Macht der Millionen

Berlin, Ende August 2022, der Berlin Verlag hat an einem heißen Sommerabend in seine Räumlichkeiten geladen, um sein Herbstprogramm vorzustellen. Es ist sehr warm und sehr voll, doch die Getränke und später das spanische Buffet – nicht zufällig, denn Spanien war Gastland der Frankfurter Buchmesse 2022 – helfen durch den Abend. Und natürlich die Bücher aus diesem gar nicht so kleinen und doch wohl sehr feinen Programm, die heute Abend nach und nach vorgestellt werden.

Ein Podcast, Framing und die Lust zu Zerreißen

Gleich eines der ersten ist Macht & Millionen – Die spektakulärsten Verbrechen und Skandale von Kayhan Özgenc und Solveig Gode, die den gleichnamigen Podcast betreiben und hier zwölf ihrer Fälle auf Papier festgehalten haben. Meist haben wir es nicht so mit Büchern zu Podcasats, sind sie doch oft eine reine Wiedergabe dessen, was wir auch nachhören können (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und als die beiden Journalist*innen des Business Insider anfangen, über ihr Buch zu sprechen, sollen wir relativ schnell davon überzeugt werden, uns dieses Mal doch der Lektüre anzunehmen.

Nachdem der Fall der bereits zurückgetretenen ARD-Chefin und rbb-Intendantin Patricia Schlesinger viele Gemüter erhitzte, eröffnen die sympathischen Özgenc und Gode mit einem anderen Skandal, der in jenen Tagen in aller Munde war und sich in ihrem Buch findet: Cum-Ex und die Verstrickungen der Warburg-Bank. Sie zitieren den in diesem Zusammenhang versierten Fachmann und früheren Linken-Politiker Fabio de Masi, der die vom Fiskus fälschlicherweise erstatteten Summen in Relation zu den Schulen in Deutschland setzte. Eine kluge Einordnung des Politikers (Christian Lindner spräche bestimmt von „linkem Framing“), aber wie Özgenc und Gode dieses so vermeintlich unkritisch übernehmen, bringt uns doch ein wenig auf die Palme. Wir flüstern einander zu: „Klingt nach einem Buch zum Zerreißen.“ Also nehmen wir es wider Erwarten mit – und sind nach der Lektüre positiv überrascht.

Neu oder doch nur aufgewärmt?

Soweit zur (verkürzten) Vorgeschichte, wie wir zu Macht & Millionen kamen. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt uns direkt etwas konsterniert, beziehungsweise in unserer ersten Einschätzung bestätigt zurück. Die meisten der hier versammelten Fälle sind ja alter Tobak. VW-Rotlichtaffäre, Cum-Ex, Wulff-Rücktritt, Schlecker, Aldi und Tengelmann – all diese Storys kennt die deutsche Öffentlichkeit doch. Was bitte ist daran neu?

Tatsächlich gar nicht so viel. Klar, wir kennen diese Fälle, wissen dass da was schieflief bei den Schleckers dieser Welt und dass ein gewisser Peter Hartz von Volkswagen Dreck im Reifenprofil hatte. Aber warum nochmal gleich? Viele Details und Hintergründe mögen uns doch nicht mehr einfallen. Das liegt wohl auch daran, dass sich die meisten dieser Fälle über viele Jahre strecken, Ermittlungen, Vertuschungen, Gerichtsprozesse und so weiter. Irgendwann verliert mensch in der heutigen Flut der Berichterstattung eben auch einmal die Geduld oder zumindest die Muße, alles im Detail zu wissen. Müssen die meisten ja auch nicht.

Sammlung der Wirtschaftskrimis

Hier schafft Macht & Millionen tatsächlich Abhilfe. Özgenc und Gode arbeiten die Fälle von Anfang an auf, vom ersten Verdacht einer Untreue oder Vertuschung, von den Bestechungen bei Siemens bis zu abgefackelten Höfen in Niedersachsen. Die beiden versierten Wirtschaftsjournalisten stellen Fakten zusammen, erläutern gut und nachvollziehbar, wer gerade gegen wen eine Fehde austrug, warum hier Millionen zurückgehalten und dort Informationen an die Presse gestreut wurden.

Und so entsteht ein Gesamtbild der Fälle, das sich tatsächlich zumeist liest wie eine spannende Sammlung der bedeutendsten Wirtschaftskrimis, die Deutschland in den letzten ca. zwei Jahrzehnten gesehen hat. Spektakuläre Fälle wie Wirecard oder die Ergo Versicherung mögen fehlen, aber auch solche individuellen Tricksereien wie von der Trickbetrügerin Anna Delvey (Sorokin) oder „Big Manni“ aus dem Ländle liefern eine gute Portion Abwechslung.

Wehe, wenn nicht die Familie…

Generell lassen sich die zwölf Fälle in drei größere Kategorien unterteilen, was das Autorenduo in seiner Einleitung auch selbst vornimmt: Familienfehden wie bei Aldi, Schlecker und Tönnies, Hochstaplerinnen und Hochstapler wie Hedgefonds-Manager Florian Homm und Delvey/Sorokin oder eben institutioneller Betrug wie bei Siemens, VW oder im Cum-Ex-Fall wechseln sich in diesem Buch recht gekonnt ab.

Die Familienstreitigkeiten sind zwar per se nicht unbedingt Skandale, sondern eher deutscher Alltag, nur dürfte es bei den wenigsten um viele Millionen oder Milliarden Euro gehen. Spannend ist übrigens auch, dass sich die meisten dieser Fälle Erbstreitigkeiten in Familienbetrieben aus dem Einzelhandel abspielen – Tönnies ist hier die „glorreiche“ Ausnahme. Und die Frage stellt sich, inwieweit die Fehden bei VW zwischen den Familien Porsche und Piëch nicht auch ein Stück weit in diese Kategorie fallen.

Snüffelstück

Und dennoch: In ihren meist 20 bis 30 Seiten umfassenden Kapiteln arbeiten Özgenc und Gode mit hoher journalistischer Sorgfalt und Akribie die zwölf Fälle auf. Sie bleiben dabei aber fast immer objektiv und gehen – anders als nach dem de-Masi-Zitat erwartet – nicht auf jedes Framing ein, das ihnen vor die Nase gesetzt wird.

Nur in einem Fall auf den letzten Seiten schreiben sie nach einer polizeilichen Durchsuchung ihrer Räumlichkeiten: „Wir wollen keine schnüffelnden Polizisten in unserer Redaktion.“(S. 260). Inhaltlich durchaus nachvollziehbar, zumal das Verhältnis zwischen Presse und Staat oder Politik ohnehin komplex ist. Aber polizeiliche Ermittlungen, die von einem Richter oder einer Richterin abgesegnet sind, und „Schnüffeleien“ sind in einem Rechtsstaat doch unterschiedliche Sachen (ein Gruß geht an dieser Stelle an die Linkspartei).

So sind wir am Ende positiv überrascht von Macht & Millionen, das sich übrigens mit den Podcast-Folgen durchaus gut ergänzt. Klar, viele Dinge wiederholen sich, wenn jemand ein Kapitel liest und die zugehörige Folge hört. Aber die kombinierte gelesene und gehörte Aufarbeitung der Fälle ist unterhaltsam, informativ und überwiegend gut gemacht. Das Buch von Kayhan Özgenc und Solveig Gode ist für Interessierte am täglichen Geschehen in Wirtschaft und Gesellschaft empfehlenswert, für Freundinnen und Freunde des gepflegten politischen Skandals ist allerdings jenseits von Christian Wulffs Rücktritt nichts dabei. Und wir müssen uns nun etwas anderes zum Zerreißen suchen.

HMS

Kayhan Özgenc, Solveig Gode: Macht & Millionen. Die spektakulärsten Verbrechen und Skandale; September 2022; 272 Seiten; Klappenbroschur; ISBN: 978-3-8270-1463-4; Berlin Verlag; 18,00 €

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