warnend und unsicher ob der Lage war. Sie muss sich damit beschäftigen, wie es mit der Wohnung und der Künstleragentur der Mutter weitergeht, was sie behält, was sie verkauft. Und sie muss sich fragen, wie ihr eigenes Leben weitergehen soll.

Eine kleine Corona-Chronologie

Gleichzeitig greift Johanna in ihren Briefen an Max – diese nehmen eindeutig den Hauptteil der Geschichte ein, während Max stets nur eine Postkarte mit kurzen Worten und Fragen schickt – immer wieder das Pandemiegeschehen auf und bringt den Leserinnen und Lesern damit auch immer ein wenig jüngste Zeitgeschichte zurück ins Gedächtnis. Sei es die Erwähnung von frei drehenden Veganköchen, das allgemeine Krisenmanagement oder – sehr begrüßenswert – die Transgender-Debatte um die Harry Potter-Autorin J. K. Rowling: Es gibt immer wieder kleine Aha-Momente (keine AHA-Regeln!), die uns das eine oder andere schon fast vergessene Geschehnis vor Augen rufen.

Daneben geht es stets auch um die Frage, die sich bereits im Titel des Briefromans verbirgt: Trost. Was spendet uns Trost? Wie gehen wir mit Rückschlägen um? Zumal die Pandemie uns in die Einsamkeit treibt und wir diesen Trost nicht immer physisch und bei Bekannten und Verwandten finden können. Johanna schreibt sich ihren Frust von der Seele und gewährt tiefe Einblicke in ihren Gemütszustand. Vielen Menschen dürfte es ähnlich gegangen sein wie der Protagonistin und Thea Dorn schafft es, diese Situation gut in Worte zu fassen – teils auch recht derbe.

Da passt es gut, dass Max seine Erwiderungen so gut dosiert und Johanna mit jeder Karte eine neue Frage mit auf den Weg gibt – meist in Zusammenhang mit den Motiven der ebenfalls im Buch abgedruckten Vorderseiten der Postkarten. Johanna weiß oft nicht unmittelbar etwas damit anzufangen, aber im Lauf ihrer Briefe an Max kristallisiert sich stets heraus, wie Max‘ Fragen sie zur Reflexion treiben, sie dazu bringen, sich selbst, ihr Handeln und ihre Ansichten zu hinterfragen.

Briefwechsel mit einem Philosophen

Dabei wird mehr als deutlich, dass Johanna (und auch Thea Dorn) einem sehr gebildeten Bürgertum angehören. Die Autorin baut sehr, sehr viele Referenzen aus der Kultur in den Briefwechsel ein, was nicht erstaunt, da Johanna für den Kulturteil oder das Feuilleton einer Berliner Zeitung schreibt und auch Thea Dorn im Bereich der Kultur quasi eine Koryphäe ist. Es ist auch alles andere als schlimm, im Gegenteil. Wo die Pandemie der Kultur und dem gesamten Kulturbetrieb gerade so sehr zusetzt, ist es überaus begrüßenswert, dass hier so viele kulturelle Referenzen, Zitate und Bezüge geschaffen werden.

Bei einem Briefwechsel mit einem philosophischen Lehrer sollte es überdies nicht überraschen, dass es weniger um Fußball und Grillpartys geht (wobei auch letztere Erwähnung finden), sondern vielmehr um einen intellektuellen Dialog, um eine Auseinandersetzung mit Seneca und anderen Philosophen. Genau das ist vermutlich auch Dorns Ziel. Und wer Seneca gelesen hat, dem ergibt sich vermutlich auch noch eine weitere Erzähl- und Reflexionsebene. Denjenigen, die statt des Philosophen eher an ein Pharmaunternehmen denken und sich mit dem Römer bislang nicht näher auseinandergesetzt haben (wie der Rezensent), bleibt diese Ebene leider ein Stück weit verschlossen.

Trost – Briefe an Max ist dennoch ein sehr lesenswertes Buch, das Trauer und Verlust auf persönlicher wie auch auf gesellschaftlicher Ebene sehr gut aufarbeitet. Gleichzeitig ist es eine Art kleines Tagebuch des ersten Coronasommers und schafft immer gute Identifikationspunkte mit der Situation der Protagonistin. Trost – Briefe an Max ist somit ein Buch, das vermutlich der Bildungselite sehr viele Denkanstöße gibt, aber auch denen, die nicht jedes Philosophiebuch studiert haben, eine Möglichkeit zur Reflexion und zum Umgang mit Schmerz und Trauer bietet.

HMS

Thea Dorn: Trost – Briefe an Max; 1. Auflage, 2021; Gebunden mit Schutzumschlag; 176 Seiten; 11,8 x 18,7 cm; viele vierfarbige Illustrationen; ISBN: 978-3-328-60173-9; Penguin Verlag; 16,00 €

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