Mauer im Kopf des Volkes

Diese Rezension ist neben der regulären Besprechung politisch geprägter Bücher auch Teil unserer Kategorie Superdupermegawahljahr 2021.

Es gibt gute Jubiläen, die feiert man gerne. Hochzeiten, Staatsgründungen, Parteigründungen (auch wenn manche Partei später ein Land mit Terror überzieht). Und es gibt solche, an die man sich nicht so sehr erinnern mag. Am Freitag steht ein solch unrühmliches Datum an und es hat eher etwas von einer Scheidung, einer zementierten Staatsgründung und dem Terror einer Partei zu tun: Der Bau der Berliner Mauer jährt sich zum 60. Mal.

Die Teilung besiegelt

Damit war der letzte Schritt zur deutschen Teilung getan. Ein Volk, zwei Länder. Und auch wenn die physische Teilung schon seit mehr als 30 Jahren überwunden ist, in vielen Köpfen ist sie das noch nicht. Die aus Dresden stammende Autorin Freya Klier hat Stimmen zur deutschen Teilung gesammelt und diese in dem Band Wir sind ein Volk! – Oder? – Die Deutschen und die deutsche Einheit zusammengetragen, der 2020 im Verlag Herder erschien.

In drei Teilen und 21 Kapiteln (zuzüglich eines von ihr verfassten Vorworts) lässt Klier ihre Gastautorinnen und -autoren zu Wort kommen. Darunter befinden sich Personen, die einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein dürften – die früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und Wolfgang Thierse oder der vormalige CDU-Generalsekretär Peter Tauber – und auch solche, die vielleicht nur einer kleineren Öffentlichkeit bekannt sein dürften. Alle legen sie aber eindrücklich dar, wie sie die deutsche Teilung erlebten, die Zeit nach dem Mauerfall und mit welchen Herausforderungen die Deutschen als Volk oder auch als Individuum konfrontiert waren oder noch immer sind.

Ausatmen, kennenlernen, teilen

In Teil 1, „Das Ausatmen beginnt“ geht es um die Zeit und die Erfahrungen der Autorinnen und Autoren noch vor dem Mauerfall. Wie sahen einzelne Menschen aus Westdeutschland in Richtung Osten, teils wortwörtlich. Wie erlebten die Menschen im Osten den staatlichen Dualismus? Welchen Untaten waren manche von ihnen in der DDR ausgesetzt?

Teil 2 heißt „Erstes Kennenlernen“. Die Zeitzeuginnen und -zeugen in diesem Kapitel berichten von der unmittelbaren Zeit nach dem Mauerfall. Peter Tauber beispielsweise reiste als Teenager nach Thüringen, um sich einen Eindruck vom Leben vor Ort zu machen – leider nur mit eher wenig Kontaktaufnahme. Editha Krummreich hingegen baute für die Allianz das Versicherungsgeschäft in einem Teil Ostdeutschlands auf. Und Lothar Tautz beispielsweise schildert seine Empfindungen bei seiner Arbeit in der Abwicklung des DDR-Handelsministeriums.

„Die Teilung überwinden heißt teilen lernen“ ist schließlich der Titel des dritten Teils. Hier kommen Autorinnen und Autoren zu Wort, die – anders als Peter Tauber – doch etwas mehr in Kontakt mit „dem Anderen“ kommen konnten. Norbert F. Pötzl erläutert, warum die noch heute vielfach als Sündenbock geltende Treuhand-Anstalt gar nicht so schlimm war und hier manches falsche Argument im Umlauf ist. Rainer Seidel übersiedelte von NRW in den heutigen Berliner Speckgürtel, um dort Schülerinnen und Schüler zu unterrichten. Und Friedhelm Schülke erläutert, wie er in leichter Goldgräberstimmung „Wandel durch Handel“ betrieb, dadurch zu kleinem Wohlstand, aber auch dem damit einhergehenden Neid kam. Norbert Lammerts Schlusskapitel gleicht allerdings eher einem das Buch abrundenden Epilog als einem wirklich substanziell neuen Beitrag.

Einzelstimmen kommen zu Wort

Freya Klier bringt also eine Reihe ganz unterschiedlicher Stimmen und Erfahrungen zusammen. Das ist erst einmal gut, denn auch mehr als 30 Jahre nach der deutschen Einheit wissen allzu viele Menschen nichts von „denen da drüben“. Als Bayer, der mittlerweile im früheren Ost-Berlin lebt, schließe ich mich hier ausdrücklich nicht aus und das trug nicht zuletzt zu meiner Motivation bei, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Asal Dardan schrieb in ihrem für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buch Betrachtungen einer Barbarin, dass es gerade die Geschichten der Einzelnen, der Menschen sind, die wir hören müssen.

Und genau das bietet Freya Kliers Buch: Betrachtungen von Einzelnen, von denen, die wir leider heute oft noch so ein wenig als „Barbaren“ empfinden (Stichwort: die Ossis!). Einzelne erzählen von ihren Schicksalen und Erfahrungen mit und in dem geteilten und vereinigten Land. Viele – auch Westdeutsche – saßen in der DDR in Haft, einige wenige dürfen ihre Erfahrungen beschreiben (sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang: Carmen Rohrbach in ihrem Buch Wildes Kasachstan). Die Treuhand, wie gesagt, auch sie wird noch heute verteufelt, um gegen „das System“ und „die politische Klasse“ zu wettern.

Es ist lange nicht alles drin

Gleichzeitig ist Wir sind ein Volk! – Oder? natürlich alles andere als vollumfänglich. Die in der Regel etwa zehn Seiten langen Texte lassen sich zwar sehr gut lesen und vermitteln auch immer einen schönen Eindruck von den Geschichten, die die Autorinnen und Autoren erzählen. Manch eine Kleinigkeit ist dabei aber doch nicht ganz austariert. Rein regional fällt zum Beispiel auf, dass es verhältnismäßig oft um Berlin, Sachsen und Thüringen geht, während Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt leider teils nur in ein oder zwei Kapiteln stattfinden.

Manche der Autorinnen und Autoren scheinen sich auch zu kennen oder sogar verwandt/verschwägert zu sein. Das legt leider ein wenig den Verdacht bzw. die Sorge nahe, dass es auch ein wenig ein Buch für und aus einer kleinen Blase sein könnte. Manche greifen dieselben Personen und Ereignisse auf – Wolfgang Schnur, einer der anfangs führenden Köpfe im Zuge des Einigungsprozesses beispielsweise taucht in mehreren Kapiteln auf (so wie beispielsweise auch in der Dokumentation Frau Bundeskanzlerin von Stefan Aust und Karin Klocke). Klar, zentrale Personen tauchen immer wieder auf, aber hier sind es ja doch eher intimere Einblicke der Autorinnen und Autoren.

Auch die Perspektiven sind nicht alle ideal. Bei den westdeutschen Autorinnen und Autoren schleicht sich nach und nach so ein Gefühl ein. Es ist nicht Überlegenheit, aber man merkt dem Buch an, dass der Zusammenschluss der beiden Staaten 1990 ein Beitritt der DDR zur Bundesrepublik war und keine Hochzeit Gleichrangiger. Bei den ostdeutschen Autorinnen und Autoren wiederum – das ist auch ein wenig nachvollziehbar – zeigt sich oft die Sehnsucht nach „dem anderen Leben“, gepaart mit dem Gefühl ein wenig überrannt worden zu sein.

Trotzdem, das sind alles eigentlich nur leichte Kritikpunkte an einem ansonsten lehrreichen Buch. Freya Kliers Wir sind ein Volk! – Oder? ist vermutlich nicht das wichtigste Nachschlagewerk, um die noch heute auftretenden Bruchstellen in unserer Gesellschaft offenzulegen und den Leserinnen und Lesern die Erinnerung an die deutsche Teilung wachzuhalten. Gleichzeitig gibt es aber gerade jungen Menschen einen Einblick in diese Umbruchszeit und versammelt die Stimmen vieler einzelner, die ihre eigene Geschichte mit der deutschen Einheit und dem deutschen Volk erzählen. Insofern lässt sich die Frage, ob wir schon ein Volk sind vermutlich zwar verneinen, aber Klier leistet ihren Beitrag dazu, dass zumindest das Verständnis für „den anderen Teil“ des Volkes auf beiden Seitenwächst. Die Berliner Mauer, sie ist zwar weg, aber manche Teilung lässt sich eben auch nach mehr als 30 Jahren nicht so ganz überwinden.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Freya Klier (Herausgeberin): Wir sind ein Volk! – Oder? – Die Deutschen und die deutsche Einheit; 3. Auflage; Hardcover; 224 Seiten; Verlag Herder; ISBN: 978-3-451-38837-8; 20,00 €, auch als eBook erhältlich

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