Ausgeliefert

Was hat Corona uns nicht alles gelehrt? Dass Abstand halten manchmal ganz sinnvoll ist. Oder dass wir viel mehr von zu Hause arbeiten können, als wir eigentlich dachten. Oder aber, dass wir uns quasi die ganze Welt des Konsumrauschs an die Wohnungstür liefern lassen können – neues Fahrradkurier-Prekariat eingeschlossen.

Besondere Fracht

Autor Steffen Mensching // Foto: © Lisa Stern

Ein Mann hat den Lieferservice jedoch zu einem besonderen Geschäftsmodell verholfen – zumindest in Steffen Menschings Roman Hausers Ausflug, der Ende Juli bei Wallstein erschienen ist. Protagonist David Hauser, Gründer und Haupteigentümer der AIRDROP AG, hatte in der Erzählung die Idee, eine ganz spezielle Art von Lieferservice zu etablieren, nämlich eine Firma, die die Flüchtlinge der 2020er-Jahre mit Einweg-Transportkapseln in unbemannten Flugzeugen in ihre Heimatländer zurückführt. Abschiebung 4.0 quasi.

Nicht nur heute, sondern auch im Jahr 2029, in dem die Geschichte spielt, ruft das nicht ausschließlich positive Reaktionen hervor. Hauser ist somit auch nur im ersten Moment verwundert, als er in einer seiner Maschinen erwacht und weiß, was ihm bevorsteht: der Abwurf aus der Drohne in einem für ihn fremden Land. Jeder Flüchtling wäre in seiner Heimat gelandet, aber Hausers Ausflug ist eben nicht unbedingt von freiwilliger Natur.

Open Air Home Office

Nach der Landung zählen erst einmal zwei nicht ganz von Ironie befreite Dinge: Wie kommt Hauser zurück? Und wie überlebt er bis dahin? Ein Marsch durch eine unwirtliche und unbesiedelte Steppe, ausgestattet nur mit den nötigsten Utensilien, um überleben und das nächste Dorf erreichen zu können, steht ihm bevor. Von der Liefermentalität in Westeuropa muss er schnell abrücken und in den Survival-Modus schalten, denn wer weiß, wann und wo sich etwas zu Essen und zu Trinken finden lässt.

Und welche Gefahr womöglich hinter dem nächsten Busch oder Hügel lauert. Erst als er von einem alten und nicht sehr redseligen Schäfer aufgegriffen wird, ändert sich Hausers Lage – allerdings nicht unbedingt zum Besseren, denn in der WG mit dem neuen „Mitbewohner“ stellt sich schnell heraus, dass Hausers Rückkehr nach Deutschland wohl nicht so einfach wird wie erhofft…

Auf dem Kopf, in seinem Kopf

Eigentlich müsste Hauser ob seines Ausflugs eine gewisse Zufriedenheit an den Tag legen. Er hat sich selbst, er hat viele Kilometer lang nichts und er kam in das syrischirakischiranisch-kurdisch-afghanischtürkische Nirgendwo – wo auch immer er gelandet ist, wir erfahren es erst spät – durch seinen eigenen besonderen und erfolgreichen Lieferdienst. Das sind die Dinge, an die er laut eigenem Credo glaubt und nun, wo er in seinem Leben nichts anderes hat, will er genau das Gegenteil. Symptomatischer könnte sein Leben nicht auf den Kopf gestellt worden sein.

Denn neben dem Rückweg hat Hauser eine weitere Frage im Kopf: Wer hat ihm das angetan? Seine Referentin, mit der er ein Verhältnis hatte? Sein sozialistischen Ideen anhängender Vater oder seine Hippieschwester, die beide trotz der Ablehnung seines Geschäfts von seinem Geld leben (wollen)? Der ambitionierte Staatssekretär? Ein Geschäftspartner? Aktivist*innen? Sogar seine Reinigungskraft gerät kurz in Verdacht. Ja, Hauser hat viel Zeit, über die Menschen nachzudenken, denen er oder sein Geschäft ein Dorn im Auge sein könnten. Von Reflexion oder Selbstkritik allerdings herrscht dabei kaum eine Spur.

Die neue Welt

In der Tat hat sich die Lage in Hausers jüngster Vergangenheit – und in den uns nun bevorstehenden sieben Jahren – deutlich verändert. Die sechste (und uns nun bevorstehende) Coronawelle sei kurz aber extrem schmerzhaft gewesen – ob das stimmt, werden wir bald herausfinden. Der Ukrainekrieg wird in Hausers regelmäßigen Erinnerungen und inneren Monologen erwähnt. Dass das gesamte globale System trotz mancher Kontinuität auf den Kopf gestellt worden sei. Nur China ist bis auf eine kurze Erwähnung erstaunlich abwesend in Hausers Kopfkino.

All diese und noch einige weitere Punkte greift Steffen Mensching in seinem Roman auf und schafft durch die Figur des nur bedingt sympathischen David Hauser, mit dem wir allerdings dennoch intensiv mitfiebern, ein spannendes Romanuniversum. Wir wissen nicht, wie sehr die utopische Realität, die er für Hauser entwirft, tatsächlich eintritt. An den Haaren herbeigezogen scheint dabei allerdings wenig. Hausers Ausflug ist somit ein überaus informierter Roman, der uns fesselt und leiden lässt, uns mit dem „Was könnte sein“ konfrontiert und uns auch so manchen Missstand aufzeigt, mit dem wir bereits heute konfrontiert sind.

Ein Höhlengleichnis der besonderen Art

Das Spannende an Hausers Ausflug ist, wie es uns manch eine Wahrheit über Gegenwart und mögliche bis wahrscheinliche Zukunft offenbart, vor der viele von uns – so wie David Hauser oder manche seiner Nebenfiguren – gerne die Augen verschließen. Während Hausers „Mitbewohner“ einen recht klaren Blick für die Realität zu haben scheint – spät sollen wir erfahren, dass er eine Weile in Deutschland verbracht hatte und uns Katastrophen wie den rechtsextremen Anschlag von Hanau 2020 in Erinnerung ruft. So fokussiert Hauser auf seine Rückkehr nach Pankow ist, so klar ist der Blick des Schäfers auf die Realität und die Situation, in der Hauser und er sich befinden. Er ist somit ein schöner Kontrapunkt zu dem erfolgreichen Geschäftsmann auf Eigenurintherapie.

Es dürfte nicht von Ungefähr kommen, dass Steffen Menschings Protagonist David Hauser große Teile seiner Zeit in einer Höhle verbringt, über sein Leben sinniert und seinen archaischen Überlebensinstinkten folgt. Hausers Ausflug ist ein Höhlengleichnis der besonderen Art, das seine Leserinnen und Leser – und auch seinen Protagonisten – zweifelnd, aufgewühlt und vielleicht nicht vollends frohgemut, aber dennoch mit Respekt vor der Zukunft und „der Welt da draußen“ hinterlässt. Und dass wir ihr ein Stück weit ausgeliefert sind.

HMS 

Steffen Mensching: Hausers Ausflug ; 1. Auflage, Juli 2022; 249 Seiten; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-8353-5305-3; Wallstein Verlag; 22,00 €

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